NEWS-Interview mit Hubert Wachter

News: In Österreich stehen mittelbar vier Bischofs-Neuernennungen bevor. Glauben Sie, dass der Vatikan im Gegensatz zu den letzten 25 Jahren dabei mehr auf die Ortskirchen hören wird? Ihr St. Pöltner Weihbischof Anton Leichtfried ist für das Eisenstädter Bischofsamt nach Paul Iby im Gespräch …
Küng: Das, was die Kirche – und die Gesellschaft – braucht, sind heiligmäßige Bischöfe, die sich nicht vom Zeitgeist oder anderen Geistern einschüchtern lassen. Hoffentlich findet der Heilige Vater die geeigneten Leute. Wen der Papst bei der Suche mitreden lässt, sollte er sich gut überlegen. Die Burgenländer etwa erden vom Nuntius über Ihre Vorstellungen befragt werden. Nun, das wäre ja schon ein großes Stück Transparenz, oder? Nur: Transparenz bringt auch Probleme mit sich. Die Kirche hat ihre Erfahrungen und weiß, welche Nachteile entstehen, wenn bestimmte Gruppen oder Personen unbedingt kontrollieren wollen, wer Bischof wird. Und was Ihre Frage zu meinem Weihbischof betrifft: Ich bin mit ihm sehr zufrieden.


News: Zur generellen Situation von Österreichs Kirche. Nach den Turbulenzen zuletzt (Missbrauchsfälle) - scheint viel in Bewegung zu kommen, nicht nur beim Zölibat.
Küng: Das Vorkommen von Missbrauch ist ein Alarmzeichen, das nicht übersehen werden darf. Aber ob das, was bis jetzt in Bewegung gekommen ist, schon Erneuerung bringt, bezweifle ich.


News: Nun, Bischof Paul Iby stellt den Zölibat infrage.
Küng: Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Zölibat als Voraussetzung für den Empfang der Priesterweihe auch heute sinnvoll ist: ein starkes Zeichen einer Ganzhingabe an Gott und des Freiseins für den Dienst an den Menschen. Die Priesterehe würde nicht alle die Probleme lösen. Was mich mehr beschäftigt: Wie könnte man den Priestern helfen, den Zölibats in der heutigen Welt besser zu leben? Ich denke vor allem an die Möglichkeit, dass mehrere Priester gemeinsam wohnen, überhaupt halte ich die Pflege der Gemeinschaft untereinander für sehr wichtig. Ehe und Zölibat befinden sich in ähnlich gelagerten Krisen, die Lösung heißt in beiden Fällen „Vertiefung“.


News: Sie sagten unlängst, auch in die Kirche sei „Erotisierung“ hineingeschwappt. Was meinen Sie konkret?
Küng: Ich wollte damit andeuten, dass nach der weltweiten Verbreitung der Pille und anderer Antikonzeptiva, durch omnipräsente Erotisierung der Werbung, der Massenmedien, insbesondere des TV und des Internets eine gewaltige Veränderung in der Verhaltensweise vieler Menschen eingetreten ist. Wir leben heute mit Einstellungen und Trends, die auch nicht wenige Mitglieder der Kirche erfasst haben, mit zum Teil fatalen Folgen für das spirituelle Leben, für die Persönlichkeitsentwicklung und die verschiedenen Beziehungsebenen. Auch in der Verkündigung der Kirche gab es diesbezüglich Defizite in den letzten Jahren. Es darf nicht wundern, wenn sexuelles Fehlverhalten in verschiedenen Bereichen, sogar auch mit Kindern, vermehrt vorkommt.


News: Nun bemüht sich Österreichs Kirche offenbar um einen besseren Dialog mit ihrer Basis. Stichwort: Mariazeller Konferenz der Pfarrgemeinderäte. Ist das eine Öffnung?
Küng: Ich war immer für Dialog. Allerdings ist zu beachten: Wenn es um die Dinge Gottes oder des Menschen in seiner Beziehung zu Gott geht, muss der Dialog über solche Themen immer im Dreieck gehen: das heißt, zugleich auch Dialog mit Gott sein. Es geht bei solchen Fragen nicht bloß um eine Einigung oder vielleicht um einen Kompromiss, der auf demokratischem Weg angestrebt wird. Zu einem solchen Dialog gehört immer auch das Hinhören, das Hinhören auf Gott, auf die Kirche, aufeinander. Den Dialog in Mariazell habe ich diesbezüglich zeitweise als einseitig erlebt, auch wenn die Gottesdienste und verschiedene liturgische Feiern wirklich schön und gediegen waren. Das ist ein Zeichen der Hoffnung für mich: wer gemeinsam betet, wird sich sicher wirklich erneuern.


News: Die Zahl Kirchenaustritte steigt derzeit dramatisch. Was ist zu tun, oder gibt man sich damit zufrieden, zur kleineren Gruppe der nur Allergetreuesten zu werden?
Küng: Die Menschen müssen wieder zu Gott finden und die Erfahrung machen, dass ihnen durch die Kirche der Weg zu ihm vermittelt wird. Langfristig bin ich zuversichtlich, dass sich die Lage stabilisieren und eine positive Wende eintreten wird. Denn ohne Christus wird es Nacht im Leben des Christen. Durch die Kirche wird – trotz aller Fehler, die ihre Mitglieder, auch ihre Amtsträger haben – Christus gegenwärtig.


News: Zuletzt flammte ein Kardinals-Konflikt zwischen Angelo Sodano und Christoph Schönborn auf – weil Wiens Kardinal Sodano öffentlich vorwarf, seinerzeit die Aufklärung der Causa Groer hintangehalten zu haben.
Küng: Ich möchte mich dazu nicht äußern, weil ich mich dazu nicht für befugt halte. Ich möchte nur so viel bemerken, dass ich die ganze Fragestellung für viel komplexer ansehe, als sie derzeit in der öffentlichen Diskussion dargestellt wird.


Interview: Hubert Wachter