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Vortrag vor dem Welt-Gebets-Kongress für das Leben in Rom

„Donum Vitae“ und „Dignitas Personae“


Die beiden Instruktionen der Glaubenskongregation „Donum Vitae“ und „Dignitas Personae“ sind zwei Dokumente mit Antworten auf eine Reihe schwieriger ethischer Fragen, die sich im Zusammenhang mit künstlicher Befruchtung und der sich daraus entwickelten biomedizinischen Forschung ergeben haben. Diese Fragestellungen sind zwar großteils sehr konkreter Art – wie z.B. die ethische Beurteilung der homologen und der heterologen Insemination; Was soll man mit den kryokonservierten Embryonen anfangen? Was ist zur pränatalen Diagnostik zu sagen? usw., - sie können aber nur dann in einer dem Wesen des Menschen entsprechenden Weise beantwortet werden, wenn die existentiellen Grundfragen des Menschen mitbedacht werden wie z.B. „Was/wer ist der Mensch? Gibt es einen Gott? Besteht eine Beziehung zwischen dem einzelnen Menschen und Gott?


Die in der Bibel im Buch Genesis dargestellte Versuchung des Menschen durch die Schlange (vgl. Gen 3,1 ff) ist auch heute gegenwärtig, vielleicht ist sie gewissermaßen radikaler als damals, weil der Mensch in seiner Erkenntnis und in den Umsetzungsmöglichkeiten große Fortschritte erzielt hat. Komplex sind auch die Folgen, wenn der Mensch von Gott festgelegte Grenzen nicht beachtet.


Die größte Versuchung des Menschen ist der Stolz. Die Schlange hat im Paradies zu Adam und Eva gesagt: „Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse“ (Gen 3,5). Das ist und bleibt die Grundversuchung. Der Mensch will wie Gott sein, sein Schicksal – in radikaler Weise - selbst in die Hand nehmen und selbst bestimmen, was Gut und Böse ist.


Durch die Fortschritte der Wissenschaft ist vieles machbar geworden, gerade auch was den Beginn des menschlichen Lebens betrifft: nicht nur im Sinne der Empfängnisregelung, der Verhütung und der Abtreibung (unter Umständen schon im frühesten Stadium). Durch die künstliche Befruchtung im Reagenzglas haben sich auch ganz neue Möglichkeiten aufgetan.


So kann sich zum Beispiel eine Frau sagen: ich habe zwar keinen Mann und ich bin schon älter, aber ich möchte unbedingt ein Kind. Und so kam es, dass auch in Österreich schon zwei Fälle bekannt wurden, dass 60-jährige ein Kind erwarteten und zur Welt brachten.


In den USA kommt es in den letzten Jahren angeblich immer wieder vor, dass eine Frau mit guter Karriere, die sich ihre Aufstiegschancen nicht vermindern, aber doch ein Kind haben möchte, sich eine Leihmutter nimmt und mit einer von ihr selbst entnommenen Eizelle und dem Samen ihres Mannes eine künstliche Befruchtung durchführen lässt. So kommt sie zu ihrem Kind ohne Unterbrechung der beruflichen Arbeit. Ob das dem Kind gut tut, ist eine andere Frage.


Die Zeitung „Der Spiegel“ hat vor einigen Jahren von zwei lesbischen taubstummen Frauen berichtet, die nach einiger Zeit den Wunsch nach einem eigenen Kind empfanden, wobei sich ihr Wunsch in dem Sinn konkretisierte, dass sie unbedingt ein Kind haben wollten, das auch taubstumm sein sollte. Deshalb suchten sie in ihrem Bekanntenkreis nach einem Mann und fanden tatsächlich einen, der selbst taubstumm war und aus einer Familie stammte, die seit drei Generationen am gleichen Gebrechen litt. Die beiden lesbischen Frauen konnten ihn zur Samenspende überzeugen. Es wurde dann mit diesem Samen eine Befruchtung mit den Eizellen einer der beiden Lesben durchgeführt. Die Befruchtung war erfolgreich, nicht nur in dem Sinn, dass das Kind ausgetragen wurde und zur Welt kam. Es war auch tatsächlich taubstumm.


Die Praxis der PID (Präimplantationsdiagnostik) ist in mehreren Ländern erlaubt und bei künstlicher Befruchtung dort sicher und vermutlich fast überall selbstverständlich: Kann man einer Frau, einem Ehepaar zumuten, dass das Kind, das nach so viel Mühen, meist nach mehreren Fehlversuchen schließlich zur Welt kommt, behindert ist? Das wird vermieden, indem die Embryonen vor der Implantation einer gründlichen Untersuchung unterzogen werden. Beim geringsten Zweifel, dass eine Abnormität vorliegen könnte wird so ein Embryo „beseitigt“. Es kommt auch nicht selten vor, dass bei künstlicher Befruchtung künstlicher Befruchtung, bei der meist zur Erhöhung der Erfolgsquote mehrere befruchtete Eizellen zugleich in die Gebärmutter implantiert werden, im Falle von Mehrlings-Schwangerschaften eine „Reduktion“ der Föten durchgeführt wird. Welche von den vier Embryonen werden getötet? Es liegt voll in der Entscheidung des behandelnden Arztes. Er spielt „Vorsehung“. Er hat ja auch schon die Eizellen entnommen und aus dem Samenerguss des Mannes mechanisch die Selektion einer bestimmten Samenzelle durchgeführt hat. Dabei ist zu bedenken: Im natürlichen Geschehen einer sexuellen Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau unterliegt der geheimnisvolle Vorgang der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle in keiner Weise dem menschlichen Zugriff. Die Verschmelzung kommt erst einige Stunden nach dem Coitus zustande. Unter der Million von Spermien gelangt 1 Sperma aus eigener Kraft zur Eizelle, mit der es sich vereinigt.


Die Kirche steht - wie in Dignitas Personae betont wird (vgl. DP 4) - den neuen Forschungen der Biomedizin nicht prinzipiell negativ gegenüber. Es ist positiv zu bewerten, dass die medizinischen Wissenschaften ihre Erkenntnisse über das menschliche Leben in den Anfangsstadien seines Daseins in beträchtlichem Maß weiterentwickelt hat. Heute wissen wir viel mehr über die biologische Struktur des Menschen und über den Prozess der Zeugung. Das ist gut so und unterstützenswert, sofern diese Erkenntnisse dazu benützt werden, um Krankheiten zu heilen, Hindernisse für die Zeugung zu überwinden, die Empfängnis eines Kindes, Schwangerschaft und Geburt zu ermöglichen. Abzulehnen ist aber alles, was zur Vernichtung von Menschen oder zur Verletzung der Personenwürde führt.


Die Kirche lehrt, dass jedem Menschen von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod die Würde einer Person zuzuerkennen ist und dass dieses Grundprinzip, das ein großes Ja zum menschlichen Leben ausdrückt, im Mittelpunkt des ethischen Nachdenkens über die biomedizinische Forschung stehen muss (vgl DP 1).


Ausgehend von der Heiligen Schrift, hat das II. Vatikanische Konzil betont, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes ist: einmalig, unaustauschbar und geistig. Papst Johannes Paul II. gerne gesagt hat: „Mit jedem Menschen verbindet sich ein Vorhaben Gottes.“ Das gilt von Anfang an.


In „Dignitas Personae“ heißt es: „Der Körper des Menschen kann von den ersten Stadien des Daseins an nie auf die Summe seiner Zellen reduziert werden“. Die Instruktion verweist auf die Aussage von „Donum Vitae“: „Die Frucht der menschlichen Zeugung erfordert ab dem ersten Augenblick ihrer Existenz, also von der Bildung der Zygote an, jene unbedingte Achtung, die man dem Menschen in seiner leiblichen und geistigen Ganzheit sittlich schuldet. Der Mensch muss von seiner Empfängnis an als Person geachtet und behandelt werden und in Folge dessen muss man ihm von diesem Augenblick an die Rechte der Person zuerkennen und darunter vor allem das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Menschen auf Leben“
(DV 1,1).


Daher lehnt die Kirche alles ab, was zur Zerstörung eines menschlichen Lebens führt. Das ist auch einer der Gründe für die Ablehnung der künstlichen Befruchtung – sowohl der homologen als auch der heterologen –, weil bei diesen Prozeduren viele Embryonen sterben, weil die Nidation nicht gelingt oder weil die „überzähligen“ getötet werden (Fetozid). Die Kirche verurteilt auch die Kryokonservierung von Embryonen, weil beim Einfrieren viele zugrunde gehen und das Problem der überschüssigen Embryonen entsteht, die ein unlösbares Problem darstellen. Die Instruktion „Dignitas Personae“ anerkennt zwar bei der Idee, solche Embryonen für eine pränatale Adoption zur Verfügung zu stellen, die gute Absicht, die dahinter steht, sie empfiehlt aber diesen Weg nicht, denn es würde der Leihmutterschaft Tür und Tor öffnen und bedeutet in sich eine problematische Lösung. In keiner Weise wird dagegen das Ansinnen gebilligt, solche Embryonen für die Forschung freizugeben. All das steht im Widerspruch zu dem, was der Mensch ist.


„Dignitas Personae“ hält auch fest: „Der Ursprung des menschlichen Lebens hat seinen authentischen Ort in Ehe und Familie, wo es durch einen Akt gezeugt wird, der die gegenseitige Liebe von Mann und Frau zum Ausdruck bringt“ (DP 6). In Übereinstimmung mit dem, was schon im „Donum Vitae“ gesagt wurde, betont die Instruktion: „Eine gegenüber dem Ungeborenen wahrhaft verantwortliche Zeugung muss die Frucht der Ehe sein“ (DP 6; DV 1,1).


Papst Benedikt XVI. hat in einer Ansprache anlässlich des 40. Jahrestages der Enzyklika Humanae Vitae die wichtige Feststellung getroffen: „Die Weitergabe des Lebens ist in die Natur eingeschrieben, und ihre Gesetze bleiben eine ungeschriebene Norm, auf die alle Bezug nehmen müssen“ (Benedikt XVI., 11. Mai 2008).


Das Wichtigste zusammenfassend heißt es in „Dignitas Personae“: „Die Ehe, die es zu allen Zeiten und in allen Kulturen gibt, wurde vom Schöpfergott weise und voraussehend eingerichtet, um unter den Menschen seinen Plan der Liebe zu verwirklichen. Darum streben die Ehegatten durch die gegenseitige personale Hingabe, die ihnen eigen und ausschließlich ist, nach jener Gemeinschaft der Personen, in der sie sich gegenseitig vervollkommnen, um mit Gott bei der Zeugung und Erziehung neuen menschlichen Lebens mitzuwirken“ (vgl. Humanae Vitae 8). Es heißt dann weiter in „Dignitas Personae“: „In der Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe machen Mann und Frau sichtbar, dass am Ursprung ihres Ehelebens ein echtes JA steht, das in Gegenseitigkeit ausgesprochen und wirklich gelebt wird und stets für das Leben offen bleibt… Das natürliche Sittengesetz, das der Anerkennung der wahren Gleichheit zwischen den Personen und Völkern zugrunde liegt, sollte als die Quelle erkannt werden, an der sich auch die Beziehung der Eheleute in ihrer Verantwortung, Kinder zu zeugen, ausrichten muss.“ (Humanae Vitae 8 und „Dignitas Personae“ 6).


Daher lehnt die Kirche alle jene Eingriffe in den Zeugungsvorgang ab, in denen der Mensch manipulativ eingreift und/oder den Befruchtungsvorgang überhaupt von der geschlechtlichen Vereinigung des Ehepaares trennt. Das ist ein weiterer Grund, warum die künstliche Befruchtung, sowohl die heterologe (bei der außerdem ein Verstoß gegen die Einheit der Ehe vorliegt) als auch die homologe ablehnt und ebenso „die intracytoplasmatische Sameninjektion“. (Eine Samenzelle vom Samen des Mannes wird mit einer Eizelle der Frau exkorporal vereinigt, danach wird die so befruchtete Einzelle implantiert).


Ich lege nicht alle in den beiden Instruktionen enthaltenen Einzelheiten dar, weil ich sie als bekannt voraussetze. Wichtig sind die Folgerungen, die wir zu ziehen haben.


Es ist eine große und wichtige Aufgabe der Kirche und aller, die durch Christus den Zugang zum Glauben an Gott gefunden haben, das Evangelium vom menschlichen Leben und seiner Bedeutung zu verkünden. Jeder Mensch ist dazu berufen, Gott zu entdecken, Gott, die anderen Menschen, und auch sich selbst so lieben zu lernen, wie Gott liebt. Jedes menschliche Leben ist ein Geschenk, mit dem sich ein Vorhaben Gottes verbindet. Niemand darf dieses Geschenk wegwerfen oder willkürlich darüber verfügen. Niemand darf für andere oder sich selbst in Erwägung ziehen, ob dieses Werk lebenswert ist oder nicht.


Es gibt in der Gesellschaft in der Welt manche negative, auch gefährliche Entwicklungen, die wir nicht verhindern können. Es wird immer Menschen geben, die Geschäfte machen wollen oder die in ihrem Verlangen nach Ruhm, manchmal auch im Wunsch zu helfen, bestimmte Gebote, auch wichtige nicht halten. Wir aber müssen zumindest warnen.


In dem schon vorher zitierten Spiegelreport über künstliche Befruchtung wurde auch der Frage nachgegangen, wie es den Menschen geht, die auf diese Weise das Licht der Welt erblickten. Der Spiegel-Reporter stieß in seinen Nachforschungen auch auf eine junge Frau, die ihm erzählte, dass sie mit etwa 20 Jahren auf einmal eine große innere Unruhe erfasst hat. Sie hatte erfahren, dass sie durch künstliche Befruchtung – und zwar durch eine heterologe – entstanden ist. In ihr wurde die Frage immer bohrender: Wer ist mein wirklicher Vater? Es gelang ihr durch Hacking, beim Frauenarzt ihrer Mutter in die Kartei einzudringen. Sie fand unter den Samenspendern einen Mann, der ähnliche Augen hatte wie sie; sie fand seine Adresse und fuhr mit dem Auto (mehr als 1000 Meilen) dorthin, wo er wohnhaft war. Es gelang ihr unter einem Vorwand – sie fühle sich nicht ganz wohl – in diesem Haus Einlass zu finden, sie lernte einen jungen Mann und ein Mädchen kennen, die anscheinend der Sohn und die Tochter des Mannes waren, mit dem sie eigentlich sprechen wollte. Sie hatte den Eindruck, dass die beiden jungen Leute ihr ähnlich waren. Vielleicht Halbgeschwister? Sie gab sich nicht zu erkennen. Nach einiger Zeit hielt sie es nicht mehr länger aus und ohne jenen Mann getroffen zu haben, der vielleicht ihr leiblicher Vater war, ging sie wieder weg und fuhr weinend die lange Strecke zurück. Sie brauchte lange Zeit, bis sie von neuem ihre Fassung gefunden hat.


Die Folgen all der beschriebenen Vorgangsweisen und Praktiken sind nicht absehbar. Einige von ihnen kennen wir von den Abtreibungen, von den Scheidungen, von den Problemen der Patch-Work-Familien und aus den Begegnungen mit Menschen, die darunter leiden, dass ihre Identität nicht klar ist (zum Beispiel nach anonymer Adoption), dass sie keine Beziehung zum Vater hatten und haben, von der Mutter nicht angenommen wurden usw.


Wir haben eine große Aufgabe, unseren Mitmenschen beizustehen, damit sie sich selbst akzeptieren, ihre Berufung erkennen und ihr Leben nützen, auch dann, wenn nicht alles „ideal“ gelaufen ist.


Ganz zum Schluss möchte ich noch das Thema Behinderung erwähnen. Es ist tatsächlich entsetzlich zu hören, dass in manchen hochentwickelten Ländern z.B. Kinder mit Down-Syndrom kaum noch eine Chance haben, zur Welt zu kommen. Sie und andere Behinderte werden „rechtzeitig“ diagnostiziert und „eliminiert“. Es wird heute eine Art „Ideal“ verbreitet, so als müsste jeder Mensch groß, stark, schön und gesund sein und als wäre alles andere nicht lebenswert. Mutter Teresa von Kalkutta hat in diesem Zusammenhang gesagt: „Wenn du ein Kind nicht willst, dann bringe es mir. Ich werde es lieben.“ Sie sprach auch von der Bedeutung des Leidens. In einer ihrer vielen Reden sagte sie: „Das Leiden an und für sich hat keinen Wert, aber Leiden, vereint mit dem Leiden Christi, hat eine unglaubliche Bedeutung. Das Leiden als Wiedergutmachung, aufgeopfert, hat eine unermesslich tiefe Bedeutung. Wenn Leiden als Geschenk Gottes angenommen wird, hat es eine unglaublich tiefe Bedeutung. Es ist wirklich der schönste Weg, in Heiligkeit zu wachsen und wie Jesus zu werden.“ Jeder Mensch hat seinen Wert, einen unendlichen. Und jeder Mensch ist dazu berufen, eines Tages in Gott verbunden mit allen Heiligen des Himmels, die ewige Seligkeit zu erlangen. Es lohnt sich Ja zum Leben zu sagen und Leben zu retten.


Wir brauchen ein großes, weites Herz, das uns fähig macht, zu helfen und die Botschaft des Evangeliums vom Leben zu verkünden.