Familien brauchen Anerkennung und Wertschätzung

Scharfe Kritik an der derzeitigen Familienpolitik wurde bei der Jahreshauptversammlung des katholischen Familienverbandes der Diözese St. Pölten am 16. Oktober in Purgstall geübt. Sowohl der Vorsitzende des Katholischen Familienverbandes der Diözese, Dr. Josef Grubner als auch der Präsident des Familienverbandes Österreichs, Dr. Clemens Steindl sowie die Familienexpertin und Psychotherapeutin Dr. Martina Leibovici-Mühlberger sprachen sich vehement gegen eine Kürzung der Familienleistungen im kommenden Budget aus. Es sei völlig unverständlich und „unintelligent“, dass gerade in der derzeitigen Situation der Kinderarmut in Österreich der Familienbereich massive Einsparungen hinnehmen müsse. Diese Maßnahmen der Kürzungen im Familienbudget erwecken keinesfalls den Eindruck, dass die Familie in der Politik einen zentralen Stellenwert habe, wie immer betont werde. Die bereits beschlossenen Kürzungen im Familienbudget seien eine „massive Maßnahme gegen die Familien“, unterstrich Steindl. Es gehe in erster Linie zwar nicht um die finanziellen Mittel, sondern um den Stellenwert und die Wertschätzung der Familie in der Gesellschaft, doch zeige die Behandlung im Budget sehr wohl die Wertigkeit auf, untermauerte er.


Zu diesem Protest gibt es nun auch eine Website im Internet.


Familiensituation ist Ergebnis mangelnder Wertschätzung


In ihren Ausführungen unterstrich Leibovici-Mühlberger, dass gerade die Familie in ihrer Funktion die Basis für das gesellschaftliche Selbstverständnis sei, in der Kinder Selbstwert, Selbstbewusstsein und Vertrauen erleben. Dieser Prozess, der „in tausenden kleinen Schritten“ vollzogen werde, dürfe nicht institutionell ausgelagert werden, warnte die Expertin. Die derzeitige prekäre Situation der Familien sei auf diese mangelnde Wertschätzung in Gesellschaft und Politik zurückzuführen, sagte sie.
Die Jugendlichen selbst sehnen sich zwar nach Geborgenheit in einer Familie, wollen aber nichts dafür tun, analysierte sie die konsumorientierte Einstellung. 86 Prozent wünschen sich laut Umfrage einen Partner und Kinder, doch der Großteil glaube nicht daran, dies auch verwirklichen zu können.


Neue Wertekultur nötig


Diesen Tendenzen gegenüber verlangte Leibovici-Mühlberger eine neue Kultur der Werte auf globaler Ebene. Umzusetzen wäre dies etwa durch eine „Familencard“ für Eltern, ähnlich dem Mutter-Kind-Pass, aber auch die Einbeziehung der modernen Erkenntnisse der Neuropsychologie und anderer Wissenschaften in die frühkindliche Betreuung. Die Medien müssten in ihrem Angebot einer breiten gesellschaftlichen Diskussion unterzogen und sogenannte „Scheidungsworkshops“ sollten vor einer Trennung verbindlich vorgeschrieben werden. Altabt Burkhard Ellegast aus Melk, viele Jahre auch Leiter von Familienwochen, legte den Familien den Familien nahe, immer wieder auch spirituelle Impulse für sich zu finden. Miteinander reden sei dabei ein ganz wichtiger Ansatzpunkt unterstrich er. Ebenso hilfreich sei unter anderem ein Freundeskreis, das Gespräch über den erlebten Glauben, gegenseitiges Verzeihen sowie das gemeinsame Gebet in der Familie.


Verband als Familienlobby


Vier Workshops befassten sich anschließend mit der Frage, was der Verband als Familienlobby leisten und wie er in Gesellschaft und Öffentlichkeit besser auftreten könne. Dabei wurde vor allem ein stärkeres Engagement für eine bessere gesellschaftliche Wertschätzung der unbezahlten Leistungen der Familien angeregt und hingewiesen, wie „wertvoll und bereichernd“ eine Familie für die einzelnen Menschen wie für die gesamte Gesellschaft sei. Scharf verurteilten die Teilnehmer der Versammlung hingegen die derzeitige Abschiebepraxis in Österreich, die sogar eine Abschiebung von kleinen Kindern ermögliche.


Neue Familienreferentinnen


Im Rahmen der Jahreshauptversammlung konnten der Vorsitzende Dr. Josef Grubner und Geschäftsführerin Mag. Eva Lasslesberger die langjährige Familienreferentin von Ybbs, Elisabeth Ortner verabschieden und gleichzeitig die neue Familienreferentinnen Birgit Buschenreithner für Ybbs und Sabine Müller-Melchior für Maria Anzbach begrüßen. Für ihre 15 Jahre Tätigkeit als Tagesmutter des Familienverbandes wurde Emilie Hochgerner aus Laaben geehrt.