Österreichfeier zum Nationalfeiertag im Stephansdom

Liebe Brüder und Schwestern!

Im Psalm heißt es: „Ich will dir danken aus ganzem Herzen“ (Ps 138,1).

Der Nationalfeiertag, der uns an die Befreiung Österreichs erinnert, ist allem anderen voran Anlass zu Dankbarkeit aus vielen Gründen: für den Frieden, der uns in den letzen Jahrzehnten gewährt wurde; für den Wohlstand, der sich in unserem Land entwickelt hat und breit gestreut ist. Dankbar müssen wir sein, dass in unserem Land die meisten Arbeit haben und die Weltwirtschaftskrisen bis jetzt glimpflich verlaufen sind. Wir haben auch allen Grund zu danken für das sehr gut funktionierende Gesundheitswesen und die großartigen sozialen Einrichtungen, die wir haben. Dankbar sollen wir sein für die geordneten Verhältnisse und für die im Vergleich zu anderen Ländern hohe Sicherheit, in denen wir leben. Sehr dankbar sein sollen wir für unsere schöne Heimat mit ihren wunderbaren Landschaften und ihrem reichen Kulturgut.

Danken sollen wir auch für den Glauben, den wir von unseren Vorfahren übernommen haben. Die Glaubenspraxis ist zwar leider bei vielen zurückgegangen. Trotzdem: Wir haben wunderbare Kirchen und Klöster, viele Einrichtungen der Kirche und weiterhin viele Menschen, die um ein christliches Leben bemüht sind und sich für die Kirche und viele Anliegen der Kirche einsetzen und viel Gutes bewirken.

Es lässt sich aber nicht verbergen, dass wir schon auch Sorgen und Anliegen haben: Zu Sorge Anlass gibt eine Reihe gesellschaftlicher Entwicklungen, die weite Teile der Bevölkerung betreffen. Insbesondere die Familie gerät zunehmend in Bedrängnis. Es ist zwar wahr, dass der Familie gerade auch unter den Jugendlichen weiterhin ein sehr hoher Stellenwert zukommt, aber mehr und mehr Menschen leben zusammen, ohne verheiratet zu sein – das führt dazu, dass den Kindern oft die Geborgenheit einer stabilen Elternbeziehung fehlt. Scheidungen sind häufig und die Kinderzahl zu niedrig. Ohne Zuzug von außen könnte das soziale Netzwerk im Land nicht aufrecht erhalten werden. Welche Folgen das auf Dauer hat, lässt sich schwer schätzen. Die Unterstützung der Familien wird von Seiten der Politik oft ausschließlich mit „mehr Kinderbetreuungsplätzen“ gelöst, während man eine echte Wahlmöglichkeit haben sollte. Wir scheinen weiter denn je davon entfernt, dass vom Staat – wie es eigentlich nötig wäre – insbesondere die kinderreiche Familie entschieden gefördert wird. Viele Menschen, die sich für viele Kinder entscheiden, rutschen in die Schuldenfalle – wie wäre es mit spürbaren Steuererleichterungen für solche Familien?

Auch anderes ist besorgniserregend. So etwa die Tatsache, dass behinderte Kinder, für die wir in den letzten Jahrzehnten wunderbare Einrichtungen geschaffen haben, durch die pränatale Diagnostik fast keine Chance mehr haben, das Licht der Welt zu erblicken; es steht leider zu befürchten, dass die Politik nach und nach alle negativen Entwicklungen anderer Länder Europas auch für Österreich billigt, wie z. B. die Zulassung der Präimplantations-Diagnostik, die in der künstlichen Befruchtung eindeutig zur Selektion führt. Man redet auch über die Zulassung zur Adoption oder künstlicher Befruchtung für gleichgeschlechtliche Paare, was die Kinderrechte untergräbt. Seien wir hier mutig zu einem selbstständigen österreichischen Weg. Wir müssen nicht alles mitmachen, nur weil es „die anderen tun“. Ich wünsche mir eine echte bioethische Debatte. Vielleicht kommt doch auch noch die Zeit, dass aus wirtschaftlichen Gründen die Euthanasie erlaubt wird …

Insgesamt stellt der Werteverlust in der Gesellschaft eine große Sorge dar, die auch das ganze Bildungswesen angeht und ganz besonders auch die Kirche fordert, denn es ist notwendig, dass die Werte verteidigt werden. Wer wird das tun, wenn es die Kirche nicht tut?

König Salomo trat vor die ganze Versammlung Israels und rief mit lauter Stimme: „Der Herr, unser Gott, sei mit uns, wie er mit unseren Vätern war. Er verlasse uns nicht und verstoße uns nicht. Er lenke unsere Herzen zu sich hin, damit wir auf seinen Wegen gehen.“ Das ist auch unsere Haltung, wenn wir für unsere Heimat beten. Der Herr selbst ermutigt uns zu bitten. Einmal mehr hörten wir im Evangelium: „Wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet“. Der Nationalfeiertag macht uns dankbar, er erinnert uns aber auch an die Verantwortung, die wir alle haben und die jeder einzelne hat.

Vertrauen wir unsere Heimat der Fürsprache Mariens an und erneuern wir unsere Bereitschaft, das Unsere beizutragen zum Wohle des Landes.