Nikolaus
 
 

Theologe Pock: Kirche ohne Caritas ist nicht Kirche Christi

St. Pölten, 22.11.12 (dsp) „Caritas gehört ins Zentrum kirchlichen Handelns. Caritas sei nicht nur ein individueller Auftrag ist, sondern Caritas ist Kirche“, betonte der Wiener Pastoraltheologe Univ.-Prof. Johann Pock bei der traditionellen Elisabeth-Feier der Caritas der Diözese St. Pölten. Der Vorstand für Praktische Theologie an der Universität Wien referierte im St. Pöltner Bildungshaus St. Hippolyt über „Caritas und ihre Verankerung in der Kirche“.
„Die Caritas ist ein Sakrament, denn im Helfen, im karitativen Tun, ist Christus gegenwärtig“, so Pock. Das, was Christen in unterschiedlicher Weise in der Pfarrcaritas leisten, mache Christus gegenwärtig. Neben dieser Sakramentalität von Caritas habe „sie aber noch weitere Kennzeichen, die in Zukunft zentral sein werden, auch und gerade in unseren Pfarren. Es sind Gedanken, die unterstreichen sollen: Es kann und darf keine Kirche geben, in der die Caritas ausgelagert ist – als Sozialinstitution; als humanitäres Helfen“. Caritas gehöre ins Zentrum kirchlichen Handelns. Ein weiteres Kennzeichen für die Caritas sei ihr prophetischer Auftrag, den sie zum Beispiel deutlich mache „in ihrem Einsatz gegen die etablierten, lebensbehindernden Zusammenhänge“. Prophetie sei nichts Bequemes – wie auch Caritas nicht bequem sei -: weder in der Pfarre noch in der Kirche oder in der Gesellschaft.

Für den karitativen Dienst der Kirche werde das Hinschauen, Hinhören, Wahrnehmen der Wirklichkeit noch wichtiger werden – und die karitativ tätigen Menschen seien dann gewissermaßen die Augen und Ohren der Menschen, die man leicht übersieht. Diese karitativ tätigen Menschen seien die Stimme derer, die man sonst überhöre – und das könne unbequem sein, „wenn man einen Jahresplan einer Pfarre macht; wenn man über die geplanten Projekte der Pfarre, der Diözese spricht“. Die Caritas verwirklicht damit etwas, was zum Kernansatz einer Praktischen Theologie gehöre: Die Vorordnung der Praxis vor der Theorie.

Theologisch gesprochen: Wahrheit findet sich nicht nur im Wort, in der Lehre (also in der „Orthodoxie“), sondern auch im konkreten Handeln (also in der „Orthopraxie“). Wie sehr nehmen Menschen doch wahr, wenn Wort und Tat nicht übereinstimmen!

Die Caritas handelt absichtslos – und ist trotzdem Verkündigung

In der aktuellen kirchlichen Diskussion sei ein Wort im Zentrum: das Wort von der „Evangelisierung“. Die Bischofssynode in Rom im Oktober habe sich drei Wochen lang mit der Frage der Verkündigung des Evangeliums beschäftigt. Es gehe dabei vor allem um die Frage, wie man in der heutigen, post- oder spätmodernen Zeit den Glauben so zur Sprache bringen kann, dass Menschen sich diesem Christus zuwenden (erstmals oder wieder neu). Bei Evangelisierung werde dabei nicht nur an die Wortverkündigung gedacht, an die Mission durch Predigt, sondern vor allem auch an die Verkündigung durch das persönliche Zeugnis.

Damit tue sich aber eine Spannung zu dem auf, was für die Caritas sehr wichtig ist: nämlich die Hilfe ohne Hintergedanken – also das, was in der Diakonie-Diskussion als „Absichtslosigkeit“ bezeichnet werde. Gemeint sei damit die Zuwendung zum anderen nicht aus Eigennutz, aus Eigeninteresse, sondern rein zugunsten des anderen und seines Andersseins. Papst Benedikt hat in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ („Gott ist die Liebe“) diese Absichtslosigkeit benannt. Als eines der drei Kennzeichen christlicher Caritas sagt er: Sie darf nicht der Gewinnung von Kirchenmitgliedern dienen, denn: „Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen.“ (DCE 31) Das heiße laut Pock: „Caritas hat keine missionarischen Zwecke, keinen Hintergedanken einer christlichen 'Rekrutierung'“. Dennoch müsse man beim diakonischen Handeln nicht „sozusagen Gott und Christus beiseitelassen“. Der Helfer dürfe und solle – wenn er gefragt wird! – über die Gründe seines Handelns Auskunft geben: „Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen.“ Absichtslosigkeit der Nächstenliebe sei oftmals „das beste Zeugnis“ für den christlichen Gott, der Liebe ist. Gerade dieser Punkt sei für kirchliches diakonisches Handelns sicher nicht einfach – und kirchliche Initiativen müssten sich fragen lassen, ob sie nicht doch unterschwellig diakonische Hilfe von „Missionserfolgen“ abhängig machen. Gleichzeitig müsse bei Hilfesuchenden die entsprechende Vorstellung abgebaut werden: „Nämlich das Vorurteil, dass mit der kirchlichen Hilfe gleichzeitig missioniert werden soll; dass Hilfe vom Glauben abhängig gemacht werde.“ Bei den Helfenden selbst lade die Enzyklika dazu ein, die Motive des eigenen Tuns zu klären: Was motiviert sie und stärkt sie? Was können sie konkret sagen, wenn sie nach ihren Motiven gefragt werden? Hier könne ein Blick in die frühe Kirche sehr hilfreich sein: Denn die Attraktivität der frühen Gemeinden war nicht zuletzt dadurch gegeben, dass hier ein Ausgleich zwischen arm und reich stattfand; dass Bürger und Bettler am selben Tisch sitzen konnten. Wo Caritas (und damit das Evangelium) unprätentiös gelebt wird, dort zeige die Kirche das menschenfreundliche, solidarische und einfühlsame Gesicht Gottes – und dort werde sie auch attraktiv für Außenstehende durch das Zeugnis ihres Handelns.

Kirche ohne Caritas ist nicht Kirche Christi!

„Wenn wir hier von der Zukunft der Caritas in den Pfarren und Gemeinden reden, so gehört für mich als Grundaussage vorangestellt: Es gibt christliche Gemeinde nicht ohne Caritas!“, so Pock. Das lasse sich an der Gemeindeentwicklung der Kirche von ihren Ursprüngen her ansehen, wo der Einsatz für die anderen, für die Armen, für die Menschen am Rand, von Anfang an zum Kernstück christlicher Gemeinde gehörte. Das aber bedeute: Es ist nichts, was die Pfarrgemeinde „eben auch macht“ was neben anderen Dingen wie dem Pfarrfest, Ausflügen, der Liturgiegestaltung, einer schönen Erstkommunion und Firmung halt „auch“ dazugehört. Vielmehr sei es Kernstück pastoraler Tätigkeit der Kirche. Daher zieht der Wiener Pastoraltheologe den Schluss: „Kirche ist nicht Kirche Jesu Christi, wenn sie nicht auch eine dienende Kirche ist.“

In ähnlicher Weise hat es bereits Dietrich Bonhoeffer gesagt: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Im weiteren Kontext dieses Satzes weist Bonhoeffer darauf hin, was der tragende Grund für das „Für-andere-Dasein“ der Kirche ist: Es verdankt sich zuallererst dem radikalen „Für-andere-Dasein“ Jesu Christi. Ohne diese Fundierung im Leben Jesu greife eine Verortung der Caritas als Grundsatz von Kirche zu kurz und könnte zudem leicht einer triumphalistischen Gleichsetzung von Christus und Kirche Vorschub leisten. Stattdessen sei der Kirche in der Nachfolge Jesu ein ganz anderer Weg gewiesen, nämlich der Weg in die Armut.

Eine Differenzierung müsse hier laut Pock angebracht werden: So sehr der karitative Dienst zur Pfarre dazugehört, so sehr ist es auch nötig, Caritas auch außerhalb der Gemeinden zu pflegen. Auch dies werde sehr früh deutlich: „Es entwickeln sich Orden, die karitativ tätig werden; es entwickeln sich Institutionen in kirchlicher Trägerschaft. Sie alle sind nicht eine Konkurrenz zur Pfarre, sondern eine wichtige Ergänzung. Und sie machen eines auch für die Pfarrcaritas ganz deutlich: Nämlich den Blick nicht zu schnell nur nach innen zu richten.“

Jede Institution gerät irgendwann in die Gefahr, betriebsblind zu werden: Nur mehr auf jene zu schauen, die da sind; Selbsterhaltung zu betreiben. Gerade die Caritas ist jener Dienst in der Kirche, der nach außen drängt. Der Blick auf Armut und Not kann nicht nur auf jene beschränkt sein, die unmittelbar in der Pfarre aktiv oder präsent sind.

Pock nennt als große Herausforderung der Zukunft: „Kirche muss Kirche vor Ort bleiben.“ - Bei abnehmenden Ressourcen (sowohl personell – weniger Priester; als auch finanziell) bestehe eine Tendenz, sich auf das sogenannte „Kerngeschäft“ zu beschränken. Und da sei man dann sehr schnell bei den klassischen pastoralen Feldern:
Sakramentenspendung, Verkündigung … - Und es bestehe schnell eine Tendenz, sich auch räumlich auf einige Zentren zurückzuziehen.
- Gerade die Pfarrcaritas mache aber deutlich, wie wichtig die Präsenz der Kirche vor Ort ist – und das heißt: Dort, wo die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten leben; dort, wo sie ihren Alltag gestalten – und wo sich ihnen die großen Fragen des Lebens stellen – nach Liebe und Leid, Leben und Tod.
- Das aber bedeute für Pock: Egal, wie sich in den nächsten Jahren die pfarrlichen bzw. kirchlichen Strukturen ändern werden, es braucht Menschen vor Ort, in überschaubaren Bereichen, die im Kontakt zu den Menschen stehen; die mit ihrem selbstverständlichen Dienst Christus präsent machen – egal, ob die anderen dies als Präsenz Gottes oder Christi verstehen und interpretieren oder nicht.

Caritas ist politisch

Pock: „Jesus verpflichtet seine Jünger darauf, den Menschen zu helfen. Er macht sich gewissermaßen selbst zum Anwalt ihrer Not und überträgt diese Verantwortung an die Zwölf und damit an die Kirche – so z.B. in der Szene der Speisung der 5000, wenn er ihnen sagt: 'Gebt ihr ihnen zu essen.'“ In der Profilbildung der Caritas finde sich in letzter Zeit sehr häufig dieser Aspekt der Anwaltschaftlichkeit. Im Hintergrund stehe die Erfahrung, dass keine Organisation alle Nöte lösen und alle Leiden lindern könne. Anwaltschaftlichkeit meine eine bewusste Parteinahme für Menschen in Not – ungeachtet ihrer religiösen, sozialen oder ethnischen Herkunft. Jesu Gerechtigkeitsverständnis, seine Zuwendung zu Sündern und Ausgestoßenen, habe öffentlich Anstoß erregt. Er habe jegliche politische Macht in dieser Welt abgelehnt – und dennoch sei sein Handeln ein zutiefst politisches gewesen, weil er herrschende Machtverhältnisse hinterfragt und Unterdrückungsverhältnisse aufgedeckt habe. Es gehe nicht nur darum, die je konkrete Not einzelner Menschen zu lindern, sondern es müsse auch das System geändert werden, das Nöte hervorruft oder fördert, und sich für Gerechtigkeit stark zu machen.

Es gelte gut zu unterscheiden zwischen jenen Fällen, bei denen es um eine individuelle Hilfe geht und wo einzelne in Pflicht genommen werden; und jenen Fällen, wo eine Gemeinde, eine Pfarre, eine Institution, die Politik in ihrer Verantwortung angesprochen werden müssen.

Die Zukunft der Kirche in unserem Land wird zu einem guten Teil darin liegen, wie sehr dieser Dienst am Nächsten als genuiner, ureigentlicher Dienst von Kirche, von Christen ausgeübt und wahrgenommen werden wird. Für Pock sei es daher letztlich weniger die Frage, ob die Caritas wohl auch kirchlich ist – denn das sei sie von ihrem Grundansatz her sowieso; die Frage müsste eigentlich umgekehrt gestellt werden: Ist die Kirche wohl auch karitativ? Denn daran entscheidet sich ihr Kirchesein und ihre Christlichkeit.

Bischof Küng würdigt Einsatz der Caritas

Beim Gottesdienst mit Caritas-Mitarbeitern dankte Diözesanbischof Klaus Küng für „alles was Gutes geschieht durch die Caritas“. Der St. Pöltner Bischof hob die heilige Elisabeth als besonderes Vorbild hervor und verwies auf ihre makellose Großzügigkeit und ihre radikale Nächstenliebe. Sie habe Kraft aus Christus geschöpft und sei immer wieder verändert aus der Eucharistischen Anbetung hervorgegangen. Bester Schutz vor Burn Out und optimale Voraussetzung für seelische Gesundheit sei die Pflege des Kontemplativen. Er verwies darauf, dass „innerer Friede wichtig ist für die oft schwere Arbeit“.

Weiters wurden bei dem Festakt jene Jubilare geehrt, die 20, 25, 30 oder 35 Jahre für die Caritas der Diözese St. Pölten arbeiten.

Bild 1: Bischofsvikar Gerhard Reitzinger, Emmerich Hahn (Caritas-Bereichsleiter für Menschen in Behinderungen), Prof. Johann Pock, Caritas-Direktor Friedrich Schuhböck, Generalvikar Eduard Gruber, Weihbischof Anton Leichtfried. Vordere Reihe v.l.n.r.: Bischofsvikar Franz Schrittwieser, Michaela Engl (Caritas-Fachbereichsleiterin Freizeit für Menschen mit Behinderugnen), Bischof Klaus Küng, Christine Hermann (ehem. Werkstattleiterin für Menschen mit Behinderungen in Schrems).
Bild 2: Diözesanbischof Klaus Küng und Caritas-Direktor Friedrich Schuhböck dankten bei der Elisabeth-Feier im Bildungshaus St. Hippolyt jenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die seit 20, 25, 30 oder 35 Jahren im Dienst der Caritas stehen.
Bild 3: Bischof Klaus Küng zelebrierte den Gottesdienst in der Kapelle des Bildungshauses St. Hippolyt.
Bild 4: Theologe Johann Pock.