Hohe Gewerkschaftsauszeichnung für "Arbeiterpriester" Sieder

„Eine Versöhnung zwischen Kirche und Arbeiterschaft kann es nur geben, wenn es eine Versöhnung von Kirche und Sozialdemokratie gibt“, betont Franz Sieder immer wieder. Jetzt feierte der Priester aus Amstetten sein Goldenes Priesterjubiläum. Bei einem Überraschungsfest in St. Valentin wurde am Freitag der kirchliche Sozial-Pionier anlässlich seines 50-jährigen-Priesterseins gewürdigt. Sieder erhielt dabei vom Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) den Solidaritäts-Award. Diese Auszeichnung wurde anlässlich des Jubiläums von Sieder für Nichtfunktionäre neu geschaffen. Der ÖGB-Vorstand anerkenne damit das „besondere Engagement des Priesters für die Arbeitnehmer und dessen Einsatz für die Gewerkschaftsidee“. Teilnehmer der Veranstaltung betonten: Gemeinsames Ziel von Kirche und Gewerkschaft sei es, „sich für jene einzusetzen, die es sich nicht richten können“.
Sieder kam 1938 in Obergrafendorf zur Welt, studierte Theologie in St. Pölten und empfing am 29. Juni 1962 die Priesterweihe. Nach dreijähriger Kaplanstätigkeit in der Pfarre Amstetten-St. Stephan war er von 1965 bis 1976 freigestellter Kaplan für die Katholische Arbeiterjugend, seit 1976 wirkt er als Betriebsseelsorger für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des Mostviertels. Als überzeugter Pazifist war Sieder maßgeblich am Aufbau von Pax Christi Österreich und Pax Christi der Diözese St. Pölten beteiligt, seit 1989 ist er Geistlicher Assistent von Pax Christi Österreich. Weiters betätigt er sich seit 20 Jahren im Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialismus (ACUS). Jahrelang war er auch Krankenhausseelsorger und engagiert sich seit einigen Jahren als Geistlicher Assistent für die Katholische Arbeiterbewegung Niederösterreich.

Der 74-Jährige hielt unzählige Predigten und Reden zu sozialer Gerechtigkeit aus der Sicht des christlichen Glaubens. Einige davon sind in den zwei Büchern „Gegen den Strom“ gesammelt. Sieder setzt sich intensiv für die Integration von Migranten und für benachteiligte Familien ein. Legendär ist auch sein Einsatz für den arbeitsfreien Sonntag. Im Mostviertel ist der Geistliche weit durch sein Wirken als „Aushilfspriester“ für Gottesdienste bekannt.

1972 Errichtung der Betriebsseelsorge in der Diözese

Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen nach den Auseinandersetzungen in der 1. Republik langsame Annäherungsversuche von Teilen der Kirche mit der Arbeiterschaft sowie durch das „Mariazeller Manifest“ der Bischöfe. Ein wichtiger Schritt war 1964 der Besuch von Bischof Franz Zak in der Firma Voith sowie der Begegnung der dortigen Betriebsräte im Rahmen der St. Pöltner Stadtmission. Zunächst lehnten diese den Besuch ab, weil sie Wahlwerbung für die ÖVP befürchtet hatten. Bischof Zak erklärte dabei die Notwendigkeit der Arbeiterseelsorge durch Priester. Einer der ersten davon war Franz Sieder.

In der Diözesansynode wurde die Betriebsseelsorge 1972 in der Diözese St. Pölten strukturell errichtet, mehrere Zentren waren vorgesehen. 1973 übernahm er die Betriebsseelsorge St. Pölten, 1976 kam er in selber Funktion nach Amstetten. Gegenwärtig gibt es rund 20 Betriebsseelsorgezentren in ganz Österreich, drei sind es in der Diözese St. Pölten: Mostviertel-Amstetten, weiters Traisental sowie Oberes Waldviertel.

Der Leitspruch der Betriebsseelsorge lautet: "Mit den Arbeitern im Weinberg, mit den Fischern am See, mit den Frauen am Brunnen, mit den Ausgeschlossenen an einem Tisch ..." Das drückt die Sympathie der Betriebsseelsorge mit den Benachteiligten der Gesellschaft aus und bestimmt auch ihre bevorzugte Zielgruppe: Arbeitslose; ArbeitnehmerInnen die im Akkord oder am Fließband tätig sind; Menschen, die wenig verdienen; Lehrlinge.

Bild 1: Franz Sieder bei der Heiligen Messe in der Pfarrkirche St. Valentin.
Bild 2: V.l.n.r.: Leitender ÖGB-Sekretär Bernhard Achitz, ÖGB-Landessekretär Christian Farthofer, Engel-Betriebsratsvorsitzender Stefan Mayrhofer, Nationalratsabgeordnete Uli Königshofer-Ludwig, Priesterjubilar Franz Sieder, Dechant Johann Zarl, NÖ-Arbeiterkammer-Präsident und NÖ-Gewerkschaftsvorsitzender Hermann Haneder.
Bild 3: Franz Sieder bekam vom Leitenden ÖGB-Sekretär Bernhard Achitz den erstmals vergebenen Solidaritäts-Award des Österreichischen Gewerkschaftsbundes.