Interview von Bischof Klaus Küng mit Paolo Rodari

1. Angesichts der Situation von Missbrauch durch Priester hat der Papst zu „Gebet“ und „Buße“ aufgerufen. Aus Wien kam hingegen die Forderung nach einem Schlussstrich mit der Vergangenheit, besonders was jene angeht, die nach den Worten von Kardinal Schönborn den Fall Groer „vertuscht“ hätten (so der Kardinal zweimal in „La Stampa“). Gehen diese beiden Ansätze Ihrer Meinung nach in dieselbe Richtung? Gibt es Einmütigkeit zwischen Ratzinger und Schönborn in dieser Angelegenheit?


K: Das sind schwierige Fragen. Ich könnte nicht beurteilen, ob der Papst und der Kardinal hier dieselbe Linie fahren. Überhaupt ist es schwierig, bei einer so komplexen Materie eine endgültige Lösung zu finden. Aber einen Abschluss müsste man doch machen. Der Fall Groer war ein tragischer, und es bringt nichts, sich damit noch endlos aufzuhalten. Vielleicht wäre es in diesem Falle sinnvoll gewesen, die Ergebnisse der kanonischen Visitation von Göttweig zu veröffentlichen, die nach den Anschuldigungen stattfand. Aber ich bin nicht genügend informiert, um das beurteilen zu können.


2. Liberale Bewegungen – wie „Wir sind Kirche“ – fordern immer wieder Reformen von der Kirche. Die erste ist oft der Ruf nach mehr Kollegialität zwischen Papst und Bischöfen. Dann die Abschaffung des priesterlichen Zölibats. Und so weiter. Wie, glauben Sie, sollte man auf diese Forderungen antworten?


K: Es ist nicht das erste Mal in der Kirchengeschichte – und wird auch nicht das letzte Mal sein –, dass manche glauben, die einzige Lösung zur Überwindung einer Krise sei die Veränderung von Strukturen, die Abschaffung des Zölibats und ähnliche Forderungen. Solche Forderungen haben im Grunde recht menschliche Motive: So scheint etwa der Zölibat zu fordernd für die „Welt von heute“. Andererseits gibt es natürlich einen starken Priestermangel. Da liegt die Frage auf der Hand: Warum nicht die „Zugangsbedingungen“ herabsenken? Doch hier muss man sich gleich fragen: Würde das die Probleme wirklich lösen? Ich glaube nicht.


Ich habe eben diejenigen Kapitel der Kirchengeschichte für den Raum meiner Diözese gelesen, die in der Gegenreformation spielen. Um 1560 waren 60% der Pfarren ohne Priester, die Mehrheit der Priester lebten mehr oder weniger offen – und geduldet von der Obrigkeit – mit einer Frau zusammen, Kloster auf Kloster schloss seine Pforten, 4/5 der Bevölkerung und 100% des Adels waren eigentlich protestantisch geworden. Es sah aus wie das Ende der katholischen Kirche in dieser Region.


Und wie hat die Kirche reagiert? Mit der Abschaffung der Strukturen und Akzeptanz für den „Nicht-Zölibat“? Nein. Man begann ganz einfach, in einem kleinen Seminar in Wien neue Priester auszubilden, die für den Zölibat brannten. Und dann holte man Pfarre um Pfarre zurück. Diese Priester waren anziehend in ihrer Verfügbarkeit für den Herrn, das spürten auch die einfachen Gläubigen. Und die Kirche schuf wieder Zentren der Spiritualität in der Gegend: Die großen Klöster füllten sich wieder. Und nach und nach wurde Österreich wieder das katholische Land, das es auch heute noch ist.


In gewisser Weise scheint mir das auch heute noch ein sehr hilfreicher Ansatz. Ich denke, der Zölibat als Voraussetzung für die Priesterweihe wird immer ein starkes Zeichen des Widerspruchs sein. Ein sehr wichtiges Zeichen, auch für unsere Zeit.


Was die Kollegialität angeht: Es sind Zeiten der Unsicherheit, in der die Aggressivität der Medien gegenüber der Kirche in vielen Ländern zunimmt, in der neue, schwierige Probleme auftreten. Da bin ich sehr dankbar, dass wir Bischöfe der Welt einen Petrus haben, einen wahren Felsen, auf den wir uns stützen können, eben Benedikt XVI. Wenn uns der Kulturkampf in Deutschland eine Sache gelehrt hat, dann diese, dass Bischöfe (und Bischofskonferenzen) einem starken Druck durch den Staat und die Medien ausgesetzt sein können. Selig wir, dass wir einen Fixpunkt haben – in Rom.


3. In Wien ist eine Kommission eingesetzt worden, die sich der Frage der Wiederverheirateten Geschiedenen annimmt. Wozu diese Kommission? Was wird sie entscheiden?


K: Das Thema der Wiederverheirateten Geschiedenen bewegt viele Gläubige in Österreich. Ich bin gebeten worden, Teil dieser Kommission zu sein. Wir haben schon vor Jahren eine ähnliche Gruppe gehabt, deren Ergebnisse der Glaubenskongregation vorgelegt wurden. Warum nun dieser neue Anlauf? Einerseits ist die Lehre der Kirche in diesem Bereich ziemlich klar, und wir können die Lehre der Kirche nicht ändern. Und auch die Praxis der Universalkirche können wir nicht ändern. Was jedoch sinnvoll ist: die Ausbildung derer, die in diesem Sektor arbeiten, zu verbessern – und neue Orientierungshilfen für Gläubige in schwierigen Lebensumständen zu geben.


4. Eine weitere Kommission wurde gegründet, sie soll den Fällen von Missbrauch im Klerus nachgehen. Sie wurde einer Frau anvertraut. Wozu?


K: Zunächst wollte die Diözese einen Richter bitten, einen sehr angesehenen Mann. Aber der lehnte aus Gesundheitsgründen ab. Dann fragte man Waltraud Klasnic, eine katholische Ex-Politikerin, die ich persönlich kenne. Es ist ja möglich, dass Opfer, die von einem Priester missbraucht worden sind, über solche Themen nicht mit einem Mitglied des Klerus reden wollen oder mit jemandem, der „der Kirche nahe steht“. Diese Kommission ist auch ein Signal an den Staat: Wir sind bereit, mit einer unabhängigen Institution zusammenzuarbeiten, wir vertuschen nichts. Ich glaube jedenfalls, dass diese Kommission sinnvoll ist.


5.Jüngst hat Kardinal Schönborn gemeinsam mit Mitgliedern von „Wir sind Kirche“ in einer Kirche gebetet. Halten Sie diese Geste für sinnvoll?


Zunächst habe ich mir Sorgen gemacht, ob diese Feier eine angemessene Geste sein würde. Doch dann haben mir mehrere Augenzeugen berichtet, wie würdig und bewegend die Liturgie abgelaufen ist. Und das Echo in den Medien war wirklich sehr positiv.


6. Hier heißt es oft, der österreichische Episkopat sei einer von jenen, der am wenigsten auf der Linie des gegenwärtigen Papstes und auch der Kurie ist. Stimmt das? Woher kommen solche Gesten der Meinungsverschiedenheit?Ich glaube, das stimmt nicht. Natürlich haben wir einige Schwierigkeiten. Speziell die Enzyklika Humanae Vitae, deren Thema wir bisher vielleicht noch nicht in genügender Klarheit unter das Volk gebracht haben. Auch gibt es in Österreich einige Probleme mit der sakramentalen Praxis (Abnahme der Beichten, liturgische Missbräuche, Laienpredigt an einigen Orten, Ringsegnung für Wiederverheiratete Geschiedene usw.), wie auch bei der Katechese. Aber das sind Probleme, die es in ganz Zentraleuropa gibt. Die österreichischen Bischöfe wollen der Lehre der Kirche treu sein, aber es ist nicht immer leicht, die schwierige Situation zu lösen; und in letzter Zeit gab es unter dem wachsenden Druck einige problematische Äußerungen.