Predigt Chrisammesse 2012

Liebe Mitbrüder im Priesteramt!

Liebe Brüder und Schwestern!


In letzter Zeit ruft mich manchmal jemand an und sagt mir: „So vieles möchte ich Ihnen sagen.“ Wir reden dann einige Minuten, aber es ist klar, dass die Zeit und die Möglichkeiten zum Reden begrenzt sind. Mir geht es jetzt so ähnlich. So vieles möchte ich in dieser Stunde sagen, in der als Frucht der Erlösung die Heiligen Öle geweiht werden und wir mit dem Blick auf den Hohenpriester Jesus Christus über unsere Aufgabe als Priester und als Christen nachdenken. Allem anderen voran möchte ich mir heute die Worte der Geheimen Offenbarung (2. Lesung) zu eigen machen: „Gnade sei mit euch und Friede von Jesus Christus.“

Das ist mein aufrichtiger und vielleicht fast der wichtigste Wunsch für jeden Priester unserer Diözese, aber auch für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die Diakone, die Religionslehrerinnen und Religionslehrer, die Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten, für alle Mitglieder der Pfarrgemeinde – und Pfarrkirchenräte und für alle Gläubigen, auch für euch, liebe Firmlinge, die ihr heute dabei seid. Dass wir den Frieden des Hohenpriesters Jesus Christus in unseren Herzen tragen, ist von größter Bedeutung für uns selbst und für die Verwirklichung unserer Sendung in Kirche und Gesellschaft.

Wie kommen wir zu diesem Frieden?

Von Christus, dem Hohenpriester, heißt es: „Er ist der treue Zeuge“. Das ist der erste Punkt, den wir bedenken sollten. Um in unserer Aufgabe als Priester, als Christen den Frieden im Herzen zu haben, ist es notwendig, den Blick auf jenen zu richten, der „der treue Zeuge“ ist.

Wir leben in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft. Wir spüren es wohl alle, wie sich in den letzten Jahren der Unglaube ausbreitet. Das ist sehr schmerzhaft und bedrängend. Gerade in dieser Situation kommt unser innerer Friede als Verkünder der frohen Botschaft von der Vereinigung mit Christus, dem treuen Zeugen. Auch wir müssen vor allem „treue Zeugen“ sein, das heißt, so gut wir können leben, wie es dem Evangelium entspricht, und das auch den anderen empfehlen, unabhängig davon, ob es im Trend der Zeit liegt oder nicht.

Das Jahr des Glaubens, das der Heilige Vater ausgerufen hat, kommt uns sehr gelegen und ist ein guter Anlass, um über unsere Verkündigungsaufgabe neu nachzudenken. Sind wir „treue Zeugen“? Verkünden wir wirklich das, was wesentlicher Bestandteil des Glaubens ist? Sind wir treu der Kirche gegenüber? Denn es muss uns bewusst sein: Man kann Christus nicht wirklich treu sein, wenn man nicht zugleich der Kirche treu ist.

Unser Frieden als Verkünder, als Menschen, die sich bemühen, auch in einer weitgehend säkularisierten Welt konsequent christlich zu leben und für den Glauben Zeugnis zu geben, benötigt weiters die Vereinigung mit dem, der „der Erstgeborene der Toten“ ist. Das ist der zweite Punkt, der in der geheimen Offenbarung aufgezählt wird: Wenn wir in dem begründet sind, der der Erstgeborene der Toten ist, wenn unser Blick auf das Bleibende, das Ewige gerichtet ist, im Wissen, dass es einzig und allein auf den Siegespreis des ewigen Lebens ankommt, dann hat unser Leben eine feste Grundlage, eine Grundlage, die in allen Situationen standhält, auch dann, wenn es sehr schwierig wird; dann haben wir auch für unsere Aufgabe einen kräftigen Motor. Denn es ist uns bewusst: Seelen stehen auf dem Spiel: die der anderen und die eigene. Da lohnt sich jeder Einsatz und alles Bemühen, selbst wenn es große Opfer abverlangt.

Das Jahr des Glaubens ist ein guter Anlass, von Neuem auch auf Fernstehende zuzugehen; zu überlegen: Wie können wir eine Mobilisierung der Pfarrgemeinderäte, der Familien, der Jugend erreichen? Wie können wir die Menschen zum Nachdenken bringen? Nicht alle kommen in den Himmel! Und Paulus sagt sich: „Weh mir, wenn ich nicht das Evangelium verkünde.“

Es gibt auch einen dritten, ganz wesentlichen Punkt der uns heute aus der geheimen Offenbarung, vorgelegt wird. Er lautet: „ Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut.“

Das ist die Quelle des Friedens im Wissen um die eigene Schwachheit. In den letzten zwei Jahren war die Heimsuchung der Kirche durch das Thema sexueller Missbrauch für uns alle sehr belastend. Es ist irgendwie unfassbar und sehr traurig, dass solche Dinge vorgekommen sind, ja vorkommen. Diese Krise hat aber, jedenfalls in einem gewissen Sinn, auch etwas Gutes an sich. Wir mussten einmal mehr wahrnehmen: auch in der Kirche gibt es viele schwache Menschen, ja, wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir in der einen oder anderen Weise alle schwach sind. Paulus sagt: „Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt.“(Kor 1,27). Wir sind alle schwache Menschen und bedürfen der Erlösung. Es ist schon sehr schade, dass in den letzten Jahrzehnten das Bußsakrament so stark zurückgegangen ist. Es ist mir ein großes Anliegen in Bezug auf die Priester, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in Bezug auf alle Gläubigen, auch in Bezug auf mich selbst, dass wir alle aus der Quelle des Erlösers schöpfen, die Sakramente empfangen und uns so in ihm, dem Hohenpriester Jesus Christus, begründen.

Auch das scheint mir ein wichtiger Aspekt für das Jahr des Glaubens. Denn es geht nicht bloß um ein Kennenlernen von Inhalten, sondern auch um die entsprechende Lebensgestaltung, die eine direkte Folge jedes wahren Glaubens ist und sehr oft Bekehrung, Umkehr voraussetzt.

Es gibt auch noch einen vierten Punkt, aus dem gleichen Text der Geheimen Offenbarung. Wir hörten in der 2. Lesung: „Er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater.“ Das führt uns zu einem weiteren, hochaktuellen Thema.

Das II. Vatikanische Konzil hat betont, dass mit dieser Aussage alle Getauften und Gefirmten gemeint sind: die Sendung der Kirche beruht nicht bloß auf der Wirksamkeit von Bischöfen und Priestern. Alle Getauften und Gefirmten sollen eine priesterliche Seele haben, ihre Aufgabe als Christen aktiv und umfassend wahrnehmen: Sie müssen an dem Platz, an den sie die Vorsehung Gottes und die eigene Entscheidung hingestellt hat, Zeugnis geben für den Glauben; sie haben die Aufgabe, die anderen zu Christus zu führen, ihnen mit Rat und Tat auf ihrem Weg beizustehen. Nur so, durch das Leben und Wirken von echten Christen, wird heute Christus in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft gegenwärtig und gerade so wird er in der Regel zu den anderen gelangen. Und Kinder wachsen meist nur dann in den Glauben hinein, wenn ihn ihre Eltern vorleben. Und nur so gelangt in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft die Sendung der Kirche zur Entfaltung. Das II. Vatikanum hat zugleich ganz eindeutig, auch ausführlich und einprägsam dargelegt, dass das hierarchische Priestertum unentbehrlich ist, dass das allgemeine Priestertum und das Dienstamt einander zugeordnet sind, und dass sie sich nicht bloß dem Grad, sondern dem Wesen nach unterscheiden (vgl LG 10).

Meines Erachtens stehen die ganz großen Fragen, denen wir uns heute stellen müssen, vor allem damit im Zusammenhang. Einer der häufigsten Gründe, warum derzeit in der Kirche gerade in unseren Breitegraden eine gewisse Unruhe herrscht, besteht darin, dass viele sich fragen: Wie soll es weitergehen? Dass die Glaubenspraxis fast überall nachgelassen hat, das sehen alle und das stellt ein Problem dar. Jetzt kommt aber noch dazu, dass viele unserer Priester schon älter sind und nur wenige junge nachkommen. Wird jetzt das Licht bald ganz ausgehen? Sie sehen einen verwaisten Pfarrhof und eine verwaiste Kirche. Und es ist wahr, die Situation ist wirklich bedrängend. Aber ist nicht doch auch die Lösung zu einfach zu sagen: Dann sollen sie eben heiraten oder man soll wenigstens den verheirateten Diakone die Hände auflegen. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass solche Lösungen tatsächlich zu einfach sind, und ich denke, dass das Jahr des Glaubens eine gute Gelegenheit darstellt, sich mit den Texten des II. Vatikanum von Neuem zu befassen. Wichtige Punkte werden dabei sein: Das allgemeine Priestertum der Gläubigen sowie ihre prophetische und königliche Aufgabe und die Voraussetzungen dafür, aber auch das Dienstamt der Priester, ihre Lebensweise und ihre Wirksamkeit in der heutigen Zeit. Ich bin zuversichtlich, dass sich die richtigen Wege finden werden, wenn jeder und jede bei sich persönlich anfängt und zu einer konsequenten Nachfolge Christi bereit ist, was die Bereitschaft zu allgemeinen Veränderungen einschließt.

Es werden sich im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte neue Zentren des Glaubens herauskristallisieren – hier und dort, in Pfarren, Klöstern, Gemeinschaften -, Zentren, in denen Christus wirksam ist, Christus, der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Hohepriester, auf dem der Geist des Herrn ruht und den der Herr gesalbt hat. Er bringt auch heute und morgen den Armen die frohe Botschaft, heilt alle, deren Herzen zerbrochen sind, er bringt den Gefangenen und Gefesselten Befreiung. Der Menschensohn, der von der Erde erhöht ist, zieht alle zu sich.

Schön wäre es, wenn das Jahr des Glaubens bei uns ganz im Sinne des Konzils einen neuen Aufbruch mit sich brächte. Beten wir dafür!

Und noch etwas: Wenn wir in unserem Leben, in unserer Aufgabe durch Vereinigung mit Christus, dem Hohenpriester den inneren Frieden suchen, dann werden wir sicher von ihm und seinem Geist den Impuls empfangen, auch untereinander eins zu sein, zusammen mit dem Hl. Vater und dem Bischof. Und wir werden die Notwendigkeit verspüren, nach dem Beispiel Jesu nicht ungehorsam zu sein, sondern gehorsam. Jesus war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.

Am Ende der 1. Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja hieß es: „Ich bin treu und gebe ihm den Lohn, ich schließe mit ihm einen ewigen Bund.“ Und: „Ihre Nachkommen werden bei allen Nationen bekannt sein …“

Seien wir zuversichtlich. Die Kirche hat Zukunft. Bitten wir Maria, die Mutter der Kirche und Hilfe aller Christen, um ihre Fürsprache. Sie wird uns beistehen.