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Brief an Priester und Diakone zum "Jahr des Glaubens"

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst! Vor einem Jahr habe ich an alle Priester unserer Diözese einen Brief mit der Einladung zum Dialog geschickt. Viele haben darauf reagiert, es gab auch Gespräche. An diesen Brief möchte ich heute anknüpfen, beziehe diesmal aber auch die Diakone ein.

Mich bewegen einige große Anliegen.

Wir haben „ein Jahr des Glaubens“ vor uns, das der Heilige Vater ausgerufen hat. Es soll die Kirche an die Eröffnung des II. Vatikanums und an die Veröffentlichung des neuen Katechismus erinnern, vor allem aber ein kräftiger Impuls für die große Aufgabe sein, die uns alle beschäftigt: das Evangelium heute leben und es den Menschen unter den gegenwärtigen Verhältnissen nahe bringen.

Die Eckpunkte für die diözesane Feier sind bereits festgelegt: Wir beginnen am 7. Oktober 2012 mit einer feierlichen Vesper im Dom. Wir wollen eine Anstrengung unternehmen, um unser Leben mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis in Einklang zu bringen. Ein Höhepunkt soll die möglichst bewusste Erneuerung des Taufversprechens in der Osternacht des kommenden Jahres sein. Am Christkönigs-sonntag 2013 werden wir dieses Jahr des Glaubens mit einem Gottesdienst in Maria Taferl gemeinsam abschließen.

Das Jahr des Glaubens ist auch ein sehr guter Ausgangspunkt für den Beginn der neuen Pfarrgemeinderatsperiode: Wir alle benötigen als Grundlage des pastoralen Bemühens gerade in Zeiten, wie wir sie erleben, eine echte Selbstbesinnung. Zugleich ist es eine gute „Übung“ für Jung und Alt, auch andere, die noch keinen Zugang zum Glauben gefunden oder ihn verloren haben, persönlich auf den Glauben anzusprechen und sie zu den Glaubenstreffen mitzunehmen. Das persönliche Ansprechen Anderer ist etwas, das viele Christen neu lernen müssen.

In St. Pölten wird als Angebot für die Stadt und die ganze Umgebung jeden 3. Freitag im Monat abends in der Franziskanerkirche eine Katechese über die 12 Glaubensartikel stattfinden. Ich werde die erste und die letzte Katechese halten und mich bemühen, möglichst häufig mitzuwirken, auch wenn ich die Katechese nicht selbst halte. Es wird dabei eine Zeit der Anbetung und Angebot zu Aussprache und Beichte geben. Alle, die Interesse haben, sind herzlich eingeladen.

Selbstverständlich können – und sollen – in den verschiedenen Regionen der Diözese ähnliche Angebote entwickelt werden, entweder im Zusammenhang mit bereits bestehenden Veranstaltungen – wie z. B. den Monatswallfahrten – oder mit eigens geplanten Treffen. Besonders freuen würde mich, wenn in allen größeren Regionen des Landes zumindest je ein spezifisches Angebot für Jugendliche zwischen 12 und 25 Jahren mit jugendgemäßer Gestaltung zustande käme. Dafür wird notwendig sein, dass insbesondere Religionslehrer, Pastoralassistenten und andere, die Zugang zur Jugend haben, mitmachen, indem sie Jugendliche zur Teilnahme motivieren und sie vielleicht sogar persönlich begleiten. Das Schulamt hat sich zur Unterstützung bereit erklärt. Auch bei diesen Angeboten für die Jugendlichen wird es wichtig sein, dass der Glaube authentisch und lebensbezogen erklärt wird, dass es Gelegenheit zu Aussprache und Beichte gibt, auch Momente der Stille und des persönlichen Gebetes.

Wahrer Glaube führt zu Werken, konkret auch zu Werken der Umkehr und der Bemühung um eine Änderung des Lebens. Eine echte Tauferneuerung ist nicht bloß ein Ritual, sondern ein Versprechen, das mit dem Verlangen nach Erneuerung der Taufgnade verknüpft ist. Das Taufversprechen in der Osternacht ist ja Frucht einer gelebten Fastenzeit und Ausdruck des Wunsches, an der Freude des Osterfestes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich teilzuhaben. Deshalb ist von größter Bedeutung, dass die Bemühung um eine möglichst bewusste Erneuerung des Taufversprechens, die Förderung der persönlichen Beichte als Ausdruck des Willens, den christlichen Glauben ganz bewusst und konsequent zu leben einschließt. Es bereitet mir Sorge, dass die in der Diözese weit verbreiteten Bußandachten von nicht wenigen Gläubigen missverstanden werden, so als würde in ihnen eine Generalabsolution erteilt. Solche Bußandachten sind hilfreich, wenn sie zu Besinnung und Gewissenserforschung hinführen und so für den persönlichen, individuellen Empfang des Bußsakramentes bereit machen. Aber sie tragen zur Verflachung bei, wenn sie eine Flucht in die Anonymität eines Kollektivs darstellen oder die Umgehung eines persönlichen Bekenntnisses im Blick haben. Schwere Fehler bedürfen jedenfalls eines persönlichen Bekenntnisses im Bußsakrament verbunden mit aufrichtiger Reue und Vorsatz als Voraussetzung für Vergebung.

Jesus Christus, der uns als Mensch gewordener Gottessohn durch den Heiligen Geist zum Vater führt, ist die Mitte unseres Glaubens. Dieser Jesus Christus und sein Heilswerk werden in der Eucharistie vergegenwärtigt. Ich bitte Euch alle inständig, in diesem Jahr des Glaubens wenigstens eine, besser mehrere Katechesen diesem großen Geheimnis unseres Glaubens zu widmen. Es soll bewusst gemacht werden, welchen Schatz die Eucharistie für uns bedeutet, in welch tiefen Sinn die Eucharistie Mitte und Höhepunkt sowohl des kirchlichen als auch des persönlichen Lebens jedes Christen ist und was eigentlich mit aktiver Teilnahme an der Eucharistie gemeint ist. Unbedingt notwendig ist es auch, liebevoll und mit Feingefühl auf die Voraussetzungen für einen fruchtbaren Kommunionempfang hinzuweisen. Auch die Erklärung des Hl. Vaters für die Neuübersetzung der Wandlungsworte sollte zur Sprache kommen.

Es ist mir ein sehr großes Anliegen, dass auch im Zusammenhang mit den unvermeidlichen Veränderungen unserer Pfarrstrukturen in den kommenden Jahren das Verständnis der Eucharistie nicht nur nicht schwindet, sondern wächst. Dies scheint in Anbetracht des Priestermangels ein frommer, aber unrealistischer Wunsch zu sein; ich bin aber trotzdem davon überzeugt, dass dem nicht so sein muss. Wenn wir an Christus und seine Gegenwart in der Eucharistie glauben, dann werden wir die Orte, an denen Eucharistie gefeiert wird, so wählen, dass möglichst viele Gläubige der Umgebung daran teilnehmen können, und die Gläubigen werden alles tun, um möglichst an keinem einzigen Sonntag bei der Eucharistiefeier zu fehlen, selbst wenn sie die Mühe einer etwas längeren Wegstrecke auf sich nehmen müssen. Auch die Teilnahme an der hl. Messe werktags sollte von Neuem gefördert werden, indem gut bekanntgemacht wird, wo und zu welcher Uhrzeit eine hl. Messe stattfindet. Das setzt freilich voraus, dass wir selbst „brennen“ und dass wir die Herzen der Gläubigen erneut entflammen.

Es freut mich, dass die „Einrichtung“ der „Vorbeter“ an vielen Orten hochgehalten wird. Sie haben gerade in unserer jetzigen Situation eine wichtige Aufgabe, denn durch ihren Einsatz und mit ihrer Autorität können in den Gemeinden – auch unabhängig von der Anwesenheit eines Priesters – Andachten gehalten und das religiöse Leben gepflegt werden.

In den letzten Jahren hat auch eine größere Zahl von Gläubigen die Ausbildung zur Abhaltung von Wortgottesfeiern empfangen. Es ist von großer Bedeutung, dass Gottes Wort gemeinsam gehört und betrachtet wird. Dies ist auch eine Art, Christus zu begegnen. Es gehört wesentlich zum Christsein, sich in das Wort Gottes zu vertiefen, es in Übereinstimmung mit der Kirche zu erfassen und so – richtig verstanden – auf das eigene Leben anzuwenden. Beachtet die Richtlinien, die die Österreichische Bischofskonferenz bezüglich der Wortgottesfeiern erlassen hat und die auch für unsere Diözese gültig sind: Wortgottesfeiern sollen – das betrifft vor allem Sonn- und Feiertage – nicht gleichzeitig mit Eucharistiefeiern in den Nachbargemeinden stattfinden; sie sollen nie eine Art „Konkurrenz“ sein. In den Wortgottesfeiern soll auch keine hl. Kommunion gespendet werden.

Erfreulich ist weiters, dass sich in den letzten Jahren in nicht wenigen Orten die eucharistische Anbetung wieder stärker verbreitet hat. Auch das – die Förderung der stillen Anbetung – sollte im Jahr des Glaubens ein Ziel sein, das dazu beiträgt, dass wir auf Christus schauen, still werden, mit dem Wunsch zu hören, was er uns sagt.

Schließlich muss ich noch ein Thema anschneiden: Glaube und Gehorsam sind nahe beieinander. Glauben führt zum Gehorsam gegenüber Gott, gegenüber Christus, dem Mensch gewordenen Gott, auch gegenüber der Kirche, denn sie vergegenwärtigt Christus und sein Wort, sie vermittelt das Wort, ihn selbst, Christus. Dafür wurde sie ja von Christus eingesetzt.

„Auf Ungehorsam liegt kein Segen“, hat der Apostolische Nuntius anlässlich des 7. Jubiläums der Papstwahl im Stephansdom gesagt und er hat recht. Ich kann nicht verbergen, dass für mich die „Pfarrerinitiative“ eine Sorge darstellt. Manche der Anliegen, die jene Mitbrüder von uns, die ihr angehören oder sie unterstützen, bewegen, kann ich durchaus verstehen. Zu erkennen, welches genau die richtigen Lösungsansätze sind, ist nicht einfach. Aber Ungehorsam als Prinzip, auch Ungehorsam als eine Art Provokation zur Erzwingung bestimmter Entscheidungen kann auf Dauer nicht gut gehen, auch nicht die fortwährende Ablehnung bestimmter weltkirchlicher oder diözesaner Bestimmungen, selbst dann, wenn diese nicht allesamt Glaubenswahrheiten sind, die nicht verändert werden können. Ich hoffe sehr, dass ich nicht genötigt sein werde, gegen Mitbrüder vorzugehen, die in ihren Haltungen beharren. Das würde mir sehr leid tun.

Es ist notwendig, dass wir uns mit den Texten des II. Vatikanischen Konzils und auch mit den nachkonziliaren Dokumenten wie z. B. „Evangelii nuntiandi“, „Christifideles laici“ oder „Novo Millennio ineunte“ neuerlich befassen und aus diesem Studium unsere Folgerungen ziehen, um mit Gottes Hilfe und einer großen, gemeinsamen Anstrengung eine Grundlage zustande zu bringen, die für die Zukunft eine positive Entwicklung ermöglicht. Benützt den Katechismus, auch YOUCAT ist sehr wertvoll.

Ich weiß mich mit allen Mitbrüdern im Gebet verbunden. Alle bitte ich um ihr Gebet. Gemeinsam sind wir stark. Es ist unbedingt notwendig, dass wir auch aus Liebe zu Gott, aus Liebe zur Kirche und aus Liebe zu den Menschen, vor allem aus Liebe zu den Gläubigen, aber auch wegen der Nichtgläubigen zusammenrücken, und dass wir in der Suche nach Lösungen auf Gott hören und gerade deswegen nicht gegen die Einheit der Kirche sowie die Einheit untereinander verstoßen. Möge uns Maria, die Hilfe der Christen und Mutter der Kirche, beistehen!