Predigt Ostersonntag

Liebe Brüder und Schwestern! Maria von Magdala hat die Nachricht gebracht, dass man den Herrn aus dem Grab weggenommen habe. Simon Petrus und Johannes laufen zum Grab, und Johannes beschreibt, was beim Betreten des Grabes in seinem Herzen vorgegangen ist. Er sah die Leinenbinden daliegen, das Schweißtuch etwas abseits und zusammengefaltet. Es war ein besonderer Anblick: die ursprünglich um den Leib des Herrn gewickelten Leinenbinden waren in sich zusammengesunken, weil kein Leib mehr da war. „Er sah und glaubte“, heißt es im Evangelium. Es mag nur einen kurzen Augenblick gedauert haben, bis er intuitiv den Zusammenhang erfasste.


Bald empfingen die Apostel auch noch andere Hinweise, dass er lebte. Die Frauen, die frühmorgens am Grab gewesen waren, erzählten von der Erscheinung der Engel; die Jünger von Emmaus berichteten von ihrer besonderen Erfahrung mit dem Fremden, der ihnen die Schrift in einer Art erklärte, dass ihnen das Herz brannte, und davon ,wie sie ihn beim Brotbrechen erkannten. Bald darauf begegneten die Apostel ihm selbst.


Auch uns fehlt es nicht an Hinweisen auf den auferstandenen Herrn, an Hinweisen, dass er lebt.


Vor kurzem erzählte mir jemand, wie es ihm ergangen ist. Seine Ehe kriselte. Er war nicht mehr richtig froh, aus unterschiedlichen Gründen, auch im Beruf gab es Probleme. Der Kirche und insbesondere ihrer sakramentalen Praxis war er seit vielen Jahren kritisch gegenüber. Nun geschah folgendes: Bei einer mehrere Tage dauernden Veranstaltung über Ehe und Familie ließ ihm eines Abends der Begleitpriester freundlich sagen, das Bad sei bereitet und das Wasser schon eingelassen, ob er nicht kommen wolle. Er raffte sich auf, legte nach über Jahren Pause eine gute Beichte ab, und war danach wie neu. Er war ganz erstaunt und sagte: Noch nie zuvor bin ich so Jesus begegnet.


Und wenn wir unsere Augen ein wenig öffnen und uns in unserer eigenen Umgebung – in der Familie, der Verwandtschaft, unter Freunden und Bekannten, in der Pfarre, am Arbeitsplatz – ein wenig umsehen, dann stoßen wir auch mitten in der Kirchenkrise fast sicher hier und dort auf Personen, die uns von ihren Erfahrungen über Begegnungen mit Jesus, dem Auferstandenen, berichten können mit der gleichen Überzeugung wie Maria von Magdala, wie die Jünger von Emmaus oder Johannes.


Vielleicht sind Sie versucht einzuwenden: „Ich bin nicht leichtgläubig“. Darauf würde ich antworten, dass das auch nicht nötig ist, denn die Hinweise sind zahlreich.


Und warum können wir ihm nicht selbst begegnen? – Diese Frage entspricht einem Irrtum. „Der Herr ist allen nahe, die zu ihm rufen“, heißt es im Psalm. In vielen Situationen tritt er uns entgegen und spricht uns an. Durch die Hl. Schrift wird uns seine Lehre vermittelt. Vor allem aber begegnen wir ihm direkt und ganz persönlich in der Eucharistiefeier. Nach der Wandlung sprechen wir die Worte: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit.“


Er wird mit Leib und Blut gegenwärtig, mit seiner Menschheit und mit seiner Gottheit, er ist der durch das Leiden und Sterben hindurchgegangene, auferstandene Herr, auf den wir hinschauen können; wir können ihn anbeten, er wird uns gereicht, wir können ihn empfangen, ihn im Herzen tragen.


Vielleicht werden Sie sagen: „Das alles ist nur zeichenhaft!?“ – Dem ist zu erwidern: Die Kirche hat von Anfang an geglaubt, dass es nicht bloß zeichenhaft ist. Damit im Zusammenhang steht der freudige Gruß, der vor allem in der Ostkirche nach der liturgischen Feier des Osterfestes üblich ist. Man ruft sich zu: Resurrexit!“ und antwortet: „Vere resurrexit!“ – „Er ist auferstanden“, „ja, er ist wahrhaft auferstanden!“. Der Zuruf bezieht sich auf ein historisches Ereignis der Vergangenheit. Dieses Ereignis steht aber mit der Gegenwart und mit unserer Zukunft in Bezug und bedeutet für uns eine große Hoffnung. Er lebt, er ist da, unter uns. Es gibt Hinweise dafür, wir erkennen das an anderen Menschen und aus eigenen Erfahrungen, und mehr als das, er selbst, der Auferstandene, schenkt sich uns, er begleitet und hilft uns. Und wir haben die Hoffnung, dass auch wir eines Tages auferstehen werden, wenn wir jetzt sein Wort, Ihn selbst in unser Leben aufnehmen und Er in uns lebendig wird. Wie ein Samenkorn sollten wir die Hoffnung auf die Auferstehung in unseren Herzen tragen.


Wie wichtig wäre es, dass jeder Mensch Christus, den Auferstandenen, erkennt, im eigenen Leben aufnimmt und diese Perspektive des Ewigen Lebens wahrnimmt! Da mögen sie jetzt noch so schlecht von der Kirche reden, wir haben Grund zu Zuversicht und Freude. „Christus vincit“, Christus siegt. Ebenso gilt für die Kirche, dass die Pforten der Hölle sie niemals überwinden werden. Schon oft wurde ihr im Verlaufe des Geschichte der Untergang verkündet. Und schon oft ist sie tatsächlich in eine Situation geraten, dass man sagen musste, da ist eine dringende und gründliche Reform nötig. Es kam zur Besinnung, Heilige sind aufgetreten, sodass die Kirche nicht nur alle Stürme irgendwie überdauert hat, sondern neuerlich zu einer vitalen Kraft gelangt ist, die verdeutlicht: der Heilige Geist wirkt und ruft Leben hervor, und zwar Christus, den guten Hirten, das Lamm Gottes, das die Welt erlöst.


Möge uns allen ein wahrhaft frohes Osterfest geschenkt sein! Er ist wahrhaft auferstanden und er steht uns bei, damit wir unsere Aufgabe als Christen in dieser unserer Zeit wahrnehmen, Zeugnis für den Auferstandenen ablegen und seine Liebe ausbreiten lernen in den Herzen der Menschen.


Maria wird uns mit ihrer Fürsprache beistehen.