Fundgrube Domplatz

Kurz vor Einsetzen der Schneefälle wurde der erste Teil der archäologischen Grabungen am Domplatz von St. Pölten beendet und die Grabungsstelle für den Winter abgesichert. Bei einem Gespräch in Rathaus zogen Bürgermeister Matthias Stadler, Stadtarchäologe Ronald Risy und der Gerichtsmediziner Fabian Kanz eine Zwischenbilanz. Obwohl man durch schriftliche und bildliche Quellen über die Historie des Platzes sehr gut Bescheid wusste, brachte bereits die erste Kampagne zahlreiche Überraschungen ans Tageslicht.
Eine der großen Überraschungen lag in der Entdeckung von Mauerstrukturen des spätmittelalterlichen Klosters des heiligen Hippolyt. Ein Teil dieser Mauern umgab offene Höfe, in einem davon war eine Latrine angelegt. „In der Verfüllung des Latrinenschachtes fanden sich zahlreiche, teilweise sogar als sensationell zu bezeichnende Fundstücke aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert“, erklärte Risy. Einzigartig und als Prunkstück hervorzuheben sei ein Beleuchtungsgerät in Form einer weiblichen Figur aus gebranntem Ton, deren Physiognomie stark an heutige Teufels- oder Hexendarstellungen erinnere.


Der Ostabschluss der gotischen ehemaligen Pfarrkirche wurde ebenfalls noch in der heurigen Grabungsfläche erfasst, womit die Kirche in ihrer Ausdehnung viel größer war, als es die bildlichen Quellen vermuten ließen. Die Erforschung dieser gegen Ende des 17. Jahrhunderts abgerissenen Kirche wird im Zentrum der nächstjährigen Kampagne stehen.
Im freigelegten Bereich des spätmittelalterlichen Klosters wurde im Zuge des großzügig angelegten barocken Neubaus mehrfach die Baustelle eingerichtet. Diverse Kalkwannen, Pfostensetzungen und eine aus Holzbalken und Mörtel errichtete Plattform für die Aufstellung eines Baukrans geben ein lebendiges Bild eines barocken Baubetriebs.


In den Gräbern, die in diesem Jahr freigelegt wurden, konnten bei der anthropologischen Bearbeitung insgesamt etwas über 500 Individuen identifiziert werden. Davon handelte es sich bei 60% um Erwachsene, bei 40% um Kinder und Jugendliche, wie der forensische Anthropologe Kanz berichtete. 37% der untersuchten Erwachsenen waren Frauen und 62% Männer (1% war nicht mehr bestimmbar).
Die hohe Kindersterblichkeit wurde bedingt durch ein mangelndes Bewusstsein für Hygiene und fehlende medizinische Möglichkeiten. Einmal erwachsen, erreichten Männer ein durchschnittliches Alter von 34 Jahren und eine Körperhöhe von 170 cm. Die St. Pöltnerinnen starben in der Regel 3 Jahre früher und brachten es auf eine Größe von 158 cm. Das niedrigere durchschnittliche Sterbealter der Frauen liegt an deren erhöhten Sterberisiko durch Geburten und Schwangerschaften ohne moderne medizinische Versorgung.


Eine Vielzahl von pathologischen bzw. traumatischen Veränderungen an den ausgegrabenen Skeletten wurde identifiziert. Diese reflektieren die St. Pöltner Stadtgeschichte zum Teil sehr trefflich, so Risy. Etwa wurden zwei Pestepidemien durch entsprechende Bestattungen sichtbar. Im Rahmen der zweiten Pestwelle konnten bereits erste Bemühungen um Gegenmaßnahmen (Kalkungen) zur Eindämmung der Epidemie nachgewiesen werden.


„Zusammenfassend haben die Ausgrabungen am Domplatz bisher die Erwartungen mehr als übertroffen“, betonte Risy. „Sie werden wesentlich dazu beitragen, unser Wissen über die mittelalterliche Stadt, deren Bewohner und den damaligen Lebensbedingungen zu erweitern.“