Jahrgangsgemischtes Lernen: von der Notlösung zur Chance

Kinder verschiedener Schulstufen in einer einzigen Klasse – das kennt man vor allem als Problem in ländlichen Schulen aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge. Andererseits wird gemischtes Lernen mehrerer Jahrgänge heute immer mehr als Chance für „neues Lernen“ entdeckt. Aus Notlösungen könnten so pädagogische Konzepte der Zukunft werden. Auf der Grundlage pädagogischer Erfahrungen und wissenschaftlicher Studien veranstaltete die Kirchliche Pädagogische Hochschule in Krems-Mitterau (KPH) ein Symposium mit 300 Teilnehmern zum Thema „Jahrgangsgemischtes Lernen als Chance und Herausforderung“.


„Heterogenität ist zu einem zentralen Merkmal unserer Zeit geworden, und dies wird in kaum einem anderen Bereich des öffentlichen Lebens sichtbarer wie im Bildungswesen“, erklärte dazu Tagungsleiter Otto Hörmann, Professor für Humanwissenschaften und Fachdidaktik an der KPH. Wirklich homogene Jahrgangsklassen seien schon immer „eine Fiktion“ gewesen. So sei Heterogenität in jeder Schule und Schulklasse eine Realität und entwickle sich immer mehr auch zu altersgemischten Lerngruppen. „Im städtischen Bereich werden bewusst Mehrstufenklassen gebildet, um das miteinander Leben und Lernen von Kindern unterschiedlichen Alters zu ermöglichen“, erklärte Hörmann. Im ländlichen Bereich nehmen die Kleinschulen und somit Klassenzusammenlegungen zu, was einerseits zu organisatorischen Herausforderungen führe, andererseits jedoch neue Konzepte zur Gestaltung des Unterrichts erfordere.

In jahrgangsgemischten Klassen käme es zu vielfältigen sozialen Interaktionen, berichtete Heike Hahn von der Universität Erfurt über pädagogische Erfahrungen. „Auch beim Fußballspielen sortieren sich die Kinder ganz natürlich.“ Die Kinder würden sich gegenseitig beraten und fördern; diese Hilfestellungen sind lernfördernd und gewinnbringend. Allerdings gelte es, sinnvolle Arten von Hilfe mit den Kindern abzuklären, betonte die Erziehungswissenschaftlerin. Auch bräuchten besonders leistungsstarke Schüler „weiterführende, vertiefende Aufgaben“. Das Lernen „im eigenen Rhythmus“ werde durch „Lernschleifen“ ermöglicht, wie Hahn erklärte: So gebe es offene Lernangebote in den künftigen Unterrichtsstoff wie auch vertiefende Wiederholungen zur Festigung.

Einen „Paradigmenwechsel vom Lehren zum Lernen“ beschrieb Karl Klement, Vorsitzender der Pädagogischen Hochschule Baden. Dabei stehe nicht mehr die Wissensvermittlung im Zentrum, sondern die Wissensaneignung. Es sei ein „Mythos“, dass dort, wo gut gelehrt, auch gut gelernt werde. Vielmehr sollte die „systematische Ausdehnung der Lerntätigkeit“ im Mittelpunkt jedes Unterrichts stehen forderte Klement. Es gehe darum, sich die Lerninhalte „selbstgesteuert und kooperativ“ aneignen zu können. Die Selbstverantwortung für Lernprozesse ist für Klement eine „tragendes Säule“ des „neuen Lernens.“

Fotos: Plenum, Dr. Otto Hörmann, Dr. Heike Hahn, Univ.-Doz. DDr. Karl Klement