"Psychisch krank ist nicht verrückt"

St. Pölten, 07.12.2012 (dsp) „Ich habe meinen Traumjob gefunden.“ Davon ist Martina Artner aus Horn überzeugt. „Ich kann mit Menschen arbeiten und ihnen in schweren Lebenssituationen zur Seite stehen“, erklärt die ausgebildete Sozial- und Berufspädagogin stolz. Als Arbeitsassistentin der Caritas im Bereich berufliche Integration unterstützt sie Menschen mit psychischen Erkrankungen bei der Suche nach dem passenden Arbeitsplatz.
Vier bis sieben Termine täglich und intensive Beratungsgespräche bilden dabei den Alltag der Caritas-Mitarbeiterin: „Ich versuche die Leute immer dort abzuholen, wo ihre Probleme liegen. Ich kann mir Zeit nehmen und sie in dem Tempo begleiten, das sie aufgrund ihrer Erkrankung brauchen, um ihren beruflichen Weg zu finden.“ Ein ständiges Hinterfragen nach den Berufswünschen und nach den individuellen Fähigkeiten ist für Martina Artner das Um und Auf ihrer Tätigkeit. Denn nur so können die Wünsche auch in die Realität umgesetzt werden.

„Meine Arbeit endet erst, wenn ein entsprechender Arbeitsplatz gefunden wurde oder bis der weitere schulische Werdegang klar ist. Bis dahin helfe ich den Menschen beim Entscheidungsprozess und schaue ob die Vorstellungen finanziell und persönlich realisierbar sind.“ In enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitsmarktservice, der Arbeiterkammer und dem Bundessozialamt versucht sie die Wünsche der Erkrankten in die Realität umzusetzen. „Oft gehen die Probleme weit tiefer und enden nicht mit der beruflichen Situation. Dann ermutige ich die Leute, sich an entsprechende Fachärzte und Therapeuten zu wenden.“

Auch bei Fragen zu Lebenslauf und Bewerbungsgesprächen steht sie ihren Klienten und Klientinnen zur Seite. Dabei bildet sie oftmals auch das Bindeglied zwischen Mensch und Betrieb. Festgefahrene Vorurteile sind keine Seltenheit wie Martina Artner weiß: „Psychisch krank ist nicht verrückt. Die Leute wollen und können arbeiten und ihre Leistung bringen. Das glauben aber viele Unternehmer nicht.“ Aufklärungsarbeit steht somit für die Sozialpädagogin auf der Tagesordnung.

Doch nicht nur Menschen mit psychischen Erkrankungen werden im Bereich der beruflichen Integration unterstützt. Auch Personen mit Behinderungen oder mit Lernschwächen können Hilfe im Rahmen dieser sozialen Einrichtung in Anspruch nehmen. Und das seit über 15 Jahren.

Denn in diesem Jahr feiert dieser soziale Dienst der Caritas sein 15-jähriges Bestehen. Ein Jubiläum, vor dem auch Caritasdirektor Friedrich Schuhböck seinen Hut zieht: „Als Caritas können wir stolz sein, dass sich bei uns fast 70 Personen einer Aufgabe widmen, die Menschen einen Boden unter den Füßen bereitet. Den Wert einer gelungenen Integration in den Arbeitsmarkt können Nicht-Betroffene nur schwer ermessen.“ Gesteigerter Selbstwert, Anerkennung, Sozialkontakte und ein regelmäßiges Einkommen – für die KlientInnen der ArbeitsassistentInnen alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Das weiß auch Bereichsleiterin Anna Durstberger. Gerne erinnert sie sich an die Anfangszeit zurück: „Im Fokus stand von Beginn an der Mensch. In enger Zusammenarbeit mit dem Bundessozialamt begannen wir die Dienste zu etablieren. Wir fuhren in der Pionierzeit sogar gemeinsam auf Betriebsausflüge.“ Schon nach einem Jahr erhielt die Caritas den Auftrag, diesen Dienst flächendeckend in der Diözese St. Pölten zu etablieren. Mit fachlichem Können und großem Engagement wussten die Arbeitsassistenten zu überzeugen. Und bis heute sind sie für viele Menschen eine große und wichtige Stütze auf ihrem Weg in die Arbeitswelt.

Dennoch warnt Schuhböck davor, die Caritas als Wunderheilerin zu verstehen: „Bevor wir zu träumen beginnen, ist natürlich auch der Blick für die Realitäten zu schärfen. Die Caritas hat keinen Goldesel und Gebete funktionieren nicht wie ein Geldhahn.“

Foto (Caritas): Patricia Aigner (Leitung Arbeitsassistenz und Reha Werkstatt), Josef Schmied (Leitung Berufsausbildungsassistenz und Clearing), Caritasdirektor Friedrich Schuhböck, Martina Artner (Arbeitsassistenz Horn), Rudolf Dörr-Kaltenberger (Leitung Jobcoaching), Bereichsleiterin Anna Durstberger.