Predigt am Christtag 2010

Liebe Brüder und Schwestern!


Im Ruf vor dem Evangelium heißt es am heutigen Feststag: „Aufgeleuchtet ist uns aufs neue der Tag der Erlösung: ein großes Licht ist heute auf Erden erschienen. Kommt, ihr Völker, und betet an den Herrn, unseren Gott! Halleluja.“ Weihnachten ist ein Fest der Freude und der Hoffnung. Mit Recht wünschen wir uns gegenseitig „frohe Weihnachten“. Das ist ein guter Wunsch, aber eigentlich ist es gar nicht so einfach zu erreichen, dass es ehrlich ist. Papst Johannes Paul II. hat einmal in der Weihnachtszeit gesagt: „Der Mensch ist ein Wesen, das sucht. Seine ganze Geschichte bestätigt dies. Auch das Leben eines jeden von uns bezeugt es. Auf vielen Gebieten sucht und forscht und findet der Mensch, und oft beginnt er gerade nach dem Finden erneut das Suchen.


In all den Gebieten, auf denen sich der Mensch als ein Wesen erweist, das sucht, gibt es eines von besonderer Tiefe: Es reicht bis ins Innerste Sein des Menschen. Und es ist am tiefsten mit dem Sinn des Menschenlebens verbunden. Der Mensch ist das Wesen, das Gott sucht.“ (Generalaudienz, 27. Dez. 1978).


Das ist eine wichtige Wahrnehmung. Wichtig ist aber auch, sich bewusst zu sein: dass dieses Suchen oft behindert bzw. fehlgeleitet ist. Den Menschen ist vielfach gar nicht bewusst, dass ihr Herz Gott sucht, und so suchen sie Gott zB in einem anderen Menschen, was fast unvermeidlich Enttäuschung mit sich bringt. Denn kein Mensch vermag zu geben, was Gott gibt, auch wenn er oder sie noch so lieb und gut, und noch so bemüht sein mag. Viele suchen die totale Erfüllung im Erfolg, so als wäre dieser ein Gott. Erfolge sind aber wechselhaft und spätestens vor den Pforten der Ewigkeit merken sie dann, dass ihre Hände leer sind, obwohl sie den einen oder anderen Erfolg oder sogar viele Erfolge hatten. Noch frustrierender ist es, wenn Menschen die Befriedigung der Sehnsüchte ihrer Herzen im Sinnlichen oder im Materiellen suchen. Da werden die schlimmen Folgen meist schon sehr bald erkennbar: Abhängigkeiten entstehen und es kann sich ein zerstörerischer Prozess entwickeln, der zum seelischen und manchmal sogar zum physischen Tod führt, wenn nicht rechtzeitig Abhilfe gefunden wird.


Weihnachten bringt eine andere Sicht. Es wird uns bewusst gemacht, wie Siluan vom Berg Athos es ausgedrückt hat: „Der Herr selbst sucht den Menschen, ehe der Mensch ihn sucht.“ Weihnachten belehrt uns: Nicht wir sind es, die Gott suchen, Gott kommt und sucht uns. Wir vernehmen die Botschaft: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“


Die Frage ist freilich, ob der Mensch diese Handreichung Gottes annimmt. Es heißt ja auch: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“


Manche werden in der derzeitigen Situation der Kirche vielleicht sofort hier einhaken und sagen: liegt es nicht an der Kirche selbst, an den Fehlern ihrer Diener oder an deren altmodischen Ansichten, warum vielen der Zugang zu Christus verstellt wird? Meines Erachtens sollten wir – gerade auch im Hinblick auf solche Einwände unseren Blick umso mehr der Krippe zuwenden und versuchen zu verstehen, was Gott uns sagen will, wenn Er, der unendlich große Gott, die Gestalt eines winzigen, wehrlosen, ganz der elterlichen Fürsorge bedürftigen Kindes annimmt. Von der Krippe her wird uns eine wichtige Lehre erteilt. Der gleiche Jesus, der zu Bethlehem zur Welt kam, wird später jene, die auf ihn hören, dazu auffordern, klein zu werden wie ein Kind. Er bezeichnet dies sogar als Voraussetzung, um in das Himmelreich gelangen zu können.


Von den Hirten wird berichtet: „Sie priesen Gott und staunten.“ Sie konnten staunen. Können wir das auch? Gewiss ist das eines unserer Probleme: Der heutige Mensch ist in besonderer Weise versucht zu meinen, dass er alles weiß und alles kann. Es fällt uns schwer zu glauben und zu staunen. Das setzt ja das Bewusstsein voraus, vor Gott klein zu sein. Es ist auch gut zu bedenken, dass Gott den Stolzen entgegentritt, den Demütigen aber Gnade schenkt (Vgl. Jak 4,6). Und Jesus selbst preist seinen Vater, den Herrn des Himmels und der Erde, weil er all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hat. (Vgl. Mt 11,25).


Papst Benedikt XVI. weist in seinen Weihnachtspredigten häufig noch auf eine andere Problematik hin, deren Erkenntnis wichtig ist, um frohe Weihnachten feiern zu können. Er sagt, in der Wohlstandsgesellschaft sei eine Entkrustung des Weihnachtsfestes nötig, weil die Konsummentalität mit ihrem Kauf- und Geschenkzwang das Eigentliche zudeckt. Weihnachten ist nicht bloß ein Fest der Familie, eine schöne Feier oder ein Anlass, sich gegenseitig zu beschenken. All das kann durchaus gut und schön, ja angebracht sein, aber Weihnachten ist viel mehr als das.


Schließlich sollten wir nicht übersehen, dass die Sündhaftigkeit der Menschen, für die Geburt Gottes nicht ein Hindernis ist, sie ist ja gerade der Anlass. Ich habe den Eindruck, dass wir das manchmal zu vergessen scheinen. Die Feier der Weihnacht steht ja gerade damit im Zusammenhang, dass er gekommen ist, um zu retten. Ja sogar die Sündhaftigkeit jener, die Diener der Kirche sind, so schlimm und traurig diese auch sein mag, muss nicht unbedingt die Weihnachtsfreude vermindern.


Ich habe sehr gerne die Worte des heiligen Hieronymus: „Oh möchte es mir gestattet sein, jene Krippe zu sehen, in welcher der Herr einst lag! Jetzt haben wir Christen ehrenhalber die aus Lehm gefertigte Krippe entfernt und durch eine silberne ersetzt. Aber für mich ist jene, die man fort geschafft hat, wertvoller. Die Heidenwelt erwirbt Gold und Silber; der christliche Glaube verdient jene Lehmkrippe. Der in dieser Krippe geboren ist, verschmäht Gold und Silber.


Ich verachte nicht jene, die der Ehre wegen die silberne Krippe aufgestellt haben, wie ich auch jene nicht verachte, die für den Tempel goldene Gefäße angefertigt haben. Aber ich bewundere den Herrn, der, obwohl Weltenschöpfer, nicht zwischen Gold und Silber, sondern auf Lehm geboren wurde.“


Es gehört zum Geheimnis der Weihnacht, dass Gott in einer Höhle zur Welt kam, und es gehört zum Geheimnis der Kirche, dass Gott trotz der Erbärmlichkeit seiner Diener, trotz manchen Niedergangs, mancher, ja sogar großer Versagen durch diese Kirche und ihre Diener seinen Sohn und den Heiligen Geist in die Welt sendet und Erneuerung möglich macht. Wir dürfen Hoffnung haben, wir müssen ihn wirklich aufnehmen in unseren Herzen, Buße tun und umkehren, wo es nötig ist, und verbunden mit ihm wirksam werden.


Mit Recht dürfen wir uns also, liebe Brüder und Schwestern, aufrichtigen Herzens „Frohe Weihnachten“ wünschen, auch heute und jetzt in der derzeitigen Situation der Kirche und Gesellschaft. Wie heißt es beim Propheten? „Der Herr tröstet sein Volk, er erlöst Jerusalem. Der Herr macht seinen heiligen Arm frei vor den Augen aller Völker. Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes“.


Es wird angebracht sein, still zu werden und anzubeten. Reformen sind in der Kirche immer nötig, sie gehen sicher vor allem in Richtung größerer Echtheit. Wir werden gut daran tun, auf jene zu schauen, die am Geschehen der Menschwerdung Gottes beteiligt waren, auf seine Mutter Maria und auf Josef. Sie lebten nur für Christus. Der Kern jeder wahren Reform der Kirche besteht darin: Heilige sind nötig, Menschen, die ihn wirklich aufnehmen und im Herzen tragen, die ganz für Christus leben. So wünsche ich Ihnen allen in diesem Sinne ein sehr frohes Weihnachtsfest.