Predigt in der Heiligen Nacht 2010

Liebe Brüder und Schwestern!


In einer frühchristlichen Schrift aus dem 2. Jhdt. steht die Mahnung: „Verjage die Traurigkeit aus deinem Herzen und behindere den Heiligen Geist nicht, der in dir wohnt … bekleide dich mit Freude und genieße sie.“ Das ist ein gutes Leitwort für die Heilige Nacht in einer Zeit, die für alle, die die Kirche lieben, bedrängend ist. Die Gründe sind vielfältig: da sind die nicht abreißenden Beschuldigungen wegen sexuellen und disziplinären Missbrauchs; da ist der nicht zu übersehende Rückgang der Glaubenspraxis bei vielen; das Aussteigen eines Großteils der Jugend aus dem kirchlichen Leben, die hohen Kirchenaustrittszahlen. In Zeiten wie diesen verfallen wir Christen sehr leicht in Trübseligkeit und haben den Eindruck, in die Enge getrieben zu werden.


Weihnachten, bewusst gefeiert, schenkt aber auch inmitten großer Sorgen und Problemen Hoffnung. Das setzt freilich eine gewisse geistige Anstrengung voraus. Wir hören alljährlich das Wort des Propheten: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ Nehmen wir wahr, was das bedeutet?


Der Prophet will uns sagen: In jedem Fall – ohne Ausnahme - haben wir Grund zu Hoffnung. Warum sich nicht auf ein Gedankenspiel einlassen? Nehmen wir an, es würden durch eine Art Pest fast alle Priester auf einmal sterben, sodass fast keiner mehr übrig bliebe. Oder es würden durch ein Erdbeben fast alle Kirchen vernichtet. Auch in solch einer unfassbaren Katastrophe könnten/müssten wir uns sagen: Auch wenn nur mehr ein einziger Priester vorhanden wäre, der Eucharistie feiern kann, dann wäre das ähnlich wie damals am Anfang. Das Wort des Propheten vom Licht, das in der Finsternis aufstrahlt, gilt heute ebenso wie damals und es würde auch dann gelten, wenn alles oder fast alles zusammenbräche.


Es sollte in unsere Herzen eindringen, was in dieser Heiligen Nacht verkündet wird: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter, man nennt ihn wunderbaren Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ Freilich: Glaube, echter Glaube ist nötig.


Aber ist ein solcher Glaube nicht zu einfältig? Wir dürfen fragen: Wie war der Glaube der Hirten? Als Zeichen wurde ihnen bloß gegeben: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Es sah aus wie jedes andere Kind. Es war aber nicht wie jedes andere Kind.


Wir sind in dieser hochheiligen Nacht eingeladen, unser Knie zu beugen, wenn es im Credo heißt: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen und hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“ Ist so ein Glaube zumutbar? Vor allem für Menschen unserer Zeit?


Ich denke manchmal an eine Geschichte, die der hl. Josefmaria Escrivá gelegentlich erzählte. Sie widerfuhr ihm, als er noch ein junger Priester war. Ein Student, intelligent und begabt, aber es war einer, der nicht glauben konnte, erwartete ihn im Sprechzimmer, in dem auf einer Truhe als Dekorationsgegenstand ein Globus stand. Als der junge Priester den Raum betrat, drehte der Student am Globus und sagte: „Sehen Sie?“ „Was soll ich sehen?“, fragte Escrivá zurück. Der Student gab zur Antwort: „Den Misserfolg Christi. 2000 Jahre sind vergangen. Noch immer gibt es weiße Flecken auf der Erdkugel, und in den sogenannten christlichen Ländern: Wie viele glauben wirklich? Wie viele leben danach?“ Escrivá erläuterte gewöhnlich diese Episode mit dem Kommentar, im ersten Augenblick sei er sehr traurig gewesen, weil er dachte, dass der junge Mann recht hatte, dann aber sei in ihm Dankbarkeit hochgestiegen, weil ihm bewusst wurde: Gott hat es offenbar so eingerichtet, dass auch wir, 2000 Jahre später, mittun dürfen, um seinen Namen zu verbreiten.


Tatsache ist, dass die Geburt Christi damals im Laufe der Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag das Leben unzähliger Menschen zutiefst beeinflusst, große Einrichtungen und ganze Nationen geprägt hat. Und sehr viele haben nicht gezögert, für dieses Kind ihr Leben zu riskieren. Sodass man sagen muss: es gibt nichts Vergleichbares in der Geschichte der Menschheit. Und wir sind aufgefordert mitzutun. Es geht um die Rettung der Menschen.


Paulus schreibt: „Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ Und weiter unten: „Er hat sich für uns hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen.“ Ich bin davon überzeugt, wir dürfen nicht einfach ruhig zusehen, wie viele Menschen heute – junge und alte – Weihnachten nur äußerlich feiern, wahrscheinlich die eigentliche Bedeutung des Festes kaum wirklich wahrnehmen und ihr Leben nicht verändern, was unter Umständen schwerwiegende Folgen hat. Wir haben alle eine große Verantwortung.


Es wird gut sein zu bitten, Gott möge uns die Gnade eines festen, tiefen Glaubens gewähren, damit wir auf ihn schauen, der zu Bethlehem geboren ist; damit wir in seine Kraft vertrauen und uns fest vornehmen, mit Mut und Optimismus unsere Aufgabe als Christen in unserer Zeit und in den heutigen Verhältnissen wahrzunehmen. Wir müssen es allen sagen: Christus, der Retter, ist da! Seine Herrschaft ist groß, er vermittelt Vergebung und sein Friede hat kein Ende!


Wenden wir uns an seine Mutter Maria und an den heiligen Josef. Sie mögen Fürsprache für uns einlegen, damit wir wie die Hirten in aller Einfachheit glauben und staunen, Zeugen sind für seine Wirksamkeit unter den Menschen.