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„Die Kirche wächst, wenn die Caritas wächst“

Caritas-Direktor Friedrich Schuhböck feiert am 6. April seinen 60. Geburtstag. Im Gespräch mit dem Pressereferat der Diözese St. Pölten spricht der Jubilar über Caritas, Politik und Privates, und verrät, warum er "einer der glücklichsten Menschen" ist.
Pressereferat: Herr Direktor Schuhböck: Religionslehrer, Diakon, Caritasdirektor – eine logische Laufbahn?
Schuhböck:Ich habe nichts davon angestrebt. Die Anstöße kamen von außen und von „oben“. Im Rückblick erlebe ich alle Stationen meines Lebens als bereichernd und erfüllend. Die Kombination von Diakon und Caritas-Direktor ist theologisch eine ganz klare Sache; ich wundere mich, dass es in Europa nicht mehr Diakone als Caritas-Direktoren gibt.

Gibt es eine persönliche Berufungsgeschichte? Die Berufungen zur Theologie, zum Ehestand, zum Diakonat sind ja unterschiedliche. Gab es auch eine Berufung zur Caritas, oder war es vor allem der Ruf des Bischofs?
Bischof Krenn hat sich 1996 entschlossen, die Caritas-Direktion mit dem Diakonat zu verbinden; so bin ich bestellt worden, für mich total überraschend. Ich empfinde mich als Gerufenen und habe versucht, dem Ruf hundertprozentig zu entsprechen und den Vertrauensvorschuss zu rechtfertigen. Die Art des Rufens ist für mich sekundär, denn letztlich ruft nur Einer – auch durch andere Menschen.

Ihre wichtigsten Erlebnisse und Erfahrungen bisher?
Vom Kleinkindalter bis in die Gegenwart hinein bin ich immer von spirituellen Menschen umgeben gewesen, die mich mit der ganzen Bandbreite gelebten Christentums in Verbindung gebracht haben. Für meine Eltern war der Glaube eine Selbstverständlichkeit. Ich stamme aus einfachsten Verhältnissen, mein Vater war Hilfsarbeiter und ist gestorben als ich 13 Jahre alt war. So war es für mich ein großes Geschenk, ins Gymnasium gehen zu dürfen. In der Schule und im Internat in Melk war ich von Schülern und Pädagogen umgeben, die mich religiös und kulturell gefördert haben.

Was ist Ihnen persönlich im Leben wichtig? Was macht der Caritasdirektor privat in seiner Freizeit?
Lesen, Wandern, Musik hören, früher Fußballspielen. Ein Lieblingsziel beim Wandern ist z.B. die Lange Lacke beim Neusiedlersee. Zur klassischen Musik bin ich im Internat in Melk gekommen, wo es einen „kulturellen Zirkel“ gab. So besuchte ich mit 15 Jahren zum ersten Mal die Wiener Staatsoper. Das hat mich enorm begeistert. Wir haben auch viele klassische Messen in der Stiftskirche Melk gesungen. Meine Lieblingsmusik sind die klassischen Symphonien besonders von Beethoven, Bruckner, Sibelius und Tschaikowsky, ebenso liebe ich die Klavierkonzerte von Mozart.

In Ihrer Amtszeit hat sich das Angebot der Caritas stark erweitert. Gibt es tatsächlich so viele neue Problemfelder in der Gesellschaft oder nehmen wir heute die Nöte besser wahr?
Die Grundaufgabe der Caritas ist immer der Mensch in Not. Darum übernehmen wir auch soziale Dienstleistungen als Partner der öffentlichen Hand. Die Caritas ist prinzipiell Ansprechpartner für jeden Menschen, der in Not ist. Einige Fälle können wir selbst bearbeiten, andere leiten wir an kompetente Partner weiter.
Strategisch haben wir uns für besondere Zielgruppen entschieden: der alte, kranke, pflegebedürftige und sterbende Mensch sowie Personen mit kognitiver Behinderung und psychischer Beeinträchtigung. Wir haben in unseren Diensten keinerlei Expansionsbestrebungen, aber wir differenzieren unsere Angebote nach den neuesten Erkenntnissen. Da ist immer eine Weiterentwicklung notwendig, „damit der Mensch das Leben hat und es in Fülle hat“ (Joh 10,10). Das bringt Wachstum mit sich. Es geht dabei um die Lebensqualität der Betroffenen und deren Angehöriger, aber auch um eine effiziente Ökonomie.
Dazu kommt, dass wir auch Verantwortung gegenüber unseren Spendern und Spenderinnen haben, und wir das uns anvertraute Geld zweckgewidmet, kompetent, effizient und effektiv einzusetzen haben.

Die Professionalisierung der Caritas hat auch Nebenwirkungen. So wird der Caritas oft vorgeworfen, sie sei zu wenig kirchlich, und der Kirche wird vorgeworfen, sie sei zu wenig karitativ. Wie sehen Sie diese Problematik?
Mich hat die Enzyklika „Deus caritas est“ von Papst Benedikt sehr gefreut, denn darin wird die Caritas als Wesenselement der Kirche bezeichnet. Ohne Caritas darf sie sich nicht Kirche nennen. Es geht dabei um ein Ineinander der kirchlichen Grundfunktionen (Verkündigung, Liturgie und Caritas; Anm.).
Unser Ansatzpunkt ist: Darf ich als Caritas jemand von der Mitarbeit ausschließen, der Christus in seinem Nächsten dienen will, ob er ihn erkennt oder nicht? Der Vorhof der Heiden war Teil des Tempels in Jerusalem – um allen Menschen die Nähe zu Gott zu ermöglichen. Die Caritas ist sowohl Teil der Kirche als auch Vorhof der Kirche, mit allen Implikationen, die immer wieder Spannung erzeugen. Die Caritas als Institution darf die Christen nicht von der gelebten Caritas dispensieren. Diese ist Aufgabe jedes einzelnen Christen und endet nicht beim Ausfüllen eines Erlagscheines. Die Pfarrcaritas soll die Pfarren und Gemeindemitglieder befähigen und motivieren, selber Nächstenliebe zu üben.
Die Caritas versteht sich auch als Einladung zur Kirche, als eine Stufe zur Christusliebe durch Nächstenliebe. Angebote wie die youngCaritas soll Jugendliche für die Nöte der Menschen sensibilisieren – und so für Christus. Die Kirche wächst, wenn die Caritas wächst.

Wie lebt es sich im Spannungsfeld zwischen Kirche, Gesellschaft und Politik?
Es gibt manche Synergien aber auch Differenzen bei gesellschaftlichen Werten und Prioritäten. Die Kirche und die Caritas sind dem biblischen Gottes- und Menschenbild verpflichtet, und dafür treten wir ein. Wir können in Teilen mit anderen Vereinen und politischen Parteien kooperieren ohne vom gesamten Parteiprogramm vereinnahmt zu werden.
In Summe genießt die Caritas in Politik und Gesellschaft ein hohes Vertrauen, in einzelnen Punkten gibt es aber Konflikte aufgrund unterschiedlicher Betrachtungsweisen. Asyl und Fremdenbetreuung etwa sind sehr schwierige Themen. Wo es um eine Beeinträchtigung von Grundrechten geht, dort hat die Caritas den Mund aufzumachen.

Was bedeutet für Sie betteln?
Es ist eines der obersten Menschenrechte, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Zugleich ist Betteln ein sehr menschenunwürdiger Akt. Es ist eigentlich Prostitution: sich und seine Armut zur Schau zu stellen, ist Ausdruck höchster Not und Verzweiflung. Falls es sich um Ausbeutung handelt, ist es Sache der Justiz.
Es ist die Aufgabe der Caritas, darauf zu schauen, dass wir „armutsfest“ sind, ein Grundlevel der Lebenssicherung muss gewährleistet sein. Wir müssen die Armut an der Wurzel packen – auch in anderen Ländern, damit sich die Menschen nicht entschließen müssen, zu uns zu kommen. Es wäre die Aufgabe der internationalen Solidargemeinschaft, besonders benachteiligte Gebiete zu unterstützen.

Wie lange hält man es in so einen Beruf aus? Der Sozialbereich hat ja eine ziemlich hohe Burn-out-Rate. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Ich begebe mich mehrmals pro Jahr einige Tage auf Rückzug. Eine große Entlastung erfahre ich auch durch eine tiefe Geborgenheit im Glauben: Es hängt nicht alles von mir alleine ab.
Ich habe ein riesiges dreifaches Glück: Ich schöpfe Kraft aus einer stabilen Ehe und Familie, habe eine robuste Gesundheit – als Caritas Direktor war ich noch keinen einzigen Tag im Krankenstand – und sehr engagierte und kompetente Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Was sind deine persönlichen Zukunftspläne?
Solange die Gesundheit da ist, möchte ich noch einige Jahre daran mitarbeiten, dass die Caritas und die Kirche optimistisch in die Zukunft blicken können.

Haben Sie besondere Geburtstagswünsche?
Dass heuer mein Geburtstag auf den Karfreitag fällt, kommt meinem Wunsch, nicht zu feiern, entgegen. Ich bin einer der glücklichsten Menschen, weil ich mit so viel unterschiedlichsten Notlagen konfrontiert bin, dass ich für mich selbst nichts als Problem bezeichnen darf.

Das Gespräch führte Diakon Markus M. Riccabona, Referat für Kommunikation der Diözese St. Pölten.

Mag. Friedrich Schuhböck wurde 1952 in Nöchling im südlichen Waldviertel, Bezirk Melk, geboren. Nach der Matura 1970 am Stiftsgymnasium Melk studierte er bis 1975 Theologie in St. Pölten und Linz. Ab 1975 war Schuhböck als Religionslehrer an Pflichtschulen, Sonderschulen, polytechnischen Schulen und ab 1982 an der HTBLuVA St. Pölten tätig. 1987 weihte ihn Weihbischof Dr. Alois Stöger zum Ständigen Diakon in der Pfarre St. Pölten-Maria Lourdes. Seit 1996 ist Schuhböck Direktor der Caritas der Diözese St. Pölten. Er ist verheiratet und hat 2 erwachsene Kinder.