Gerufen in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott

Bevor die Schwestern in Jeutendorf ihr Gemeinschaftsleben beginnen konnten, waren große bauliche Anstrengungen nötig. Denn das Jeutendorfer Servitenkloster war lange Zeit nur mehr von einem Pater bewohnt gewesen, ab 1978 stand es überhaupt leer. Sollte es wieder einer Gemeinschaft als Heimstätte dienen, war eine Generalsanierung des Daches, der Fassaden und der Kellerräume notwendig, im Inneren fehlten sanitäre Einrichtungen, es gab keine Heizung und die Elektroinstallationen waren weitgehend unbrauchbar geworden.

Die Diözese und die Mariazeller Karmelitinnen entschlossen sich 1980, das Werk in Angriff zu nehmen – und viele Menschen aus der Diözese halfen mit. Die Katholische Männerbewegung organisierte in großem Stil Arbeits­einsätze. Insgesamt leisteten über 1.000 Männer etwa 10.000 freiwillige Arbeitsstunden, indem sie Verputz abschlugen, Schutt wegräumten, beim Errichten von Zwischenmauern halfen, Unterbeton auftrugen und den Garten instand setzten. Über Bausteinaktionen und Sammlungen trugen viele Menschen aus der Diözese zur Finanzierung der Renovierung bei.

15. September 1985 – Einzug der Schwestern

Als Eröffnungstag war der 15. September, das Fest der Schmerzen Mariens gewählt worden. Dieser Tag vor 25 Jahren war ein strahlender Spätsommertag, an die 5.000 Gläubige versammelten sich im Karmelgarten zum Festgottesdienst mit Bischof Franz Zak. In seiner Predigt wies er auf das hin, was das Ordensleben im Karmel auszeichnet. An die Schwes­tern gewandt sagte er: „In Ihrem schlichten, täglichen Leben können und sollen Sie prophetisch wirken in dem Sinn, dass Sie den Menschen unserer Zeit zeigen, was wirklich den Menschen aufbaut. Ich weiß, dass die strenge Klausur Sie nicht von der Gemeinschaft des geheimnisvollen Leibes Christi isoliert. Sie stellt Sie vielmehr in das Herz der Kirche, wo sie, wie die heilige Theresia vom Kinde Jesus es ausdrückte, die Liebe sein wollen. Seien Sie im Herzen unserer Diözese die Liebe, die uns mit Gott und untereinander verbindet!“

Die Beziehung zu Gott im Mittelpunkt

Schwester Maria Johanna, die seit dem heurigen Februar die Gemeinschaft der zwölf Schwestern in Maria Jeutendorf als Priorin leitet, beschreibt die Beziehung zu Gott als Mittelpunkt der kontemplativen Lebensform des Karmel: „Gott ist ein lebendiger Gott und ein liebender Gott. Er sucht Menschen, die sich seiner Liebe öffnen und die ihn wieder lieben. Teresa von Avila, die Gründerin des teresianischen Karmels, hat das innere Gebet, die persönliche Beziehung mit dem lebendigen Gott als wesentliches Element in die Tagesordnung der Karmelitinnen aufgenommen. Von ihr stammt die Formulierung: ‚Beten ist nichts anderes als die Begegnung mit einem Freund. Mit ihm kommen wir oft und gerne alleine zusammen, denn wir wissen, dass er uns liebt.‘

Ein Mensch, der in diese tiefe Beziehung und Freundschaft mit Gott gerufen ist, lebt die Liebesbeziehung mit Gott nicht nur für sich alleine – für sein privates Glück. Er möchte diese Liebe, die er erfahren hat, weiterschenken. Er bringt Menschen, die in Not und Verwirrung sind, zu Gott und weiß, dass es auf so viele unlösbare Fragen eine wichtige Antwort gibt: Du bist von Gott unendlich geliebt. Niemals lässt er dich fallen.“

In der Tradition des Propheten Elija

Eine zweite wichtige Aufgabe des kontemplativen Lebens ist der prophetische Dienst. Die Karmeliten und Karmelitinnen führen ihren Namen auf den Berg Karmel zurück, wo im 9. Jahr­hundert vor Christus der Prophet Elija für den lebendigen Gott Israels eiferte. Sr. Johan­na: „Durch unsere Berufung und Entscheidung für diese Lebensform, die nach außen hin, nach rationalen Maßstäben keine sinnvolle Lebensform ist, wollen wir bezeugen, dass Gott ein lebendiger Gott ist, dass wir mit Leidenschaft für ihn leben wollen, dass wir ihm unser Leben schenken wollen.“

Das Gebet prägt den Tageslauf

Wesentliche Elemente des beschaulichen Lebens im Karmel ist, wie schon erwähnt, das innere Gebet, dem zwei Stunden am Tag gewidmet sind. Das Stundengebet der Kirche akzentuiert zu sieben festgesetzten Zeiten den Tagesablauf, zu dem auch Eucharistiefeier und geistliche Lesung gehören.

Einmal pro Woche kommen die Schwestern zum Kapitel zusammen, bei dem sie sich über ihr geistliches Leben austauschen und auch über ihr Zusammenleben beraten, darüber, was geglückt ist und auch darüber, was geändert werden sollte.

Ihren Lebensunterhalt verdienen die Jeutendorfer Karmelitinnen durch den Betrieb einer Hostienbäckerei und eine Ikonenmalwerkstatt. (Mehr im Internet unter www.karmel.at/maria_jeutendorf.)

Diesen Beitrag finden Sie zusammen mit zahlreichen Berichten aus Diözese, Österreich und Weltkirche in „Kirche bunt“ Nr. 37.

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