Predigt Christtag 2011

Liebe Brüder und Schwestern! Vor einiger Zeit bin ich auf das Wort aus einem Jugendgebetbuch gestoßen: „Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und kein Mensch wird anders“ (Werner Schaube).

Weihnachten wirft Fragen auf: Wenn Gott Mensch geworden ist, wie ist es dann möglich, dass viele Menschen so leben, als gäbe es keinen Gott, Christus beiseite schieben, so als wäre er nie geboren worden, als hätten sie nie von ihm gehört?

Bei einem Pfarrbesuch hat mich ein Landwirt angesprochen. Er sagte mir, und ich glaube es ihm, er sei früher jeden Sonntag in der Regel zweimal, manchmal sogar dreimal zur Kirche gegangen, heute gehe er auch nicht mehr ganz regelmäßig, aber die Kirche müsse etwas tun, weil es immer weniger werden. „Da stimmt etwas nicht“, meinte er. Wir kamen miteinander ins Gespräch. Ich gab ihm teilweise recht, aber auch er musste mir recht geben, als ich ihm zu bedenken gab: wenn jemand wirklich glaubt, dass bei der Feier der Eucharistie durch die Verkündigung seines Evangeliums und die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesus selbst wirklich gegenwärtig wird, dann wird der oder die Betreffende doch sicher keine Gelegenheit versäumen, ihm zu begegnen. Die Frage ist, ob wir echt daran glauben. Vielleicht klingt das einfältig, wahr ist es aber trotzdem.

Wie kann es sein, dass Gott Mensch wird, und das Leben in der Welt geht weiter, als wäre nichts geschehen? Und bei uns wird derzeit - das lässt sich nicht übersehen – tatsächlich die Schar der Gläubigen von Jahr zu Jahr kleiner. Warum ist das so? Ich möchte nicht zu sehr vereinfachen, aber es drängt sich der Gedanke auf, dass vermutlich leider zutrifft, was von Anfang an prophezeit worden ist: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Und Jesus selber hat die bange Frage gestellt: „Wenn der Menschensohn kommt, wird er wohl Glauben finden auf Erden?“ (Lk 18,8). Wird das Folgen haben, wenn die Menschen nicht glauben?

Die jüdische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs hat ein Gedicht verfasst, das mit den Worten beginnt: „Er wird den Ball aus der Hand der furchtbar Spielenden nehmen.“ Nelly Sachs bezog sich auf die Tragödie ihres Volkes, offenbar in Gedanken an die Gerechtigkeit Gottes. Wird Gott eingreifen, wenn die Menschen vom Glauben abfallen oder wenn die frevlerischen Taten überhandnehmen?

Dass es unmittelbar nach dem Tod ein persönliches Gericht gibt und am Ende der Zeit ein universales, ist eine Glaubenswahrheit, es ist aber nicht die Weihnachtsbotschaft. Die Weihnachtsbotschaft ist eine ganz andere: Gott erschien nicht, um zu richten, sondern begab sich selbst auf die Suche nach dem Menschen, und zwar tat er dies in einer ganz besonderen Weise, indem er als kleines Kind zur Welt kommt, sodass sich ihm der Mensch ohne jede Angst nähern kann und nicht unter Druck gerät, sondern frei bleibt und ihn sicher finden kann, wenn er will. Die Initiative kommt dabei von Gott. Sie setzt nicht voraus, dass sich der Mensch bekehrt hat. Sie geschieht unabhängig davon und ist ein freies Angebot Gottes, das allerdings seine Gerechtigkeit nicht aufhebt.

Wir können es nie ganz fassen, was diese Suche Gottes bedeutet, weil sie etwas so Großes ist und so Gewaltiges. Petrus Chrysologus hat es so ausgedrückt: „Christus ist gekommen, um unsere Schwachheit anzunehmen und uns seine Kraft zu geben; er hat für sich das Menschliche gesucht, um uns das Göttliche zu gewähren.“ Die Liturgie spricht von einem heiligen Tausch, der durch das Weihnachtsereignis grundgelegt wird. Oder wie Athanasius es ausgedrückt hat: „Gott hat sich zum Träger des Fleisches gemacht, damit wir Träger des Geistes werden“. Oder mit Worten des Meisters Eckhart: „Er ist Mensch geworden, auf dass Gott in deiner Seele geboren werde und deine Seele in Gott.“

Es ist für uns auch deshalb unfassbar, welches Angebot uns dadurch gemacht wird, weil uns andere wichtige Zusammenhänge oft zu wenig präsent sind.

Papst Benedikt wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die beiden Festkreise Weihnachten und Ostern eng miteinander verknüpft sind, nicht nur in dem Sinn, dass das Geheimnis der Menschwerdung, das wir zu Weihnachten in besonderer Weise betrachten, der Anfang einer neuen Zeit ist: die Verbindung zwischen Gott und Mensch wird neu begründet. Weihnachten ist auch nicht nur die physische Voraussetzung für die Erlösung durch das Leiden und Sterben des Gottessohnes am Kreuz. Nur dann, wenn wir durch den Empfang der Taufe eingetaucht werden in dieses sein Leiden und Sterben und an seiner Auferstehung Anteil erlangen, können wir mit ihm eins werden, können wir ihn aufnehmen in unsere Herzen, nur dann kann es Weihnacht werden in uns selbst.

Gerade so und nur so wird Weihnachten zu einem Fest, das eine riesige Hoffnung vermittelt. Er wird in unseren Herzen geboren. Das ist die Grundlage unserer Zuversicht. Die Kirchenväter beschreiben es in lebendigen Farben. Alle dürfen sich freuen: die Schwachen, denn Er ist unsere Kraft; die Alleinstehenden, weil Er Emmanuel ist, Gott mit uns und wir daher eigentlich nie allein sind; die Trauernden können aufatmen, denn Er schenkt Trost wie keiner; auch die Leidenden, denn durch das heilige Kreuz ist die Welt erlöst worden und kann Leiden eine besondere Art der Vereinigung mit Ihm sein, der der Erlöser der Welt ist; auch jene, die nach Vollkommenheit streben, dürfen mutig vorangehen, denn Er ist der Motor; und vor allem Menschen, die sich schwerer Fehler bewusst sind, dürfen hoffen, denn das ist der Hauptgrund, warum Er Mensch geworden ist. Er kam. um zu suchen, was verloren war. Ja, mit seiner Geburt wurde ein neuer Weg eröffnet, denn 30 Jahre lang hat er gewissermaßen wie wir ein gewöhnliches Leben geführt. Er ist das Vorbild schlechthin, der Herr und Meister. Er zeigt uns, wie unsere Wege auf Erden in göttliche verwandelt werden können und wie wir trotz unserer Schwachheit und Fehlerhaftigkeit fähig werden, Frucht zu bringen vor Gott und den Menschen.

So entsteht auch in schwierigen Zeiten Hoffnung. Das Geheimnis der Weihnacht trägt und beflügelt uns von innen, von Christus her. Die Bedrängnisse unserer vom Materialismus und Konsum geprägten Gesellschaft und auch die Bedrängnis der Entfremdung vieler von der Kirche und vom Glauben an Christus werden zum drängenden Ansporn, mit Christus eins und mit ihm verbunden Licht und Salz zu sein. „Bonum diffusivum est“, sagen die Lateiner. Zu deutsch: „Das Gute will verbreitet sein“. Dieser Aspekt gehört auch wesentlich zur Weihnacht. Es ist ein wichtiger Auftrag. Wir können doch nicht ruhig zusehen, wie die Menschen um uns Schaden leiden, ja vielleicht in Bezug auf ihr ewiges Heil bedroht sind. Der Herr ist gekommen, um die Menschen zu retten, und er will, dass wir dabei mittun.

Durch die Feier der Eucharistie werden Weihnachten und Ostern gleichzeitig unter uns gegenwärtig. Es ist der gleiche Christus, den Maria 9 Monate unter ihrem Herzen getragen und in Betlehem zur Welt gebracht hat und der als Frucht der Erlösung durch die Verkündigung seiner Worte und durch die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut zu uns kommt. Und mit ihm können wir in einer sehr konkreten Weise eins werden. Bitten wir Maria und Josef, sie mögen uns dabei beistehen.