Wetterfeste Wanderer, sportliche Bischöfe und bunte Gottesdienste

Pünktlich zu Beginn der Jugendwallfahrt Freitagmittag öffnet der Himmel über dem Mariazellerland seine Schleusen und entlässt einen gewaltigen Regenguss über Pilger und Bischöfe, die gerade nach Mariazell aufgebrochen sind. Die Bischöfe wandern mit Jugendgruppen von vier Orten aus in das obersteirische Marienheiligtum. Am Beginn der Wanderung steht jeweils ein Gottesdienst. Die Bischöfe Egon Kapellari, Alois Schwarz und Franz Lackner feiern mit ihrer Gruppe in der Kirche von Wegscheid. "Wallfahrer sind wetterfest", betont Bischof Kapellari immer wieder, nur dieses Mal muss er es nicht weiter beweisen. Mit dem Ende des Gottesdienstes hat auch der Himmel ein Einsehen: Alle Pilger erreichen trockenen Fußes Mariazell. Der Himmel hat sich seinen nächsten heftigen Regenguss für den Abend aufgespart.
Der kann den Bischöfen und Jugendlichen aber nichts mehr anhaben, haben sie sich doch schon längst zur Eröffnungsfeier im Mariazeller-Kongresszentrum "Europeum" eingefunden. Drei Bands erzeugen ordentlich Stimmung. Bischof Turnovszky zeigt sich in seiner Begrüßung zuversichtlich, dass die Zeit der Wallfahrt vor allem auch eine Zeit der Begegnung ist und bald sind tatsächlich Hunderte Jugendliche ungezwungen im Gespräch mit den Bischöfen, trinken wohlgemerkt antialkoholische Cocktails und swingen im Takt der Musik.


Um Freundschaft kämpft auch ein Kardinal


Am Samstagvormittag stehen Katechesen der Bischöfe auf dem Programm: Kardinal Christoph Schönborn erzählt über seine "Freundschaft mit Jesus" und er bekennt: "Um eine Freundschaft muss man auch kämpfen; Zeit, Energie und Aufmerksamkeit investieren." Da gehe es einem Bischof und Kardinal nicht anders als jedem anderen Gläubigen auch.


Bischof Manfred Scheuer versucht seinen jugendlichen Zuhörern die Begriffe Himmel, Hölle und Fegefeuer zu erklären. Gott wolle das Heil jedes Menschen, "er hat alles getan, damit die Hölle leer bleibt". Doch zur Freundschaft und persönlichen Beziehung mit Gott müsse jeder selbst in Freiheit "Ja" sagen. So bleibe die Hölle immer auch eine "reale Möglichkeit", räumt Scheuer ein. Er spricht vom Himmel als "endgültig geglückte Identität". Doch in jedem Leben gebe es Brüche; "Dinge, die nicht geglückt sind". Im Tod werde das Ganze einer Lebensgeschichte unter den Maßstab Jesu gestellt. Das Fegefeuer gebe Antworten darauf, "was geglückt ist und wo ich versagt habe". Scheuer spricht von der "schmerzlichen Begegnung mit der Liebe Gottes", die letztlich aber zur Reinigung führe.


Dem Thema "Ja zum Leben" hat sich Bischof Klaus Küng angenommen. Und er kommt auch auf Euthanasie und Abtreibung zu sprechen. Ein klares "Nein" zur Sterbehilfe bedeute auf der anderen Seite aber auch, "Ja zum Leben sagen, das begrenzt ist". Nicht jeder intensivmedizinische Eingriff zur Verlängerung des Lebens um einige Tage sei auch sinnvoll, räumt der Bischof ein. Verantwortungsvolle Ärzte seien ein Gebot der Stunde. Letztlich sei in dieser Frage aber die ganze Gesellschaft gefordert.


In den Katechesen wird auch offen diskutiert und so muss Küng etwa auch die Position der Kirche zu Verhütungsmitteln erläutern. Er bekennt auch, dass es zu wenig sei, nur gegen Abtreibung zu reden. Die Kirche müsse noch viel mehr als bisher konkrete Hilfestellungen für Mütter und Kinder leisten. "Jeder Mensch ist von Gott gewollt und geliebt." Das deutlich zu machen sei ein Gebot der Stunde.


Die "spielerische Komponente" des Glaubens


Der Samstagnachmittag ist verschiedensten Workshops gewidmet. Heiß her - im wahrsten Sinne des Wortes - geht es beim Fußballturnier der Bischöfe: Weihbischof Lackner zieht bei der Mannschaft "Gelb" im Mittelfeld die Fäden und lässt ungeahnte technische Fähigkeiten erkennen. Beim Team "Rot" steht Bischof Manfred Scheuer im Tor. Rasch führen die "Roten" 1:0 und Tormann Scheuer und kann bis knapp vor Schluss seinen "Kasten" sauber halten. Schließlich muss er aber doch einen Ball passieren lassen: Lackner und Scheuers Mannschaften trennen sich geschwisterlich 1:1.


Weihbischof Franz Scharl hat mit seinen "Grünen" einen vermeintlich übermächtigen Gegner: Die "Blauen" machen ordentlich Druck und führen bald 1:0. Scharls bunt zusammengewürfelte Truppe hat Abstimmungsprobleme, mit großem Kampfgeist gelingt aber noch der Ausgleich zum 1:1.


Nach den freitäglichen Regengüssen brennt am Samstag die Sonne ordentlich vom Himmel. Als Sportbischof und Marathonläufer hat Lackner aber noch genügend Puste, um in einer Spielpause auch Interviews zu geben. Er spricht davon, dass Glaube und Sport viele Gemeinsamkeiten haben. Es gehe um das Einhalten von Regeln auf der einen Seite - und andererseits müsste die Kirche noch mehr die "spielerische Komponente" des Glaubens in den Vordergrund rücken, sagt er.


Als früherer Jugendbischof hat Lackner auch einen guten Draht zu den Jugendlichen und freut sich über das gute Miteinander zwischen den einzelnen kirchlichen Jugendbewegungen und -Organisationen. Jede Gruppe könne ihre spezifischen Fähigkeiten einbringen. Lackners Zwischenbilanz der Wallfahrt fällt sehr positiv aus.


"Ganz normale Menschen" in der Bischofskonferenz


Jugendbischof Stephan Turnovszky stellt sich am Samstagnachmittag den Fragen der Jugendlichen. Er lädt zum Workshop: "Was ich einen Bischof schon immer fragen wollte". Und er erzählt freimütig von seinem Weg zum Priestertum, bekennt, dass er ein Modemuffel ist und ihm die einfache Priestertracht daher sehr gelegen kommt. Durch viele Besuche - in Pfarren, Schulen und bei Freunden - versuche er, auch als Bischof den Kontakt zur Kirchenbasis aufrechtzuerhalten.


Turnovszky erklärt den Jugendlichen, warum es in der katholische Kirche keine Priesterinnen gibt und er weiß auch zu berichten, dass in der Bischofskonferenz "ganz normale Menschen" sitzen. Der Jugendbischof räumt ein, dass sich die Kirche in einer schwierigen Phase befindet - er spricht von einer "Wüstenerfahrung" - und auch er selbst nicht weiß, wie es weitergehen wird. Trotz aller Probleme ermutigt er die Jugendlichen: "Sagt 'Ja' zur Kirche."


Am Abend bei der Lichterprozession legt der Jugendbischof dann noch ein Schäuferl nach: "Ja-Sagen zur Kirche reicht nicht." Der Glaube sei kein Selbstzweck: "Christen sind für die Welt da, nicht für die Kirche". Und Turnovszky ermutigt die Jugendlichen, auf andere zuzugehen, sich auch deren Sorgen anzunehmen und vom eigenen Glauben zu erzählen.


Basilika als Beichtstuhl


Die Mariazeller Basilika ist an diesem Abend voll. Zu den 600 jugendlichen Wallfahrern scharen sich noch Hunderte weitere Pilger aus verschiedensten Ländern. Lange zieht sich die Prozession durch die Straßen Mariazells, nachdem es erst unmittelbar vor Prozessionsbeginn zu regnen aufgehört hat.


Wer Fußball spielt, kann auch beichten - so könnte das Motto der Wallfahrt lauten. Nach der Prozession beginnt in der Basilika eine "Nacht der Barmherzigkeit": Mit Liedern und Gebeten wachen die Jugendlichen in der Basilika. Einige Bischöfe sind noch geblieben. Sie laden zur Beichte und nehmen auf Stühlen bei den Seitengängen Platz. Zahlreiche Wallfahrer nehmen die Einladung an: Die Basilika wird zum großen Beichtstuhl.


Kardinal Schönborn zeigt sich beeindruckt von der Glaubenskraft der jungen Menschen und ihrem intensiven Gebetsleben. In der Michaelskapelle in der Basilika besteht rund um die Uhr die Möglichkeit zur eucharistischen Anbetung. Junge Ordensschwestern sind ständig vor Ort und versuchen den Jugendlichen, Hilfestellung bei dieser Form des Gebets zu geben.


Mit "vollem Leben" zurück


Wie bunt und vielfältig die jugendliche Wallfahrerschar tatsächlich ist, wird am Sonntag beim großen Abschlussgottesdienst deutlich. Ordensschwestern mit grauem Schleier sitzen neben Jugendlichen in Jeans, kurzen Hosen und Turnschuhen. Junge Mädchen in Dirndl feiern neben jungen Kartellverbandsmitgliedern in bunten Uniformen. Und mittendrinnen die Bischöfe und zahlreiche Priester in ihren hellen Messgewändern.


Über zwei Stunden dauert der festliche Gottesdienst und der Kardinal gibt den Jugendlichen noch einen guten Ratschlag mit auf den Weg nach Hause: "Kommt immer wieder nach Mariazell. Vor allem dann, wenn ihr das Gefühl habt, nicht mehr 'voll leben' zu können. Ihr werdet von Mariazell sicher wieder mit vollem Leben zurückkommen."


"Kathpress"-Reportage von Georg Pulling