Predigt Ostersonntag 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Vom hl. Augustinus stammt das Wort, man solle Ostern nicht etwa nur wie einen Gedenktag feiern, sondern in die österlichen Tage eintreten wie in ein Mysterium. Ein Gedenktag ruft Vergangenes wach – auch das soll Ostern, denn die Auferstehung ist ein geschichtliches Ereignis. Aber ein Mysterium, das in die Gegenwart hineinreicht, ist noch etwas ganz anderes. Im Mysterium sind wir Zeitgenossen Jesu, Zeitgenossen seiner Passion und seiner Auferstehung.

In der berühmten Ostersequenz, die um die Jahrtausendwende entstanden ist, wird vom wundersamen Zweikampf gesprochen, in dem Tod und Leben gerungen haben und bei dem der Fürst des Lebens zunächst unterlegen ist, dann aber in Herrlichkeit gesiegt hat. „Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf; des Lebens Fürst, der starb, herrscht nun „lebend“ (Ostersequenz).

Österlicher Glaube beruht auf der Überzeugung, dass Jesus Sieger über den Tod ist, weil er durch seine unendliche Liebe die Macht des Bösen gebrochen hat. Österlicher Glaube beruht auch auf der Überzeugung, dass Jesus lebt im Sinne seiner Verheißung: „Seid gewiss, ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“

Österlicher Glaube ist nicht bloß ein Trostpflaster, mit dem wir manche für uns schwierige oder nicht lösbare Probleme überdecken. Im Tagesgebet des heutigen Hochfestes steht die Bitte: „Schaffe uns neu durch deinen Geist, damit wir auferstehen und im Licht des Lebens wandeln.“ Der Geist Gottes aber respektiert immer unsere Freiheit. Niemand wird vom Geist Gottes verwandelt, wenn er/sie nicht von einem echten Wunsch nach einer solchen Verwandlung erfüllt ist. Österlicher Glaube bedeutet davon überzeugt sein, dass Christus den großen Kampf gekämpft und gesiegt hat, jedoch niemand bleibt der Kampf erspart.

Aber als Christen dürfen wir zuversichtlich sein, weil Christus gesiegt hat, lebt und uns beisteht. Außerdem dürfen wir hoffen, dass wir, wenn wir jetzt vereint mit ihm leben, nach dem Tod auferstehen werden und mit ihm ewig leben.

Auch der Kirche bleibt der Kampf nicht erspart. In ihrer Gesamtheit hat sie zwar von Jesus die Verheißung empfangen, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden, aber wir wissen aus der Geschichte von den zahllosen Wechselfällen, die sie heimgesucht haben, immer wieder und an vielen Orten: Sie unterliegt nicht bloß einem gewissen Auf und Ab im Sinne von Aufschwung und Niedergang. Es ist auch vorgekommen, dass sogar Kirchen, die über Jahrhunderte hinweg blühende Kirchen waren, mit Heiligen, die aus ihnen hervorgegangen sind, durch bestimmte Umstände, Verfolgungen und Kriege fast ganz verschwunden sind. Das ist z.B. im Vorderen Orient geschehen, ebenso in Japan, auch in China und anderen Ländern.

Wir erleben derzeit die gesellschaftlichen und kirchlichen Umwälzungen bei uns: Sie sind noch nicht bewältigt. Sicher ist eine gründliche Reform nötig, aber wir dürfen hoffen, wie es in der Ostersequenz heißt: „Er lebt, der Herr, meine Hoffnung“. Und am Ende heißt es: „Ja, der Herr ist auferstanden, ist wahrhaft erstanden. Du Sieger, König, Herr, hab Erbarmen.“

Seine Gegenwart in der Kirche als Gemeinschaft und im einzelnen Gläubigen ist geheimnisvoller Art, nämlich durch das Wirken des Heiligen Geistes. Erst am Ende der Zeiten wird er für alle sichtbar kommen in Herrlichkeit.

Diese geheimnisvolle Gegenwart des Herrn, auch inmitten schwierigster Gegebenheiten, hat Newman meisterhaft beschrieben mit dem bekannten Wort: „O Gott. Die Zeit ist voller Bedrängnis. Die Sache Christi liegt im Todeskampf. Und doch: Nie schritt Christus mächtiger durch die Erdenzeit. Nie war seine Nähe spürbarer, nie sein Dienst köstlicher als jetzt. Deshalb lasst uns in diesem Augenblicken des Ewigen zwischen Sturm und Sturm in der Endzeit zu dir beten: O Gott, du kannst das Dunkel erleuchten. Du allein kannst es.“

Faszinierend ist auch das Bild von Jesus, der die Jünger frühmorgens am Ufer des Sees erwartet, als sie sich nach erfolglos durchwachter Nacht mit ihrem Boot nähern. Sie erfüllen seine Weisung, die Netze zur rechten Seite des Bootes auszuwerfen. Sie erkennen ihn zunächst nicht und wagen nicht zu fragen, aber sie wissen, dass es der Herr ist. Später wird es eindeutig: Er spricht und isst mit ihnen.

Für den österlichen Glauben ist der Umgang mit diesem auferstandenen Christus wichtig. Die Kirche hat deshalb von Anfang an die Feier der Eucharistie am Sonntag für jedes christliche Leben als unerlässlich und grundlegend betrachtet. Da wird er, der durch Leiden und Tod hindurchgegangen und auferstanden ist, sicher gegenwärtig. Wir bedürfen des Mysteriums, brauchen seine Weisung und die verwandelnde Kraft seines Brotes, das uns Leben schenkt. Auch der regelmäßige Empfang des Bußsakramentes hat große Bedeutung, damit er, der Erlöser und Herr, unsere Seele reinigt, unsere Wunden heilt und uns durch sein Wort aufrichtet. Auch den Rat des hl. Paulus müssen wir hören: „Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“

Bei seinen Jüngern kommt für das Erwachen des Auferstehungsglaubens der Feststellung Bedeutung zu, dass das Grab leer ist. Im Evangelium wird uns berichtet, wie Johannes reagiert hat, als er zum leeren Grab kam und die Binden dort liegen sah. Es heißt: „Er sah und glaubte“. Krisen sind zwar schmerzhaft, stellen aber oft eine Chance dar. Für uns persönlich: Wenn wir innerlicher leer werden, uns die Freude fehlt, der Friede abhanden gekommen ist, sich eine falsche Müdigkeit einschleicht. Dann ist das wie eine rote Ampel, die uns deutet: Halte inne, suche Christus, schau auf den Herrn, höre auf den Herrn, bitte ihn um Hilfe. Er hat die Welt besiegt, sogar den Teufel. Er wird auch in uns siegen und neues Leben erwecken.

Ähnliches gilt auch für Krisen in der Kirche: Auch sie sind Chancen, enthalten einen Aufruf zur Besinnung, oft auch zu Umkehr und Neubeginn. Wahre Krisenbewältigung wird dabei immer bei Jesus ansetzen geleitet vom Hl. Geist, der uns das Wort Jesu verstehen, seinen Ruf begreifen lässt, seine Gesinnung, ja Christus selbst in uns hervorbringt. Gerade das aber ist die Grundlage unserer Zuversicht und österliche Freude.

Unser Weg wird abgesichert durch Maria. Jesus hat sie vom Kreuz her dem Johannes und allen Jüngern zur Mutter gegeben. Bitten wir sie, sie möge uns beistehen, österliche Menschen zu sein, die voll Vertrauen in den Herrn, der auferstanden ist und lebt derselbe ist gestern, heute und bis in alle Ewigkeit.