Christen müssen über ihren Glauben Bescheid wissen

Bei der St. Pöltner Priesterstudientagung referierte die deutsche Philosophin Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz abschließend über Möglichkeiten, den Glauben in einer agnostischen Umwelt weiterzugeben.
Die Dresdnerin verwies in ihrem analytischen ersten Teil auf die Religionskritiker des 19. Jahrhunderts – Feuerbach, Marx, Nietzsche -, die vorerst noch vom Schreibtisch agierten. Was diese in den Studierstuben vorgedacht haben, sei nun „zwar nicht auf der gleichen gedanklichen Höhe, aber als faktisch eingesickerter Atheismus oder Antitheismus und als Frucht atheistischer Politik und Diktaturen heute zur allgemeinen Kultur geworden“. Daher seien die Kirchen in Ostdeutschland extrem marginalisiert, der Prozentteil der regelmäßigen Kirchgänger liege im unteren einstelligen Bereich. Es habe vor einigen Jahrzehnten außerdem einen ethischen Bruch gegeben: von den 10 Geboten hin zu den sozialistischen Geboten.

Gerade in Ostdeutschland sei oft völliges Unwissen über das Christentum vorhanden. Studierende hätten oft überhaupt keine Ahnung mehr von wesentlichen christlichen Kernaussagen. Gerl-Falkovitz erzählt von einer Sprechstunde mit einem “Zweitsemester" in Dresden; er möchte etwas über Jesus lesen. “Ich weiß nur: Er ist an ein Brett genagelt worden, außerdem wurde sein Prozess ungerecht geführt. Können Sie mir einmal die Prozessakten leihen?" Stark wirke noch die Tabuisierung des religiösen Sprechens durch die offizielle Sprachregelung in der DDR nach.

Austrocknung christlicher Lebenswelt

Trotz dieser „Austrocknung christlicher Lebenswelt“ sehe sie eine Wiederkehr heidnischer Elemente. In der heutigen Form kämen sie als außerchristliche Rituale und unklar dumpfer religiöser Sehnsüchte zurück. Von der Esoterik mit ihren Diätformen über Steinheilungen bis hin zu Formen des Satanismus. Es sei eine Zeit der „dampfenden Religiösität“, die anstelle des Verlorengegangenen irgendeinen Ersatz suche. Allerdings sieht sie die Katholische Kirche „institutionenmäßig im Vorteil“, weil sie seit Langem konsolidiert und stabil sei. Protestantische Freikirche dagegen würden immer wieder weiter zerfallen.Überdies sei der derzeitige Freiheitsentwurf nur möglich, weil es extremen Wohlstand und eine gute soziale Absicherung gebe. Wenn das schwächer werde, würden auch das Gemeinschaftliche wieder wachsen.

Generell sieht sie das vorhergesagte Aussterben der Religionen als völlige Fehlinterpretation – überall wachsen die Religionen, aber auch die Katholische Kirche – nur eben nicht in Europa. In den USA würden dagegen die Konfessionen etwa stark um die Menschen werben, Lateinamerika werde gerade eine „leichte Beute für Freikirchen“.

Nicht Christenmangel, sondern Christenmängel

Wie kann nun der christliche Glaube weitervermittelt werden? Wer vermittelt ihn weiter? Gerl-Falkovitz, die seit ihrer Emeritierung das neu gegründete Institut EUPHRat ("Europäisches Institut für Philosophie und Religion") an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Heiligenkreuz leitet: „In der Weise, selbst zu glauben.“ Das eigene Bekenntnis erscheine ihr immer wichtiger. „Wo hatten wir zuletzt eine intensive Erfahrung mit Christus?“ Wir hätten „keinen Christenmangel, sondern Christenmängel, die uns hindern, andere zu erreichen“. Christen müssten in ihrer eigenen Überzeugung gefestigt sein und Rede und Antwort geben können. Gläubige sollten „Zeugnis von der Hoffnung geben können, wenn sie angesprochen werden“. Für den Glaubenden müsse auch klar sein, um was es geht, daher empfehle sie etwa den neuen Jugendkatechismus Youcat. Das Wie der Glaubensweitergabe hänge auch davon ab, mit welcher inneren Resonanz, mit welcher Phantasie und mit welchem Reichtum an Ideen dieses Wie weitergegeben wird. Zum Beispiel solle man auch Nichtchristen in kirchliche Räumlichkeiten einladen – wie es der bekannte Erfurter Bischof Joachim Wanke immer wieder macht: Im Vorfeld christlicher Feste werden Veranstaltungen für nichtgläubige Menschen organisiert. Das werde, so Gerl-Falkovitz, „lebhaft wahrgenommen“. Die Kirche habe bei diesen gestalteten Räumen einen Vorsprung. Beweisen könnten die Kirchen das Göttliche zwar nicht, aber sie „könnten den Horizont dafür aufbauen, was dann kommt“.