Das Besondere der Weihnacht: Gott begegnet uns als kleines Kind

Einmal mehr hören wir in dieser Heiligen Nacht die Stimme des Propheten, die ruft: „Man freut sich in Deiner Nähe. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“
Die Heilige Nacht hat etwas Anziehendes an sich. Die Kirchen füllen sich im ganzen Land. Es kommen auch viele, die den Weg in die Kirche sonst nur selten finden. Woran liegt es? Welches ist das Geheimnis dieser Nacht?
Johannes Bours hat geschrieben: „Gott ist so unaufdringlich, so wehrlos in unserer Zeit, dass er verschwindet! Er kommt sozusagen nicht mehr vor! Man bemerkt ihn kaum noch. Die meisten Menschen unserer Welt leben so, als wäre er nicht da. Dieser – Gott Jesu Christi – zeigt seine Gegenwart, seine Macht darin, dass er als wehrlose Liebe der Rettende wird. Dieser Gott wird anschaubar in dem hilflosen Kind, das in der Krippe liegt. Diese Ohnmacht der wehrlosen Liebe Gottes besiegt alles, besiegt den Tod. Es ist das abgründige Geheimnis Gottes, dass er, der allmächtige, der absolute Herr, als Liebe retten will und wahre Liebe ist wehrlos, aber ihre Wehrlosigkeit ist stärker als alles.“

Ich denke in diesem Zusammenhang manchmal an die Begegnung mit einem Bankier. Es war in der vorweihnachtlichen Zeit. Ich war gebeten worden, ein neu eingerichtetes Bankhaus zu segnen. Im Anschluss daran gab es ein Mittagessen. Im Gasthaus war bereits die Krippe aufgestellt. Beim Eintreten in das Lokal hielt ich zusammen mit dem Bankdirektor vor dieser Krippe einen Augenblick inne. Zu meiner Überraschung sagte mir dieser Banker: „Ich bin jemand, der auf Grund des Berufes die Aufgabe hat, die anderen ständig zu motivieren und mit Optimismus zu erfüllen, auch wenn die Situation nicht immer einfach ist. Ich weiß, wie schwer das ist. Ich bin kein praktizierender Christ. Ich bin nicht einmal getauft, aber ich verstehe, dass dieses Kind eine Hoffnung vermittelt, die viel größer und beständiger ist als die Hoffnung, die ein Mensch geben kann.“ Er gab mir zu verstehen, dass er sich gerade in letzter Zeit häufiger mit religiösen Fragen beschäftigt hat.

Die Heilige Nacht weckt eine Sehnsucht, die bewusst oder unbewusst in jedem menschlichen Herzen irgendwie vorhanden ist.

Es gibt da aber auch noch andere Aspekte, die damit mehr oder weniger eng verknüpft sind. In meiner Weihnachtspost erhielt ich einige besinnliche Erwägungen zur Höhle in Betlehem. In dem Text heißt es: „Es sind oft keine großen Tore, sondern Höhlen, durch die wir zum Wunder des Lebens finden. Die Geburt des Gottessohnes auf unserer Erde –in einer Höhle- rührt jeden Menschen an. Kommt, lasst uns in demütiger Freude und großer Dankbarkeit zu Jesus, dem Licht unseres Lebens, eintreten.“ Danach heißt es weiter:: „Gott, der Ursprung allen Lebens, segne Dich und sei Dir nahe, wenn Du Angst hast, wenn Du „Höhlenerfahrungen“ von innen und außen durchstehen musst. Gott, der Ursprung allen Lebens leuchte Dir und gebe Dir Wärme, wenn es in Deinem Alltag dunkle und kalte Stunden gibt. Gott, der Ursprung des Lebens in Fülle, wende Dir sein Angesicht zu und begleite Dich bei allen Mühen, Dich selbst und Mitmenschen aus toten Höhlen zu befreien.“

Ein schöner Text, der einen wichtigen Aspekt der Weihnacht hervorhebt, der sehr viel Trost vermittelt. Er ist verwandt mit dem Wort des Propheten vom Volk, das im Dunkel sitzt und ein großes Licht schaut, auch mit dem Trost Jerusalems zu tun hat, dessen Trümmer aufjubeln, weil der Erlöser und Befreier heimkehrt. Die Weihnacht richtet den Blick auf den Gottessohn, der kommt, um den Menschen zu retten. Auch in meiner Höhle, in meinem Stall kann er zur Welt kommen trotz aller Unordnung, trotz aller Mauerrisse und Unebenheiten, ja trotz aller Kalamitäten, die es in einem menschlichen Leben geben kann. Eigentlich ist es sogar so, dass er gerade deswegen kommt, um Risse zu schließen, Brüche zu heilen, Unrat zu entfernen und um Luft zum Atmen zu schenken. Das gehört wesentlich zum Verständnis von Weihnacht. Daher sind wirklich alle, wir alle, zum Mitfeiern herzlich eingeladen. Auf ein Detail sollten wir freilich dabei achten: Der Eingang zur Höhle in Betlehem ist sehr niedrig. Eintreten kann nur, wer sich bückt. Um Weihnachten wirklich feiern zu können, braucht es Ehrlichkeit und Einfachheit, das, was man Demut nennt. Dabei ist es nützlich, sich daran zu erinnern, dass wahre Demut nicht so sehr in äußerlichen Gesten besteht, sondern –wie die hl. Theresia von Avila sie lehrte- Wandel in der Wahrheit bedeutet, d.h. man soll sich nichts vormachen, sondern versuchen, die Dinge so zu sehen wie sie sind.

Das Besondere der Weihnacht besteht darin, dass uns Gott als kleines Kind begegnet. Es ist kein Gott, der Angst macht, im Gegenteil. Von Charles de Foucauld stammt der Text: „Habt Vertrauen! Seid zutraulich! Habt keine Angst vor mir, kommt zu mir, nehmt mich in eure Arme, betet mich an! Doch wenn ihr mich anbetet, tut Mir, wonach die Kinder verlangen: liebkost Mich. Fürchtet euch nicht, seid nicht so schüchtern vor einem so süßen kleinen Kind, das euch zulächelt und euch die Arme entgegenstreckt. Es ist euer Gott, aber es ist voll Liebreiz und Lächeln, fürchtet euch nicht.“

Zur Weihnacht gehören weiters die Hirten, die Gott loben und Ihre Gaben bringen. Auch auf sie sollten wir achten, ja, mehr als das. Warum sich nicht dazugesellen und mittun? Wir sollten schon versuchen, auch etwas zu geben, das unsere. Da ist sehr wertvoll das Wort der hl. Therese von Lisieux. Sie hat von sich gesagt: „Ich bereue es nicht, mich der Liebe ausgeliefert zu haben. Nein, ich bereue es nicht. Im Gegenteil!“ Sie meinte damit die Liebe Gottes, der sie sich geschenkt hat. Sie hat sich ganz verschenkt. Ihre Berufung hat sich in einer Weihnacht wesentlich gefestigt. Sie war vorher mehrere Jahre ein sehr empfindliches, weinerliches Mädchen und wurde auf Grund jener Weihnachtserfahrung stark. Sie entschloss sich damals aus Liebe zu Jesus, nicht mehr ihrem Hang nachzugeben, ständig die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu lenken, und sie wurde stark.

Die Anziehungskraft der Heiligen Nacht hat tiefe Wurzeln, sie vermag auch reichhaltige Früchte hervorzubringen. „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, aus Jesse kam die Art“. So singen wir. Es sollte auch in uns geschehen, bei Ihnen und bei mir. Das wünsche ich Ihnen und mir. Mögen uns Maria und Josef beistehen, damit wir in der rechten Weise in die Höhle eintreten, Jesus verehren und die Begegnung mit ihm in der Weihnacht fruchtbar sei.