Predigt Gründonnerstag 2012

Liebe Brüder und Schwestern! Im Tagesgebet dieser Abendmahlsmesse hieß es: „Allmächtiger, ewiger Gott, am Abend vor seinem Leiden hat dein geliebter Sohn der Kirche das Opfer des neuen und ewigen Bundes anvertraut und das Gastmahl seiner Liebe gestiftet.“

Das klingt ganz nüchtern und sachlich. Was aber hier gesagt wird, enthält etwas so Großes, dass wir es nie wirklich ganz erfassen können, obwohl es eigentlich für uns alle zum Greifen nahe ist. Der selige Papst Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika über die Eucharistie dargelegt, dass vor allem durch die Eucharistie beständig in Erfüllung geht, was er seinen Jüngern verheißen hat, als er sagte: „Seid gewiss: ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. Er erinnerte an die Aussage des II. Vatikanischen Konzils, dass die heiligste Eucharistie das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle enthält, Christus selbst, unser Osterlamm und das lebendige Brot. (vgl PO 5).

Die Frage ist, ob uns das eigentlich wirklich bewusst ist. Ich denke manchmal an das, was mir vor einigen Jahren ein bereits verstorbener Mitbruder erzählt hat. Über viele Jahre hinweg begleitete er eine größere Gruppe von sehr tüchtigen und verlässlichen Frauen seelsorglich. Sie kamen regelmäßig zusammen. Mehrmals versuchte er ihnen nahezulegen, auch einmal über die hl. Messe zu reden, aber sie gaben zur Antwort: „Herr Pfarrer, das kennen wir schon“. Erst, als jemand in der Tageszeitung einen sehr hässlichen Leserbrief schrieb mit dem Inhalt, die katholische Kirche betrüge die Gläubigen: „Die Priester nehmen eine weiße Hostie, geben sie in ein goldenes Gefäß und behaupten, das sei der Leib Christi“, baten die Frauen, dass es vielleicht doch ganz gut wäre einmal über die Eucharistie zu reden. Sie gingen dann miteinander das zweite Hochgebet durch und hatten ein Aha-Erlebnis nach dem anderen. Sie hatten das alles so oft gehört und doch nie wirklich begriffen, was es bedeutet.

Die Kirche glaubt, dass Christus wirklich, wahrhaft und wesenhaft mit Leib und Blut gegenwärtig wird, wenn der Priester bei der Wandlung die Worte Jesu wiederholt: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“ und „das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das vergossen wird zur Vergebung der Sünde“.

Die Frage ist, ob uns bewusst ist, was wir haben. Der selige Papst Johannes Paul II. hat es in der erwähnten Enzyklika genauer erläutert: eigentlich wird in jeder heiligen Messe gegenwärtig, was wir in den drei heiligen Tagen der Karwoche und in der Osternacht feiern: das Abendmahl, in dem Jesus die Eucharistie eingesetzt und vorweggenommen hat, was am nächsten Tag geschieht; der Karfreitag, an dem Jesus das Kreuz auf sich nimmt und sein Leben zur Rettung der Welt hingibt. Dieses sein großes Opfer wird in der hl. Messe in sakramentaler Weise erneuert, sodass wir an ihm Anteil erlangen können. Aber auch die Osternacht, die Auferstehung ist in der Eucharistie enthalten, denn es ist der durch Leiden und Tod hindurchgegangene, auferstandene Herr, der durch die Feier der Eucharistie zu uns kommt. Der selige Papst Johannes Paul II. empfahl deshalb den Priestern und allen Gläubigen, sie sollten nicht aufhören, hinzuschauen, sich verinnerlichen, was da ist, um zu staunen, wie groß und wie gütig Gott ist, der uns auf diese Weise seinen Sohn gesandt hat. Es wird notwendig sein, dass wir oft den Glauben erwecken, den Glauben daran, dass er das alles auch für uns getan hat, dass er da ist und uns beisteht. Es wird angebracht sein, dass wir um den Heiligen Geist bitten, er möge uns die Augen und Ohren für das Geheimnis öffnen und unsere Herzen weit machen. Es ist ein wichtiger Auftrag, den der Herr den Jüngern gegeben hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

Bei der Abendmahlfeier gedenken wir auch noch einer anderen ritualen Handlung, die Jesus am Vorabend seines Leidens an seinen Jüngern vollzogen hat. Sie wird uns im Evangelium beschrieben: „Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern, die Füße zu waschen …“

Die Fußwaschung deutet auf einen anderen Schatz hin, den wir als Frucht der Erlösung, in der Kirche haben. Durch die Taufe wurden wir in seinem Leiden und Sterben gewissermaßen eingetaucht, von der Erbschuld gereinigt, und durch das Bußsakrament wird, wenn wir es mit aufrichtiger Gesinnung empfangen, die bei der Taufe empfangene Reinigung erneuert. Auch da ist sein Geheimnis gegenwärtig.

Der selige Papst Johannes Paul II. hat in der bereits erwähnten Enzyklika auch darauf hingewiesen, dass die Eucharistie und die Buße zwei eng miteinander verbundene Sakramente sind. Er schreibt: „Wenn die Eucharistie das Erlösungsopfer des Kreuzes gegenwärtig setzt und es auf sakramentale Weise fortdauern lässt, folgt aus ihr ein fortwährender Anspruch zur Bekehrung und zu einer persönlichen Antwort auf die Ermahnung, die der hl. Paulus an die Christen von Korinth richtete: Wir bitten an Christi statt: lasst euch mit Gott versöhnen. (vgl. 37)

Es ist eine wichtige Einsicht: Die Vereinigung mit Christus setzt den Wunsch nach Umkehr, nach Vergebung und Vereinigung mit Gott voraus. Das ist eine Frucht der Erlösung, aber auch die Frucht unserer persönlichen Antwort auf das Angebot und die Güte des Herrn. Papst Johannes Paul II. wiederholt, was in der Kirche immer gegolten hat, nämlich dass der fruchtbare Empfang der Kommunion die Verbundenheit mit Jesus voraussetzt und dass daher zunächst der Empfang des Bußsakramentes mit dem Bekenntnis der eigenen Schuld und dem entsprechenden Vorsatz nötig ist, wenn seit der letzten gültigen Beichte ein schwerer Fehler vorgekommen ist. Seien wir dankbar: Auch das – die Vergebung der Sünden, die Reinigung nicht nur der Füße, sondern auch der Seele und des Herzens - ist leicht erreichbar und es lohnt sich.

Vor kurzem las ich das Zeugnis eines Mannes, der in seiner Jugend aus der Kirche ausgetreten war und in einer Beziehung lebte, die nach 10 Jahren zerbrochen ist, der dann eine Frau heiratete, die geschieden war. Beide hatten sie Kinder und es war nicht einfach. Als die Probleme auch in dieser 2. Beziehung größer wurden, öffnete er sich einem Bekannten gegenüber. Dieser gab ihm den Rat: er solle doch zu beten anfangen. Er konnte aber kein Gebet, auch kein Vaterunser. Er hat es dann gelernt, aber das war noch zu wenig. Er kehrte in die Kirche zurück. Er begann von neuem die Messe zu besuchen, ging auch – so wie die anderen - zur Kommunion. So ganz wohl fühlte er sich trotzdem nicht, auch wenn ihm der Pfarrer sagte, er könne schon gehen. Er fand dann einen Priester und nach einem langen, ehrlichen Gespräch, das ihm bewusst machte, dass er in seinem Leben Ordnung schaffen musste, durfte er eine Lebensbeichte ablegen und dann auch die hl. Kommunion empfangen. Die Frau, die dann später, nachdem sie längere Zeit enthaltsam miteinander gelebt hatten, wirklich seine Ehefrau wurde, hat gesagt, dass sie ihn noch nie vorher so strahlend gesehen hat wie damals als er nach jener gründlichen Lebensbeichte die Kommunion empfangen hat.

Es wäre so wichtig, dass wir Gott gegenüber sehr dankbar werden für das, was er für uns getan hat, und das, was er uns ermöglicht.

Am Ende der Liturgie der Abendmahlsmesse wird das Allerheiligste an einen Ort der Verehrung gebracht. Das hat etwas Symbolisches an sich: Wir sind eingeladen, ihn, der im Ölgarten Blut geschwitzt hat, zu begleiten, mit ihm zu wachen und zu beten, damit die Erlösung wirksam und auch in unserer Zeit den Menschen das Heil zuteil wird. Bitten wir Maria, sie möge uns als Braut des Heiligen Geistes beistehen, damit wir ihren Sohn erkennen, seine Nähe erfahren, nach einer wirklichen Reinheit des Herzens verlangen, um uns so mit ihm zu vereinen, dass wir am Werk der Erlösung Anteil haben und auch mittun können.