Predigt Chrisammesse

Liebe Weihbischöfe Anton und Heinrich!
Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt!
Liebe Brüder und Schwestern! Nachdem Jesus das Buch geschlossen und sich gesetzt hatte, waren in der Synagoge die Augen aller auf ihn gerichtet. Sie warteten gespannt, was er zu der Stelle aus dem Propheten Jesaja sagen würde, die er vorher zitiert hatte.


In diesen Wochen beschäftigt uns in der einen oder anderen Weise wohl alle die Krise der Kirche, die zunächst in einigen anderen Ländern, nun auch in Deutschland und Österreich aufgetreten ist.


Was würde wohl Jesus dazu sagen? Ist diese Krise einfach Folge der Schwäche einiger Priester und Ordensleute, gewachsen im Nährboden bestimmter Strukturen und Gegebenheiten und mitverschuldet durch das Wegschauen bzw. Nichteingreifen jener, die dazu beauftragt sind?


Oder ist diese Krise mehr als das? Es ist ja unübersehbar, dass nicht wenige die derzeitige Situation beim Schopf ergreifen, um auf die Kirche einzuprügeln und alles zu tun, damit ihr Einfluss minimalisiert wird.


Doch machen es sich diejenigen, die darauf verweisen, nicht zu einfach? Ist das schon eine ausreichende Erklärung für die Situation, die jetzt entstanden ist? Oder ist die aktuelle Krise so etwas wie eine Begleiterscheinung der Not, mit der wir seit längerem zu kämpfen haben? Ich meine damit den kontinuierlichen Rückgang der praktizierenden Gläubigen, die weitgehende Absenz der Jugend vom kirchlichen Leben ab einem gewissen Alter; ich meine damit die Tatsache, dass die Arbeit in den Pfarren von Jahr zu Jahr schwieriger wird und dass der Nachwuchs bei Priestern viel zu gering ist, um die vorhandenen Pfarren zu besetzen. Auch die Not der vielen zerbrechenden und zerbrochenen Familien gehört dazu.


Was würde Jesus sagen, wenn so viele davonlaufen?


Die Frage ist richtig. Was würde er uns sagen? Bei ihm sind fast alle davongelaufen. Aber er hat angekündigt: „Wenn der Menschensohn von der Erde erhöht ist, zieht er alle an sich.“ In diesen Tagen betrachten wir auch immer wieder das andere Schriftwort, das von Johannes zitiert wird: „Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben.“


Ohne Zweifel ist es das Wichtigste, dass wir gerade auch in der derzeitigen Situation unsere Augen auf den Herrn richten, auf das Geheimnis seines Lebens, seines Wesens und seiner Art der Wirksamkeit. Der Brief des Heiligen Vaters an die Iren ist auch für uns von großer Bedeutung. Er bringt unmissverständlich zum Ausdruck, dass das entschlossene Vorgehen zur Klärung, zur Sühne, zur Vermeidung von Kindesmissbrauch und zur Hilfestellung für die Opfer unerlässlich ist. Er sagt aber auch sehr deutlich, dass das allein noch keine adäquate Reaktion der Kirche auf die beklagenswerten Vorkommnisse sei. Erforderlich ist – so der Papst – eine grundlegende Erneuerung. Papst Benedikt ordnet in der ganzen Kirche Irlands für alle Bischöfe, Priester und Ordensleute eine gemeinsame Mission an. Er schreibt: „Es ist meine Hoffnung, dass durch das Nutzen der Expertise erfahrener Prediger und Exerzitienbegleiter von Irland und andernorts und durch das erneute Studium der Dokumente des Konzils, der liturgischen Riten von Weihe und Profess und der neueren päpstlichen Lehren, Ihr zu einem tieferen Verständnis für Eure jeweilige Berufung kommt, um so die Wurzel Eures Glaubens in Jesus Christus wieder zu entdecken und aus dem Quell des lebendigen Wassers zu trinken, den er Euch durch seine Kirche bietet.“


Vielleicht ist diese Weisung des Papstes für Irland nicht sofort und unmittelbar auf uns anwendbar, weil dafür eine längere Vorbereitung nötig ist. Sicher ist aber – und ich hoffe, dass Ihr mir da zustimmt -, dass auch für uns eine grundlegende Neubesinnung wichtig ist. Das bedeutet nicht, dass das in den letzten Jahrzehnten Geschehene in Frage gestellt wird. Viel Wertvolles wurde geleistet, viel guter Wille ist vorhanden, auch großer Einsatz. Aber auch bei uns haben sich in Gesellschaft und Kirche, in der gesamten Lebensweise die Verhältnisse derart stark verändert, dass nicht wenige der in der Vergangenheit bewährten pastoralen Vorgangsweisen heute nicht mehr greifen.


Was würde Jesus zu uns sagen? Vermutlich etwas Ähnliches wie er damals zu Nazareth in der Synagoge gesagt hat.


Er würde uns darauf aufmerksam machen, dass die Nöte in unserer Gesellschaft und die damit verbundenen Sehnsüchte der Menschen groß sind und dass er gekommen sei, den „Armen eine gute Nachricht zu bringen“. Viele sind in unserer Gesellschaft arm, vielleicht nicht so sehr in materieller Hinsicht, vor allem die seelischen Nöte sind zahlreicher denn je. Er würde uns sagen, er sei gekommen, um „den Gefangenen die Entlassung zu verkünden und den Blinden das Augenlicht“: Viele, die sich bisher jede Freiheit genommen haben, sind heute ganz unfrei und viele geraten in eine Sackgasse, sind isoliert, nicht selten abhängig und süchtig in vielfältiger Art. Und die Verblendung ist weit verbreitet. Manche sind auf einem Auge blind und erkennen nicht die tieferen Perspektiven, manche sehen gar nichts mehr, weil sie eine vom existentiellen Vakuum her stammende Depression erfasst hat. Dann wird alles sinnlos: Der Beruf, die Familie, die Umgebung.


Jesus würde uns sagen, dass er gekommen sei, „die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen“: gemeint ist die Freiheit der Kinder Gottes, die Er vermittelt. Das ist heute die große Aufgabe der christlichen Familie, der Jugendarbeit, jeder wahren Seelsorge: Die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Erwachsenen zur Eigenständigkeit und Selbständigkeit zu führen, zu einer bewusst christlichen Lebensgestaltung, ohne von den gängigen Trends oder von der Umgebung abhängig zu sein. Das ist zugleich der Weg zur Freude und zum inneren Frieden. Das macht fähig zu Verantwortung und Liebe.


Jesus hätte in dieser Stunde sicher auch ein liebes Wort für alle jene, die um seinetwillen alles verlassen, ihr Leben in den Dienst des Reiches Gottes gestellt, sogar auf eine eigene Familie verzichtet haben: Ich bin davon überzeugt, er würde uns ermutigen und uns sagen, dass jene, die alles verlassen haben - Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, Haus oder Acker - das ewige Leben, und schon hier auf Erden das Hundertfache empfangen. Er würde, das glaube ich fest, auf jene zugehen, die zurzeit vielfach im Staub liegen, er würde sie in seine Arme schließen, sie aufrichten, ihnen ihre Würde zurückgeben.


Ich vermute zusätzlich, dass er uns allen noch etwas sicher sagen würde: Er würde uns sicher ermahnen, wir sollten gerade in dieser jetzigen Situation unbedingt eins sein mit ihm, aber auch untereinander. Er würde uns sicher einschärfen, dass wir die Probleme ohne falsche Furchtsamkeit, mutig in den Blick nehmen und im Vertrauen auf die Hilfe Gottes gemeinsam angehen sollen, dass Gott die Seinen nicht im Stich lässt. Wahrscheinlich würde er auch hinzufügen, ohne zu vergessen: Am Kreuz machte er seine Mutter Maria zur Mutter des Johannes und aller, die zur Kirche gehören. Das möge uns Sicherheit und Trost sein.


So wünsche ich Ihnen allen, liebe Schwestern und Brüder, gesegnete Kartage mit einer Hoffnung, die in Christus gründet, und einer Liebe, die trotz aller persönlichen Schwäche stark macht.