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Interview Bischof Küng mit Hubert Wachter/NEWS 10.11.2011


NEWS: Exzellenz, die Pfarrer-Initiative hält am ,Ungehorsam‘ fest. Wird die Bischofskonferenz nicht doch ein paar ihrer Forderungen nachgeben, damit Ruhe einkehrt?

Bischof Klaus Küng: Ich sehe die Pfarrer-Initiative als Hilferuf von Menschen, die sehr am derzeitigen Seelsorgesystem haften. Ich kann den Hilferuf auch verstehen. Aber, die Erneuerung kann nicht darin bestehen, dass sich die Kirche in einigen Punkten einer säkularisierten Gesellschaft anpasst oder strukturell versucht, die Probleme zu lösen. Es ist notwendig, dass wir zu einer wirklichen Erneuerung in den heutigen Verhältnissen einer säkularisierten Gesellschaft kommen.

NEWS: Welche Erneuerungen? Vielleicht Sakramentszulassung für wiederverheiratete Geschiedene, oder Laien als Gemeindevorsteher? Das will doch die Pfarrer-Initiative.

Küng: Von der Herbst-Bischofskonferenz erwarte ich mir da keine neuen Ergebnisse. Hingegen müssen wir Schritte zur Erneuerung der Seelsorge setzen.

NEWS: Was meinen Sie damit?

Küng: Es geht darum, dass sich die Rolle des Priesters mehr dem Wesentlichen zuwendet, dass er möglichst befreit wird von organisatorischen Belastungen, dass Laien, die die Ausbildung haben, zu wichtigen Mitarbeitern werden.

NEWS: Dürfen Laien also predigen, und auch, siehe Priestermangel, Eucharistie halten?

Küng: Ich glaube, dass der Weg vielmehr dahin geht, dass man das Laienapostolat nicht ständig nur als Ersatz des Priesters betrachtet! Und dass es auch nicht darum geht, das gegebene Pfarr-Netz zu erhalten, indem man versucht, Laien die Kernaufgaben von Priestern übernehmen zu lassen. Nein, es ist eine Neukonzeption der Seelsorge erforderlich! Manches ist in einer zentralen Pfarre, manches ist regional vorzusehen. Eine neue Art von Seelsorge. Laien können Vorträge halten, aber nicht innerhalb der Eucharistiefeier predigen. Sie haben ja ohnehin viele andere Möglichkeiten, sich in der Begleitung von Kindern und Erwachsenen mit dem Glauben auseinanderzusetzen.

NEWS: Wenigstens Messfeier samt Kommunion durch Laien völlig ausgeschlossen??

Küng: Laien können einen Wortgottesdienst halten, aber dafür wäre der Ausdruck Eucharistie zuviel und auch falsch, eine Irreführung. Es wäre ein völlig falscher Weg, die Eucharistie durch Wortgottesdienste zu ersetzen, die Beichte durch Bussfeiern oder die Aufgabe des Priesters durch jemand anderen zu ersetzen. Das wäre die Aufweichung der Sakramente und des priesterlichen Dienstes.

NEWS: Beim Stichwort ,Zentralpfarren‘ sind Sie mit der Diözese St.Pölten Vorreiter. Da gibt es 424 Pfarren, davon nur mehr 184 mit eigenem Pfarrer. Wieviele Pfarren werden denn am Ende übrig bleiben? Die Pfarrer-Initiative kritisiert scharf, so werde es zu ,liturgischen Gastspielreisen‘ von Priestern kommen.

Küng: Wieviel übrig bleiben, ist noch nicht durchgerechnet, das ist die kreative Arbeit der nächsten Jahre. Ich kann mir vorstellen, dass wir mit der Zeit 70 bis 80 Pfarren haben werden. Man wird schauen, wo hat man eine grosse Kirche, die anderen wird man als Filialkirchen erhalten, man wird schauen, dass es in jedem Ort geistliches Leben gibt, die Kirchen offen sind, dass man sich dort zum Gebet trifft. Unter Führung von Laien, die nicht nur die Kirchen auf- und zusperren, sondern das Stundengebet mit anderen verrichten oder den Rosenkranz beten. Die sonntägliche Eucharistiefeier wird in den Hauptpfarre sein, vom Priester gehalten. Den Kritikern, die Angst vor liturgischen Gastspielreisen haben, sage ich: Habt Mut zum Blick auf Neues!

NEWS: Wie soll so der Dialog mit der Pfarrer-Initiative denn überhaupt weitergehen?

Küng: Ich bin in meiner Diözese mit jenen, die dabei sind, im guten Gespräch. Das Wichtige ist, dass positive Entwicklungen einsetzen. Aber ich habe jedem von ihnen schon deutlich gemacht, dass ich voraussetze, dass alle Mitarbeiter die Richtlinien der Weltkirche und der Diözese befolgen.

NEWS: Apropos Weltkirche. Man hat den Eindruck, dass diese sich speziell in Europa verengt, zur Stahlhelm-Kirche wird, zur nur mehr kleinen Herde, dafür aber mit Hunderprozentigen...

Küng: Angesichts der Säkularisierung der Gesellschaft ist es notwendig, den Glauben neu zu buchstabieren. Lau zu sein geht nicht mehr, sonst wird man von Allgemeintrends mitgerissen. Die grosse Gefahr, die es zuletzt gab und die nicht überwunden ist, das ist die Klerikalisierung der Laien und die Säkularisierung bzw. Laiisierung der Priester! Was die Gretchenfrage ist! Wir sind genötigt, genau hinzuschauen, jeder muss seine Aufgabe an seinem Platz und seiner Berufung gemäss wahrnehmen. Nur das führt zur Erneuerung und Aufwärtsbewegung der Kirche, zu neuer Anziehungskraft des Christentums.