Interview in der Zeitschrift "Datum"

Was halten Sie von dem Vorschlag (von Gesundheitsminister Alois Stöger, Anm.), auch alleinstehenden und homosexuellen Frauen die künstliche Befruchtung zu erlauben?

Es geht dabei vor allem um die Frage des Kindeswohles und zwar im zweifacher Hinsicht. Bei jeder heterologen künstlichen Befruchtung wird das Kind das ganze Leben lang die Unsicherheit begleiten: wer ist mein Vater? Diese Unsicherheit betrifft seine Identität, was zu großen Problemen führen kann. Außerdem ist für die Entwicklung der Persönlichkeit die Zuwendung des Vaters und die emotionale Beziehung zu ihm von großer Bedeutung. In einer lesbischen Beziehung ist diese Polarität von Mann und Frau nicht gegeben. Deshalb tue ich mich schwer mit solchen Vorschlägen – weil das Kind „draufzahlt“. Interessanterweise argumentiert Minister Stöger durchaus mit dem Kindeswohl, wenn es um die Höchstzahl der einzusetzenden Embryos geht und bei der Altersgrenze für künstliche Befruchtung; aber nicht hier.

Und von dem Vorschlag der künstlichen Befruchtung für alleinstehende Frauen? Muss man diese beiden Themen aus kirchlicher Sicht getrennt diskutieren?

Die beiden Themen haben gewiss gemeinsame Facetten. Auch hier stellt sich die Frage nach dem Vater, der außerdem bei der Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes fehlen würde. Zudem muss man sagen, dass niemand „das Recht“ auf ein Kind hat. Weiters ist zu befürchten, dass mit einer solchen gesetzlichen Bestimmung der Leihmutterschaft Tür und Tor geöffnet wird.

Sie haben in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ vom 27. 8. 2009 gesagt: „Ein Volk mit Zukunft braucht Kinder“. Wie sehen Sie das, wenn es um Kinder von künstlich befruchteten homosexuelle oder alleinstehenden Frauen geht?

Es ist wahr, dass ein Volk Kinder braucht, aber nicht jeder Weg ist zur Erreichung dieses Zieles gut. Man kann solche Ziele eben nicht auf dem Rücken des Kindeswohles erreichen. Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Das Kind hat das Recht auf Vater und Mutter, um sich bestmöglichst entwickeln zu können.

Sie haben im selben Interview gesagt, Kinder sind ein Geschenk Gottes. Gilt das eigentlich auch für Kinder, die über künstliche Befruchtung von Menschenhand geschaffen werden?

Das ist wahr und gilt uneingeschränkt. Jedes Kind, jeder Mensch ist einmalig, unaustauschbar und geistig, und daher liebenswert. Auch wenn uns die Methoden, mit denen Kinder heute ermöglicht werden, manchmal an Frankenstein denken lassen – Gott umarmt jedes Kind im Moment seiner Entstehung und beginnt seinen einzigartigen Weg mit ihm.

Sie engagieren sich für christliche Familien, auf der anderen Seite dürfen sich Priester aufgrund des Zölibats selbst nicht fortpflanzen. Familien von katholischen Priestern wären sicher christlich. Warum trägt die Kirche hier nichts bei, um auf natürlichem Weg mehr christliche Familien zu schaffen?

Ich glaube im Gegenteil, der Zölibat trägt sogar dazu bei, dass viele Menschen sich für mehr Kinder entscheiden. Familien brauchen ja das Vorbild von Priestern, die ihr Leben ganz in den Dienst Gottes und der Menschen stellen, die auch zu Verzicht bereit sind. Und Priester brauchen die Freundschaft christlicher Familien, die für sie Stütze sind und Ermutigung. Zudem motivieren gute Seelsorger Familien gerade auch im Bezug auf Kinder zu Großzügigkeit. Christliche Familien und zölibatär lebende Priester ergänzen sich also hervorragend, ich sehe keinen Grund, einen Teil dieser Symbiose zu entfernen.

Dürfen sich alleinstehende oder homosexuelle Frauen Ihrer Meinung nach auf natürlichem Weg von Männern befruchten lassen?

Nach christlichem Verständnis gehört – mit gutem Grund – Geschlechtsverkehr in die Ehe, das heißt in eine dauerhafte Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Kinder brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch die Geborgenheit vermittelnde Treue und unaufkündbare Liebe von Vater und Mutter. Daher muss ich mit Nein antworten.

Man könnte das Thema künstliche Befruchtung auch einfach nur wissenschaftlich betrachten. Sie sind selbst Arzt. Wie könnten Sie Ihren inneren Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft beschreiben? Gibt es den?

Ich spüre keinen inneren Konflikt. Natürlich sind Religion und Wissenschaft zwei verschiedene Dinge. Aber so wie ich es sehe, hat die Religion gerade heute die Funktion, der Wissenschaft dabei beizustehen, keine „falschen Wege“ zu beschreiten. Ich denke, ein solches Korrektiv ist dringend nötig, weil man den Eindruck hat, es wird vielerorts vor allem nach der Machbarkeit und der Wunscherfüllung gefragt. Doch nicht alles ist erlaubt und gut, was die Wissenschaft heutzutage kann. Daher versuche ich auch als Arzt und Bischof, mich in die bioethische Debatte einzubringen. Bei der künstliche Befruchtung geht es konkret um das Wohl von mehreren Menschen – nicht zuletzt das des entstehenden Kindes. Da kann man nicht „nur wissenschaftlich“ denken, da muss man ethische Dimensionen hinzuziehen.