Mariä Empfängnis "33 Schritte"

Liebe Brüder und Schwestern! Mit dem Blick auf Maria haben wir in den vergangenen 32 Tagen viele wesentliche Aspekte unseres Lebens betrachtet. Heute, an ihrem großen Festtag, fassen wir alle unsere Überlegungen und Vorsätze zusammen, indem wir uns und unser Leben ihr weihen, das heißt, sie als unser Vorbild und unsere Fürsprecherin nehmen in der Bemühung um eine möglichst tiefe und feste Verbundenheit mit Christus. Mit der Weihe an Maria wollen wir unsere Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, gemäß unserem Taufversprechen in den heutigen Verhältnissen konsequent als Christen zu leben. Dabei ist von großer Bedeutung, dass wir uns die Zusammenhänge bewusst machen, die das Leben Mariens betreffen, aber auch unser eigenes Leben.


Maria war dazu erwählt – so heißt es im Tagesgebet des Hochfestes –, eine würdige Wohnung für den Sohn Gottes zu bereiten.


Auch wir sind dazu erwählt, Wohnung Gottes zu sein. Paulus sagt sogar, dass wir schon vor Erschaffung der Welt dazu bestimmt waren. Laut Schöpfungsbericht hat Gott den Menschen als sein Abbild erschaffen. Es ist daher die Grundberufung jedes Menschen, Gott im Herzen zu tragen. Oder anders gesagt: Lieben zu lernen wie Gott liebt, denn Gottes Wesen ist die Liebe.


Unser Problem besteht darin, dass der Mensch von Anfang an gesündigt hat und immer wieder sündigt. Jeder Mensch neigt dazu, sich selbst zu suchen, letztlich so sein zu wollen wie ein Gott, der selber festzulegt, was Gut und Böse ist. Das freilich kann nicht gut gehen. Der Mensch verliert die Freude und den Frieden; Seine Liebe wird zerstört.


In Maria hat sich eine Wende angebahnt: Wegen ihrer ganz besonderen Berufung, Mutter des Herrn zu sein, ist sie in Hinblick auf die Erlösung, die ihr Sohn bewirkt hat, vom ersten Augenblick ihres Daseins an von jeder Sünde bewahrt worden. Und dadurch, dass sie ihn zur Welt gebracht und er sein Leben hingegeben hat zur Rettung der Menschen, tut sich auch für uns ein Weg auf. Er ist der Weg.


Wenn der Engel zu Maria sagt: „Der Herr ist mit dir“, dürfen wir gewissermaßen mithören. Er ist auch mit uns, denn durch die Kirche, deren Urbild Maria ist, wird er geboren auf den Altären, ja sogar in unseren Herzen kann er geboren werden. Obwohl wir schwache Menschen sind dürfen wir Hoffnung haben und uns freuen.


Es ist aber notwendig, dass wir auf das Geschehen der Menschwerdung gut hinschauen: Wir erkennen an Maria die Grundhaltungen, die die Voraussetzungen sind für die Geburt Gottes in unseren Herzen.


Maria ist vor allem Magd des Herrn. Sie ist ganz offen für Gott und seine Botschaft. Sie ist mit Jesus, dem Erlöser, von Anfang an voll im Einklang. Von ihm heißt es im Hebräerbrief: „Siehe, ich komme, deinen Willen zu tun“ (Hebr 10, 9); und sie sagt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“


Eine der grundlegenden Voraussetzungen, um mit Gott verbunden leben zu können, ist die Offenheit für Gott, der Wunsch zu erkennen, was Gott von uns erwartet. Ohne diese Bereitschaft kommt es nicht zur Geburt des Herrn im eigenen Herzen.


Wenn wir offen sind für Gott, dann nehmen wir wahr, wenn etwas im eigenen Denken, Reden oder Tun richtig ist oder falsch; wir merken, wenn Umkehr nötig ist, vielleicht Vergebung und ein neuer Anfang. Oft führt dieses Offen-Sein für Gott zur Entscheidung, etwas in Angriff zu nehmen, etwas zu tun oder zu lassen. Manchmal wird uns bewusst, dass wir in unserem Leben eine neue Grundordnung herstellen müssen, da mehreres oder vieles nicht oder nicht mehr stimmt. Gerade das Nachdenken über den heutigen hohen Festtag weckt das Verlangen nach Reinigung des Herzens.


Maria sagt zu uns, ähnlich wie zu den Knechten bei der Hochzeit in Kana: „Was er euch sagt, das tut.“


Wer möchte, dass im eigenen Herzen Gott wohnt, hat Verlangen nach dem Wirken des Heiligen Geistes: er öffnet die Augen für Jesus, er macht hellhörig für sein Wort, weckt Liebe in unseren Herzen.


Der Blick auf Maria sagt uns auch noch etwas Anderes. Wir wissen von ihr, dass sie, nachdem sie die Botschaft Gottes vernommen hatte, eiligst ins Gebirge aufbrach.


Diese ihre Eile ist unterschiedlich interpretiert worden. Manche Kirchenväter sahen darin das Bedürfnis angedeutet, sich möglichst bald mitzuteilen. Sie hatte eine große Freude und wusste sich verbunden mit Elisabeth, ihrer Verwandten, die auch eine große Freude hatte. Andere erklärten ihre Eile mit dem Wunsch zu helfen. Denn Gottes Liebe führt immer zur Nächstenliebe.


Die Erneuerung des Taufversprechens wird, wenn es echt ist, immer auch bewirken, dass wir uns den Anderen zuwenden und zur Hilfeleistung bereit sind. Können wir einfach zuschauen, wenn jemand an unserer Seite geistlich schlappmacht, mit dem Streben, ein Christ zu sein, aufhört, weggeht, vielleicht Gefahr läuft, an dem vorbei zu leben, was eigentlich das Wichtigste im Leben ausmacht? Können wir gleichgültig zusehen, wenn wir wahrnehmen, dass manche den Zugang zur Gnade, zu Gott nicht finden oder diesen Zugang verloren haben? Es war ja schon von Anfang an klar, dass es in der Welt einen geistigen Kampf geben wird. Nach dem Sündenfall sagt Gott zur Schlage, die Eva verführt hat: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs“ (1. Lesung). Was wir heute in Gesellschaft und Kirche erleben, darf uns nicht verwundern. Aber untätig dürfen wir nicht bleiben. Also auf ins Gebirge, auf in den Kampf. Es genügt nicht, dass wir uns selber retten. Wir müssen möglichst viele auf dem Weg zur Erlösung mitnehmen.


Zum Abschluss noch ein paar Überlegungen, die wichtig sind: Was können wir tun, damit das Taufversprechen, das wir heute erneuern, nicht bloß eine Eintagsfliege bleibt oder eine bloß rituelle Handlung ohne Auswirkungen darstellt? Es soll sich etwas ändern. Was können wir tun, damit die Marienweihe in unserem Leben eine bleibende Prägung hinterlässt und eine nachhaltige Wirkung mit sich bringt? Wie werden wir wie Maria eine „würdige Wohnung für Jesus“?


Vier Punkte scheinen mir dafür grundlegend:


1.) Unerlässlich ist die Pflege des Gebetes. Neben dem Morgengebet, dem Gebet des Engel des Herrn, das ich sehr empfehlen möchte, und dem Tischgebet sollten wir möglichst täglich wenigstens ein paar Minuten dafür aufwenden, um Gott zu suchen im Verlangen nach Ausrichtung des eigenen Willens an seinem. Auch das Gebet des Rosenkranzes kann eine gute Hilfe sein, wenigstens ein Gesätzchen.


2.) Der Eucharistiefeier kommt eine zentrale Bedeutung zu: Wenigstens zuverlässig an jedem Sonntag, besser auch an manchem Werktag. Nicht erschrecken: Am Besten wäre täglich. Es geht darum zu lernen, alles in unserem Leben zum Altar zu bringen und mit den Gaben der Kirche zu vereinen, damit es verwandelt wird. Zugleich hilft es uns, auf ihn zu schauen, auf ihn zu hören, ihn zu empfangen, damit wir in unserer Arbeit, in unseren Sorgen und Hoffnungen mit ihm eins sind. Die Eucharistie ist dafür Grundlage.


3.) Der regelmäßige Empfang des Bußsakramentes, möglichst verbunden mit einer persönlichen, geistlichen Begleitung ist eine große Hilfe, um nicht nachzulassen, um immer wieder anzufangen, gestützt auf die Impulse seiner Gnade.


4.) Immer werden diese Grundpfeiler des christlichen Lebens zu einem konkreten persönlichen Streben führen – zur Vermeidung bestimmter Fehler und zur Bemühung um Verbesserung in bestimmten Belangen. Dieses Streben ist geradezu kennzeichnend für ein lebendiges Christsein. Dazu gehört auch jeden Abend eine kurze Rückschau.


All das möchte ich Euch herzlich anempfehlen. Schließen möchte ich mit dem Weihegebet vom 33. Tag: „Maria, heute möchte ich dir ganz gehören. Ich weihe mich der heiligsten Dreifaltigkeit durch deine Hände, damit du aus meinen kleinsten Handlungen, Gedanken und Worten ein schönes Geschenk für Gott machst. Ich erwähle dich als meine Mutter, damit du nicht nur mein ganzes Wesen erziehst, sondern mich darüber hinaus in schwierigen Momenten mit deiner Zärtlichkeit tröstest und dich mit mir freust, wenn ich mich freue. Ich weihe dir heute alles, was mein Leben ausmacht, meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft. Führe du mich immer zum Wesentlichen. Ja, Maria, ich wünsche, dass du mich zur Heiligkeit führst.“


In den letzten Wochen habe ich – auch gemeinsam mit anderen – überlegt, wie wir das begonnene Werk der Erneuerung fortsetzen könnten. Wir kamen auf drei weitere Schritte im nächsten Jahr:


1.) In der Fastenzeit ein Aufruf zu Buße und Umkehr mit dem Blick auf Christus, den Erlöser. An alle wird die Einladung ergehen mitzuhelfen, damit möglichst viele das Sakrament der Versöhnung von neuem als wertvolle Hilfe im christlichen Leben entdecken. Ein kräftiger Impuls zum persönlichen und gemeinsamen inneren und äußeren Aufbruch wird davon ausgehen.


2.) Wir möchten die Pfingstnovene neu beleben und in der Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten die Eucharistische Anbetung besonders pflegen. Wir wollen zusammen mit Maria und der ganzen Kirche um geistliche Berufungen bitten.


3.) Im Herbst ist das Ziel eine Gebetsschule an der Hand Marias. Das Rosenkranzgebet ist dabei ein konkreter Weg. Auch hier wird es darum gehen, viele andere anzusprechen, damit auch sie es versuchen. Insgesamt ist das Ziel die Entstehung einer missionarischen Kirche.