"Jeder junge Arbeiter ist mehr wert als alles Gold!“

Eine Gruppe Jugendlicher der Katholischen ArbeiterInnenjugend (KAJ) der Diözese St. Pölten hält den traditionellen Solidaritätsmarsch nach Mariazell weiterhin aufrecht. Trotz Schnee und Wind marschierten sie in der Nacht zu Christi Himmelfahrt von Sankt Aegyd am Neuwalde zum steirischen Marienwallfahrtsort und sammelten für Bildungsprojekte zugunsten benachteiligter indischer Dalit-Frauen.


Ehemalige, ältere KAJ-Vertreter erinnerten bei der anschließenden gesellschaftspolitischer Diskussion an die große Tradition der kirchlichen Jungarbeiter-Bewergung. Mariazell war für die KAJ wichtig. Einst kamen jährlich Tausende Jugendliche aus sämtlichen Bundesländern und alle Bischöfe Österreichs dorthin. Die Kirche gab den jungen Arbeitern das Gefühl, wertvoll zu sein. Freilich waren in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Voraussetzungen sozial und politisch völlig anders und die KAJ bot vielerorts allein Freizeit- und Betätigungsmöglichkeiten an. Und viele junge Katholiken standen unter dem Eindruck der neu gewonnen Freiheit einerseits und des Aufziehens des „Eisernen Vorhanges“ im Osten andererseits. Heute sei es dagegen schwierig geworden, Jugendliche überhaupt noch zu erreichen. Dazu brauche es weit mehr personelle Ressourcen und man wünsche sich bei bestimmten Themen mehr Rückhalt seitens der Kirchenleitung.

Kraftquelle KAJ

Im Zentrum des Solidaritätsmarsches stand der Gedanke des legendären Gründers der Katholischen ArbeiterInnenjugend, Kardinal Joseph Cardijn (1882-1967): „Jede junge Arbeiterin, jeder junge Arbeiter ist mehr wert als alles Gold der Welt!“ Frühere Mitglieder der KAJ berichteten: „Die Bewegung war eine Kraftquelle, wo Jugendliche Motivation für die Arbeitswelt und Menschlichkeit erhielten.“ Waren in den 1960er oder 1970er-Jahren rund 70 Kapläne in der Diözese St. Pölten wichtige Bezugspersonen für die jungen Arbeiter, habe sich das auf eine Handvoll engagierter Pastoralassistenten reduziert. Früher sei es einfach „cool“ gewesen bei der KAJ zu sein und sie habe viel zur Aussöhnung mit den Gewerkschaften und der nicht-kirchlichen Arbeitswelt beigetragen.

Katholische Jugendvertreter warnten vor Gleichgültigkeit der Kirchenleitung gegenüber den Jugendlichen in der Arbeitswelt. Bereits jetzt gebe es praktisch kaum noch Berührungspunkte mehr zwischen Kirche und Jungarbeitern. Der Schlüssel sei: Gibt es Bezugspersonen, dann entstehen Gruppen oder bleiben erhalten. Es fehle nicht an vielen guten Gedanken, doch diese würden oft in den Schubladen verstauben, weil es kaum noch jemand in die Arbeitswelt der Jugendlichen hinaustrage.

Braucht mehr engagierte Bezugspersonen

Daher wünsche man sich etwa, dass die Betriebsseelsorge-Zentren Mitarbeiter für den Jugendbereich bekommen. Weiters erhoffe man mehr Reaktionen von der Kirchenleitung, wenn zum Beispiel die Integrationsbeihilfe für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten gestrichen wird.

Es brauche ein ständiges Vor-Ort-Sein von Bezugspersonen, die Charisma haben und die Freude an der Arbeit mit Jugendlichen haben, waren sich die verschiedenen Jugend- und Arbeitervertreter einig. Junge Menschen seien für vieles offen, würden sie aber nicht stärker angesprochen und würde niemand mehr mit ihnen in Kontakt treten, werde die Kirche ein Stück weit exklusiv – ausschließend. Dafür müsse aber auch die Kirche lernen, wieder die Sprache der jungen Menschen zu sprechen, denn diese verstünden den „kirchlichen Slang“ kaum mehr. Trotz allem sei in der Beziehung zu Jugendlichen in der Arbeitswelt noch viel möglich: Die Massenveranstaltungen gebe es zwar nicht mehr, doch es gebe weiter viele tolle Aktionen und Begegnungen.

Im Anschluss an den Solidaritätsmarsch und der Diskussion feierte Diözesanjugendseelsorger Herbert Reisinger eine Heilige Messe mit den Jugendlichen.

Bild: Vor dem Eingangstor in die Mariazeller Basilika: Die Teilnehmer der Katholischen ArbeiterInnenjugend der Diözese St. Pölten beim Solidaritätsmarsch.