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"Staunen über das Leben"

1. Das ganze Leben


Sie kennen sicher das Rätsel, das die Sphinx dem Ödipus gestellt hat. „Welches Lebewesen ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig?“ Und einzig Ödipus kannte die richtige Antwort – dass es nämlich der Mensch sei, der am Morgen seines Lebens krabbelt, zu Mittag seines Lebens auf zwei Beinen geht und gegen Abend seines Lebens den dritten Fuß, den Gehstock, zur Hilfe nimmt. Ich freue mich immer wieder, dass dieses tausende von Jahren alte Rätsel auch heute noch Schulkinder begeistert, wenn sie es noch nicht kennen. Offenbar trifft es im Mark eine Lebenswirklichkeit des Menschen – die Ganzheit seines Lebens, das Staunenswerte, und dass uns das Leben immer ein Rätsel bleiben wird.
Und doch glaube ich, das Bild muss erweitert werden. Bevor der Mensch am „Morgen seines Lebens“ auf vier Gliedmaßen krabbelt, hat er nämlich schon viele Nachtstunden hinter sich – schwimmend, im Mutterleib. Der echte Morgen fand somit bereits um Mitternacht statt. Und auch die Dunkelheit, die nach dem „dreifüßigen Abend“ kommt, das Sterben nämlich, gehört zum Leben dazu und ist, so dürfen wir glauben, nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Dann beginnt es erst recht.
Und noch ein Element fehlt mir im Bild. Denn zu unseren 4, 2 und 3 Gliedmaßen gesellt sich in jeder Lebensphase ein weiteres: Wir glauben, dass wir uns von Mitternacht bis Mitternacht nicht nur auf uns selber stützen dürfen, sondern auf Gott.
Vielleicht kann also auch die Sphinx noch das Staunen lernen.


2. Sterben


Ich möchte mit Ihnen über jemanden sprechen, den wir nicht besonders gerne mögen. Wir versuchen, über ihn nicht weiter nachzudenken. Blocken ihn oft ab von unserem Leben. Das ist einerseits verständlich, weil wir ihn eigentlich gar nicht kennen; andererseits ist es doch auch unklug, sich nicht mit ihm zu befassen. Denn in diesem so unübersehbar gewordenen Leben ohne Gewissheiten ist er die einzige Gewissheit, die uns bleibt. Wir werden ihm alle ganz sicher begegnen, einmal nur. Verzeihen Sie nun, wenn ich es so direkt ausspreche: ich meine den Tod, das Sterben.
Und auch nicht. Es ist schon richtig, dass wir im Sterben jemandem begegnen werden. Aber es ist nicht der Tod, eine Gestalt mit dunklem Umhang, ein Sensenmann, der gierig nach unserem Leben trachtet… so wie er gerne in der Literatur und der Kunst dargestellt wird. In diesem schwierigsten Moment, diesem größten, letzten Abenteuer, das in gewisser Weise dem ersten große Ereignis unseres Lebens, nämlich der Geburt, gegenübersteht und unseren gesamten Lebenslauf mit einbezieht, kommt einer. Doch der, der uns da begegnet, ist einer, so glauben wir Christen, der seit dem allerersten Moment unserer Empfängnis immer dabei war, in jedem Augenblick, all die Jahrzehnte unseres Lebens hindurch – und der jetzt auf uns wartet, nach dieser „2. Geburt“. Er sagt von sich: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht“ (Jes 49,15). Er wartet wie eine liebende Mutter.
So gesehen ist auch der Tod ein großer, wichtiger Teil unseres Lebens und ein großes Geheimnis, etwas Gesegnetes.


3. Alter


Es ist heutzutage gar nicht so einfach, alt zu sein. Angesichts einer Medienlandschaft, die nur den jungen, starken, gepflegten Körper gelten lässt. Noch mehr als früher - oder scheint es nur so? - beschleunigt sich die technische Entwicklung, der Fortschritt, die Kommunikation. Und Menschen reiferen Alters bleiben dabei immer mehr auf der Strecke. Es scheint, die Welt hat keine Zeit für sie, keine Geduld mit ihnen.
Dabei ist das eine ganz neue Entwicklung. Über Jahrtausende hinweg war das Alter angesehen und gewürdigt. Ein Mensch in fortgeschrittenen Jahren wusste mehr, hatte mehr erlebt. Man ging zu ihm um Rat, überließ ihm die wichtigen Entscheidungen. Der sprichwörtliche „Rat der Ältesten“ hat die Menschheit begleitet seit den Anfängen der Zeit. Und deshalb denke ich, auch heute noch ist das reife Alter staunenswert. Für viele junge Menschen ist es gerade die Begegnung mit ihren Großeltern oder älteren Verwandten, die ihnen inmitten einer hastig gewordenen Welt nicht nur Ruhe schenkt, sondern den Weg zu Gott öffnet. Junge Menschen spüren vielleicht instinktiv: Da ist jemand, der hat die Erfahrung eines reichen Lebens. Wenn der oder die an Gott glaubt, ist das vielleicht auch für mich nicht ganz so verkehrt.
Wenn Sie also schon älter sind, vergessen Sie das eine nie – Sie sind ein Geschenk für die Welt. Ein unentbehrliches. Ein wunderbares.


4. Erwachsen-Sein


Wenn ich durch die Strassen einer Stadt gehe, überkommt mich manchmal ein inneres Fragen. Ich sehe das Gewühl, die große Anzahl von Erwachsenen, die ihren jeweils verschiedenen Lebenslinien nachgehen. Alle scheinen ganz genau zu wissen, wohin sie unterwegs sind, was ihre Aufgabe ist, was das Ziel ihres Weges. Das wird von uns ja auch erwartet, wenn wir er-wachsen sind: wir sollen den Kinderschuhen ent-wachsen. Wir leben in einer Gesellschaft, wo uns oft schon die Umgebung recht genau vorgibt, wo es lang geht. Wir wissen, woher wir kommen, wohin wir gehen. Nur… ist das denn wirklich so? Die Spuren hinter und vor uns, so scheint es, verlaufen im Nichts. Und angesichts all der Millionen und Abermillionen von anderen Leben, die sich schon in unserem Land, auf unserer Welt abgespielt haben - verlieren wir uns da nicht?
Nein. Hier kommt die gute Botschaft: Wir sind nämlich nicht nur Produkt, Teil unserer Gesellschaft, Ergebnis von Erziehung und Umgebung. Jeder Mensch ist einzigartig und birgt ein Geheimnis in sich. Als Christen glauben wir, dass es jemand gibt, der uns, unser Woher und das Wohin, kennt und liebt. Unser Leben ist Gott-gewollt. Aus Liebe sind wir erschaffen und zur Liebe sind wir bestimmt.
Wir sind nicht nur eine Ameise im Gewühl. Ist das nicht erstaunlich? Gehen wir ein wenig stolz und voll Zuversicht in unseren Alltag.


5. Kindheit


Wenn ich ein Kind sehe, versuche ich manchmal, mich an meine eigene Kindheit zu erinnern. Wie viel intensiver waren alle Gerüche, alle Empfindungen; wie wunderbar und absolut erstrebenswert ein Geschenk, ein Spielzeug, ein gewünschtes Haustier oder etwas anderes. Ich sehe auch heute noch oft bei Kindern diesen Blick, diese Augen, die von der Welt nur Wunderbares erwarten, die noch alles glauben, alles hoffen, alles lieben können.
Ist diese Haltung zu naiv in einer zunehmend zynisch gewordenen Welt? In der die letzten Wunder vom Licht der Aufklärung, des Fortschritts, des Internets nach und nach vertrieben worden sind? Darauf antworte ich mit einem klaren Nein. Der Blick des Kindes auf die Welt hat sein Recht, ja, ist etwas Heiliges. Es ist nicht nur sentimental, wenn man sich danach sehnt. Jesus hat alle Menschen darin bestärkt, so zu werden wie die Kinder. Das Kind hat noch auf natürliche Weise den Blick, der sich für Gott öffnen kann. Das ist eine Eigenschaft, um die wir Erwachsene mühsam kämpfen müssen. Auch so gesehen ist ein Kind ein Wunder, das erstaunlich ist.
Bleiben wir nicht beim Staunen stehen. Nehmen wir uns heute vor, ein wenig von diesem Blick in unser eigenes Leben hereinzuholen.


6. Vor der Geburt


Wenn ich eine schwangere Frau sehe, überkommt mich unwillkürlich ein Gefühl der Ehrfurcht. Sie erwartet ein Kind. Das ist ja das Normalste auf der Welt, werden Sie sagen. Die biologischen Prozesse aufzählen, die zusammenspielen, wenn ein Kind entsteht, das kann jedermann. Trotzdem ergeht es mir so: Ich empfinde Ehrfurcht, wenn ich daran denke, was da passiert. Ich freue mich, dass eine Mutter zu ihrem Kind Ja gesagt hat. Oft spürt man es geradezu, wenn eine Frau glücklich ist wenn sie ein Kind erwartet; ich habe freilich auch schon Frauen voller Angst erlebt, weil sie sich in einer sehr schwierigen Lage befanden. Sie haben trotzdem Ja gesagt, manchmal unter schweren, ja schwersten Bedingungen. Das ist etwas Großes: Zu jemanden Ja-Sagen, obwohl er es uns vielleicht schwer macht. Zu jemand, von dem die Mutter noch gar nichts weiß, außer dass das ihr Kind ist, dass es jetzt ihr anvertraut ist und ganz von ihr abhängt.
Normalerweise hat der Mensch keine Erinnerung an diese ersten Monate des Lebens. Oder doch? Vielleicht liegt etwas von der Geborgenheit im Mutterschoß und vom absoluten Getragensein in der ersten Phase des Lebens im Urgrund unseres Glaubens. Als Christen glauben wir, dass Gott ganz am Anfang sein Ja zu uns und zu jedem Menschen gesagt hat. Es ist ein großes Geheimnis, das an unser Herz rühren kann: Gott reicht seine Hand entgegen, zu Beginn jeder neuen, reichen Lebensgeschichte. Kein Wunder, dass das Gefühl von Ehrfurcht aufkommt, wenn man einer Frau in Erwartung begegnet.