Alle können heilig werden

„Was ich, teilweise unter größten Schwierigkeiten unermüdlich verkündet habe, ist jetzt allgemein gültige Lehre der Kirche, nämlich, dass jeder Christ zur Heiligkeit berufen ist“, erinnert sich Bischof Klaus Küng an ein Treffen im Jahr 1967 mit Josemaría Escrivá (1902-1975), dem Gründer des Opus Dei. Bei einem Gedenkgottesdienst für den Heiligen im St. Pöltner Dom betonte der Bischof, dass damit eine Kernaussage des Hl. Josemaría im Zweiten Vatikanischen Konzil enthalten sei.
Escrivá habe damals gesagt, was er bei vielen Gelegenheiten wiederholt habe: nämlich, dass konsequente Nachfolge Christi nicht nur die Angelegenheit von Priestern und Ordensleuten sei. „Der Herr nahm keinen aus, als er sagte: „Seid also vollkommen, wie eurer Vater im Himmel vollkommen ist.“

In der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium heißt es: „Der göttliche Lehrer und das Vorbild jeder Vollkommenheit, der Herr Jesus, hat die Heiligkeit des Lebens, von der er selbst sowohl Urheber als auch Vollender ist, allen und jedem Einzelnen seiner Jünger jedweder Lebensform gepredigt: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie auch euer Vater vollkommen ist“ (LG 40).

„Papst Benedikt XVI. hat 2002 noch als Präfekt der Glaubenskongregation gerade als besonderes Verdienst des Gründers des Opus Dei hervorgehoben, dass er die irrige Vorstellung, Heiligkeit sei nur ein Ideal für ganz Wenige, korrigiert hat“, so Bischof Küng. Er bezeichnete die Aussage Escrivás, dass alle heilig werden können, als Kernsatz seiner Lehre und seines Lebens. Gerade diese Aussage sei der Grund gewesen, warum Escrivá Anfang der 1940er Jahre als der Häresie verdächtig bei der Glaubenskongregation angezeigt wurde. Denn es wäre üblich gewesen zu sagen, „wenn einer heilig werden will, dann muss er ins Kloster“.

Dem Hl. Josefmaría sei es ein großes Anliegen gewesen, bewusst zu machen, dass nach Heiligkeit streben nicht unbedingt bedeutet, sich aus der Welt zurückzuziehen. Er lehrte vielmehr, dass es oft notwendig und angebracht ist, in die Welt hineinzugehen.

Arbeit ist die Achse, um die sich Heiligkeit dreht

Josefmaría, der 2002 heilig gesprochen wurde, habe aufgezeigt, dass bei einem Christen in der Welt, der Arbeit ein ganz besonderer Stellenwert zukomme. Er habe die Bibelstelle aus dem Buch Genesis geliebt, wo es nach der Beschreibung der Erschaffung des Menschen heißt: „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte.“ Josefmaria habe gerne gesagt, „die Arbeit sei für einen Christen, der in der Welt lebt, so etwas wie die Achse, um die sich die Heiligkeit dreht. Es gehe darum, die Arbeit zu heiligen, sich selbst und die anderen durch die Arbeit zu heiligen“.

Es gebe noch einen anderen wichtigen Aspekt, den er betonte habe: „Josefmaría versuchte bewusst zu machen, dass Heiligkeit nicht ein Ziel, ein Ideal ist, das nur für ganz wenige, besonders begnadete Menschen gedacht ist“. Er habe das Wort des Hl. Paulus geliebt: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ im Sinne, dass dann, wenn die Erfahrung der eigenen Schwachheit, Sündhaftigkeit dazu führt, Christus zu suchen, auf Christus zu bauen, gerade diese Tatsache zur Grundlage der Stärke führt. Escrivá habe den Weg der Gotteskindschaft gelehrt, die Gelassenheit und Furchtlosigkeit vermittle, aber auch den Weg aufzeige, wie ein Mensch mit Schwächen und Schwierigkeiten nach Heiligkeit streben kann, indem er im kleinen treu, ein liebender Mensch, mit Christus vereint ist. Da tue sich ein Weg auf, mitten im Alltag, auch für ganz gewöhnliche Menschen.

Wirksamkeit der Christen im Alltag

„Ein großes Anliegen war dem Hl. Josefmaría die Wirksamkeit der Christen in allen Gegebenheiten der Gesellschaft, in allen Berufen und sozialen Schichten“, sagte Bischof Küng in seiner Predigt. Das Wichtigste sei für ihn gewesen, ein gutes Beispiel abzugeben bzw. das Bemühen darum. Er habe gesagt: jeder ist wie die „Stadt, die auf dem Berge liegt.“ Er konkretisierte, dass die Arbeit des Einzelnen so etwas wie der Leuchter sein sollte, auf dem das Licht brennt und die Menschen zu Christus hinzieht.

Bischof Küng weiter: „Die Gestalt Josefmarías ist auch in unserer Zeit ein großer Ansporn, um selbst in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft aus dem Glauben zu leben, zu arbeiten, zu wirken.“ Escrivá habe selbst erleben dürfen, „wie ein Samenkorn, das anfangs ganz klein war, allmählich aufgegangen ist und sich mit einer unglaublichen Fruchtbarkeit entfaltet hat, auch unter schwierigsten Bedingungen“.

„Möge das Beispiel diese Heiligen uns helfen, das Konzil zu lieben und den göttlichen Auftrag wahrzunehmen, der gerade in dieser Zeit vielfältiger Umbrüche in Gesellschaft und Kirche an uns gerichtet ist“, so Bischof Küng. Es sei notwendig, „dass wir mutig hinausfahren auf den See der Begegnung mit Gott und den Menschen in unserem Alltag; es ist notwendig, dass wir herzhaft mitwirken bei der Aussaat und bei der Bebauung des Ackers, damit möglichst viele gerettet werden“.

Bild: Domkapitular Prälat Leopold Schagerl, Generalvikar Eduard Gruber, Caritas-Direktor Friedrich Schuhböck, Diözesanbischof Klaus Küng, Bischofssekretär Fritz Brunthaler, Abt von Geras, Michael Procházka, Rektor Josef Kreiml.