Konzilszeuge Krätzl: Interesse der Welt am 2. Vatikanum war riesengroß

Mit dem Wiener Weihbischof Helmut Krätzl referierte der letzte österreichische Konzilszeuge beim 5. Kardinal-König-Gespräch in Rabenstein/Pielach. Kardinal Franz König (1905-2004) zählte zu den führenden Persönlichkeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Thema heuer war „Christ sein heute – auf dem Boden des Konzils“.
Weihbischof Krätzl selbst arbeitete als Stenograf am Zweiten Vatikanischen Konzil mit, das vor 50 Jahren eröffnet wurde. Dieses habe sein Leben verändert, seit Jahrzehnten berichtet er leidenschaftlich über seine Erlebnisse. Das Konzil sei einzigartig gewesen, denn die Erneuerung der Kirche kam von oben. Der damalige Papst Johannes XXIII. wurde von vielen aufgrund seines hohen Alters als Übergangspapst angesehen, „doch er hat das Sensorium mitgebracht, dass die Kirche erneuert werden muss“, so Krätzl. Bald nach seiner Wahl rief Johannes XXIII. das Konzil ein. „Neben dem jungen US-Präsidenten US-Präsidenten John F. Kennedy gab der alte Papst der Welt rund um 1960 neue Hoffnung“, so Krätzl.

Bischöfe waren mutig für Neues

Das Interesse der Welt am Zweiten Vatikanischen Konzil sei riesengroß gewesen. Die römische Kurie habe gefürchtet, dass sich damit das Machtgefüge ändere. Dies sei auch nicht unbegründet gewesen. Denn die Konzilsbischöfe konnten theologische Berater mitnehmen, unter denen machen waren, die zuvor zensuriert worden waren. Die Bischöfe seien mutig für Neues geworden, weil sie ua. den Papst hinter sich wussten.

Weihbischof Krätzl, der demnächst sein neues Buch „Das Konzil – ein Sprung vorwärts. Ein Zeitzeuge zieht Bilanz“ präsentiert, verwies auf die vielen Fortschritte durch dieses Pastoralkonzil. So sei das gemeinsame Priestertum aller Getauften wiederentdeckt worden. Wichtig wäre auch gewesen: Die Bischöfe leiten gemeinsam mit dem Papst die katholische Kirche. Weiters verwies der Wiener Weihbischof auf die liturgische Erneuerung. So betonte das Konzil die Eucharistie-Feier als gemeinschaftliche Feier mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen. Für die Ökumene habe es wichtige Impulse gebracht, weil man nun durch die Taufe eine innige Verbundenheit aller Christen gesehen habe. Die Kirche sei außerdem von rein rechtlichen Aussagen zur Ehe abgerückt: „Sie wurde beim Konzil als Bund dargestellt, als Bund der Liebe und nicht mehr rein verzweckt auf die Weitergabe des Lebens.“

Noch „ungehobenes Potenzial“

Helmut Krätzl sieht das Konzil noch nicht ausgeschöpft, es gebe noch „ungehobenes Potenzial“: etwa bei der Kollegialität der Bischöfe, bei der Inkulturation der Liturgie, bei der Ökumene oder beim Eherecht. Ein neues Konzil wolle er aber jetzt nicht, da er fürchte, dass aufgrund der Mehrheitsverhältnisse die Errungenschaften des „Konzils korrigiert“ würden.

Diakon Max Angermann war der zweite Hauptredner. Er sprach über das „Zweite Vatikanum: Standortbestimmung von damals oder Provokation für heute?“ Der Wiener Diakon erzählte wie er als ehrenamtlicher Diakon seinen Weg in der Kirche gefunden hat. Anfangs habe er das Gefühl vermittelt bekommen, dass seine Funktion nicht so wichtig sei. Heute erfahre er bei Hochzeiten, Taufen oder in der Telefonseelsorge viel Wertschätzung von den Menschen für seine Arbeit. Das Konzil sei notwendig gewesen, da „zahlreiche Themen in der Luft lagen und besprochen werden mussten“. Es sei eine Standortbestimmung gewesen: Wo leben wir heute.

Die langjährige Mitarbeiterin von Kardinal König und Wiener Diözesanarchivarin, Annemarie Fenzl, sei noch immer wichtiger Motor für die Kirche, auch wenn es für die Kirche schon Geschichte sei. Fenzl zeigte sich überzeugt: Der Heilige Geist habe das Konzil in Gang gesetzt und das Konzil bewege heute noch. In der Kirche gebe es oft Frust und Enttäuschung, aber auch weiter viel Engagement und Freude. Bedeutsam sei es, die Bibel und die Konzilstexte zu lesen, denn wer die Texte nicht kenne, könne auch kaum darüber reden, erinnerte Fenzl an eine wichtige Botschaft Königs.

Ob es das Kardinal-König-Gespräch im Jahr 2012 noch geben würde, war für Mitinitiator Heinz Nußbaumer anfangs nicht sicher. Der bekannte Publizist nannte die „gemeinsame Freundschaft und liebevolle Anerkennung“ von Kardinal König, die engagierten Organisatoren der Veranstaltung, das große öffentliche Interesse sowie die hochkarätigen Referenten als Gründe für den Erfolg.

Im Vorfeld des Kardinal-König-Gesprächs gab es Vorgespräche, bei denen über „heiße Eisen“ überaus kritisch diskutiert wurde: Liturgie, Pfarre und Gemeinschaft, das Verhältnis Priester und Laien sowie den Dialog mit Nicht-Katholiken. Gebe es vielfach auch negative Stimmungen in und gegenüber der Kirche, so müsse aber auch an viele Erfolgsgeschichten erinnert werden, sagte Nußbaumer: Noch nie seien so viele Menschen also Pilger unterwegs, noch nie würden so viele im Rahmen von Kloster auf Zeit bei Ordensgemeinschaften mitleben und es gebe zahlreiche Seelsorgegespräche.

Seit 2008 sind die Pielachtal-Gemeinden Rabenstein und Kirchberg abwechselnd Schauplatz des Treffens. Mitveranstalter der Gespräche ist der Verein "Kardinal König - Glaube und Heimat im Pielachtal". Kardinal König wurde am 3. August 1905 im Rabensteiner Ortsteil Warth geboren und am 5. August in der Rabensteiner Pfarrkirche getauft. Er besuchte die Volksschule in Kirchberg an der Pielach, von wo aus ihn sein Weg in die Weltkirche führte.

Am Sonntag wurde in Rabenstein auch das Kirchweihfest gefeiert, die Heilige Messe zelebrierte Weihbischof Helmut Krätzl.

Fotos:
Bild 1: Prälat Josef Eichinger, Annemarie Fenzl, langjährige Mitarbeiterin von Kardinal König, Hauptorganisator Gottfried Auer, Weihbischof Helmut Krätzl, Publizist Heinz Nußbaumer.
Bild 2: Ua. mit Organisator Gottfried Auer, Rabensteiner Pfarrer Leonhard M. Obex, Prälat Josef Eichinger, Annemarie Fenzl, langjährige Mitarbeiterin von Kardinal König, Furche-Herausgeber Heinz Nußbaumer, Göttweiger Abt Columban Luer, Kirchberger Pfarrer August Bla?i?.
Bild 3: Weihbischof Helmut Krätzl, Publizist Heinz Nußbaumer, Diakon Max Angermann. Bild 4: