Fastenhirtenwort 2012

Einmal mehr vernehmen wir in der Fastenzeit die Aufforderung: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen“ (Joel 2,12). Und wieder fragen wir uns – wie soll ich das konkret tun? Ich denke, es hat etwas mit Reifen, mit Wachstum zu tun. Es geht darum, dass alle Gläubigen, Priester und Laien, Verheiratete und Unverheiratete, Jung und Alt einen neuen Schritt setzen; und dieser Schritt ist der notwendigste und wichtigste überhaupt: Das Notwendigste und Wichtigste ist die persönliche Bemühung um ein echtes Christsein.

Das ist aber leichter gesagt als getan. Eine Gesellschaft, in der es nur oder fast nur um materiellen Wohlstand geht bzw. um einen flach verstandenen Fortschritt; ein Staat, in dem auf Gott völlig oder fast ganz vergessen wird und wo weitgehend der Egoismus das Sagen hat, macht letztendlich auch den gesündesten Menschen krank. Und doch kann der Einzelne auch in einer total säkularisierten Welt als Christ den Weg zu einem wahren Mensch- und Erfülltsein finden. Das Geheimnis ist der „Sauerteig der Christen“.

Auch innerkirchlich wird viel von der Notwendigkeit zur Veränderung geredet, von Reformen. Die Diskussionen darüber machen einen schon beinahe müde. Und doch können sie auch eine Anregung sein: die wichtigste Reform ist nämlich jene, die bei einem selber anfängt. Also: etwas muss neu werden. Aber wie?

Da bietet sich uns eine gute Gelegenheit. Der Heilige Vater hat ein Jahr des Glaubens ausgerufen. Es beginnt am 11. Oktober 2012. An diesem Tag steht ein zweifaches Jubiläum an: 50 Jahre zuvor wurde das II. Vatikanische Konzil eröffnet, und 30 Jahre später erfolgte die Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche, der in Übereinstimmung mit dem Konzil die wesentlichen Aussagen des Glaubens wiedergibt. Ich halte dieses Jahr des Glaubens für sehr wichtig, denn, Hand aufs Herz: brauchen wir nicht alle einen Neustart im Glauben? Wer von uns empfindet nicht angesichts mancher damit im Zusammenhang stehender Entwicklungen Ratlosigkeit und Ohnmacht? Was können wir tun? Das Jahr des Glaubens gibt Antworten und dringt zum Kern der notwendigen Reform vor.

Wir sind derzeit am Überlegen, wie wir dieses Jahr, welches bis zum Christkönigsfest 2013 andauern wird, in der Diözese begehen werden. Es wird auf jeden Fall am Anfang und am Ende einen feierlichen Gottesdienst geben, sicher auch einige andere gemeinsame Aktionen. Wird das etwas an der Lage der Gesellschaft oder der Kirche ändern? Nach meiner Überzeugung von ganzem Herzen ja! Aber nur, wenn jeder von uns bei sich selber anfängt und das Jahr des Glaubens persönlich und mit der erforderlichen Tiefe mitträgt. Es geht dabei nicht bloß um Wiederholung von Dingen, die längst – vielleicht schon bis zum Überdruss – bekannt sind. Es geht auch nicht bloß um Bewusstmachung bestimmter Glaubensinhalte; es geht um mehr: eine entsprechende Lebensgestaltung ist notwendig. Daher ist es angebracht, dass wir schon jetzt anfangen.

Die beginnende Fastenzeit dient der Vorbereitung auf das Osterfest; sie kann auch zu einer guten Vorbereitung für ein echtes Jahr des Glaubens werden. Erinnern wir uns: die wesentlichen Werke der Umkehr lauten: „Beten, Fasten, Almosen geben.“ Diese Werke der Umkehr sind auch wichtig für die tiefere Entfaltung des Glaubens.

Nur im Gebet, im Hingehen zu Gott und im Hören auf ihn, auf sein Wort finden wir Zugang zu seinen Geheimnissen und zu den Geheimnissen unseres eigenen Lebens, kann der Glaube in unseren Herzen Einlass finden. Ohne persönlichen Umgang mit Gott können wir im Glaubensleben nicht fortschreiten. Daher meine Empfehlung: ein neuer Anlauf im Gebet? Ein konkreter Schritt in diese Richtung könnte eine erneute Anstrengung sein, in der Fastenzeit möglichst konsequent jeden Tag eine gewisse Zeit, die Stille, Christus, Gott zu suchen im Verlangen nach seinem Wort, nach seiner Weisung, nach seinem Brot. Wenn wir so mit Gott verkehren, erwacht auch der Wunsch, Vergebung zu empfangen, seine Hilfe zu erfahren, seine Erlösung. Eine gute Osterbeichte wirkt oft Wunder für einen Neubeginn, gerade auch im Glaubensleben. Es ist ähnlich wie bei einem wertvollen Gemälde, das verschmutzt war und gereinigt wird. Durch die Entfernung der Asche unserer Nachlässigkeiten, Fehler, ja Sünden wird der Glaube lebendig, oft erwacht auch von Neuem die Tiefe des Gebetes, weil die Seele befreit ist.

Auch Fasten ist wichtig. Dabei sollten wir bedenken, dass Gott nicht bloß äußere Opfer will, sondern die Bekehrung des Herzens. Fasten macht einerseits die Augen freier, andererseits sollten wir unser Fasten richtig ansetzen, nicht nur bezüglich Speis und Trank. Was behindert unser Christsein, steht einem tieferen Glauben im Weg, schwächt die Liebe, macht sie vielleicht sogar kaputt? Gibt es etwas, das unsere Hoffnung untergräbt? Ist es vor allem Bequemlichkeit? Oder unser Egoismus? Spielt Eitelkeit eine Rolle? Sind wir deshalb so empfindlich und so schnell beleidigt? Oder gibt es andere Haltungen, die den tieferen Grund häufiger Fehler darstellen? Das „richtige Fasten“, das dort ansetzt, wo es nötig ist, schafft Raum für Gott, für die Anderen, auch für uns selbst, es führt zu einer größeren Freiheit und Liebesfähigkeit. Ein „richtiges“ Fasten kann auslösend sein für einen echten Wachstumsschub im inneren Leben.

Die Almosen wurden zwar erst an dritter Stelle genannt, aber sie dürfen nicht fehlen. Es geht dabei nicht bloß um die eine oder andere Spende. Die Armut eines Menschen besteht nicht immer nur in materieller Not. Oft ist Zuwendung gefragt und Anteilnahme, vielleicht ist es dringend nötig, dass wir auf Jemanden, der an unserer Seite ist, zugehen, vielleicht braucht es Gespräch und Bereitschaft zur Versöhnung. Der Glaube an Gott ist nie trennbar von der Bemühung um den Nächsten. Daher ist dieser Aspekt ebenso wichtig wie die anderen, auch für das Glaubensleben.

Mein Wunsch für Sie und für mich: ein neues Ostern und ein fruchtbares Jahr des Glaubens! In diesem Zusammenhang sehe ich auch die bereits nahe PGR-Wahl. Wir brauchen dringend Menschen, die den Glauben lieben und die dazu bereit sind, sich für ihn fest einzusetzen. Möge Christus, der Erlöser, uns das Heil schenken und uns zu Mitarbeitern dieses seines Heiles machen!