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Am St. Pöltner Domplatz standen einst vier Kirchen

Die Ausgrabungen am St. Pöltner Domplatz bringen zahlreiche spannende Erkenntnisse zutage: In der heuer geöffneten Nordfläche konnte neben den zu erwartenden Gräbern, die vor allem frühneuzeitlich zu datieren sind, als wesentliches Ergebnis eine weitere gotische Kirche nachgewiesen werden, die später vom barocken Klostergebäude überbaut wurde. Dabei dürfte es sich um die sogenannte Margarethenkapelle des Frauenklosters von St. Pölten gehandelt haben. Stadtarchäologe Ronald Risy sagte bei einer Pressekonferenz: „Somit standen hier am heutigen Domplatz ursprünglich vier Kirchenbauten unmittelbar nebeneinander.“
Unterhalb der sogenannten Pfarrkirche liegt ein römischer Großbau mit außergewöhnlichem Grundriss, der in das 4. Jahrhundert zu datieren sei und so noch nirgends gefunden wurde. Risy kann inzwischen bestätigen, dass es sich darum um ein Badegebäude gehandelt hat. Derartige römische Badegebäude waren multifunktionale Einrichtungen, die ein wesentlicher Bestandteil des Lebens waren und in denen etwa Geschäfte abgewickelt wurden. Die älteren Gebäude des 2. und 3. Jahrhunderts, die einem Brand zum Opfer fielen, wurden beim Bau der Therme geschleift und einplaniert.

Die Vermutung, dass dieses römische Gebäude im Mittelalter noch mehr oder minder aufrecht stand und spätestens im 11. Jahrhundert eine Neunutzung als Friedhofskapelle erfuhr, habe sich bestätigt. Von der romanischen Kirche konnten weitere Teile entdeckt werde, das überlieferte Weihedatum 1133 gelte nun als archäologisch gesichert.

650.000 menschliche Knochen entdeckt

Parallel zu den Grabungen erfolgt weiterhin die Bearbeitung der geborgenen Bestattungen durch die Medizin-Uni Wien und die Restaurierung der bisher geborgenen Funde. Die vollständige Ergrabung des Friedhofs einer Stadt über einen dermaßen langen Zeitraum war bisher weltweit noch kaum möglich. Zu den für die Wissenschaft interessantesten anthropologischen Funden zählt heuer das Massengrab einer Familie mit 18 Menschen, die alle zugleich bestattet wurden. Sämtliche Kinder waren im Abstand von ein bis zwei Jahren voneinander geboren. Das Grab stelle daher einen seltenen, durch Knochen belegten historischen Nachweis für die hohe Geburtsbelastung der Frauen im Mittelalter dar. Die anthropologischen Funde ermöglichen wichtige Rückschlüsse auf die Belastungs- und Umwelteinflüsse früherer Generationen, betonen die Wissenschaftler die hohe Bedeutung der Grabungen.

Bislang wurden 32.500 Funde entdeckt, in der Mehrzahl Keramik und Tierknochen. Aber es kamen auch kunstvoll gestaltete, ganz erhaltene Ofenkacheln zum Vorschein. Unter den geborgenen und nun restaurierten Beigaben der im Kircheninneren Bestatteten hebt Risy neben zahlreichen Medaillons, Wallfahrtsanhängern und Rosenkränzen, eine Taschenuhr besonders hervor. Die durchschnittlich 20 ständigen Mitarbeiter entdeckten auch bislang hunderte Münzen.

St. Pöltens Bürgermeister Matthias Stadler lieferte weitere beeindruckte Zahlen: Allein im Jahr 2011 wurden 870 Tonnen händisch abgetragen. Außerdem seien bislang die Überreste von 2.950 Menschen freigelegt und entnommen worden – das seien rund 650.000 Knochen.

Wie geht es weiter?

Die Ausgrabungen am Domplatz laufen bereits seit 2010. Mitte Juli soll eine erste Teilfläche im Osten der jetzigen Grabungsstätte wieder verfüllt und asphaltiert werden. Die Aussichtsplattform wird dann nach Osten versetzt. Danach wird die Grabungsstätte unmittelbar Richtung Westen erweitert. Anschließend planen die Verantwortlichen, den nördlichen Teil der derzeitigen Grabung zu verfüllen und zu asphaltieren. Ziel sei es, die Zahl der derzeit vorhandenen Parkplätze weiterhin zu erhalten. Stadler betonte jedenfalls: „Die archäologischen Grabungen werden mit Hochdruck vorangetrieben.“ An der Wiederherstellung der Oberfläche des Domplatzes werden auch diözesane Experten miteinbezogen.

Bild 1: Baudirektor Kurt Rameis, St. Pöltner Bürgermeister Mattias Stadler, Stadtarchäologe Ronald Risy präsentieren Fundstücke.
Bild 2: Archäologen bei Grabungen am St. Pöltner Domplatz.