Weihbischof Anton Leichtfried bei der Karfreitagsliturgie
Pilgern im Sommer
Erntekrone
 
 

Bischofs-Blog vom Pilgerweg nach Santiago

27. September - Der Pilgerweg geht weiter


Am Morgen haben wir uns vom hl. Jakob verabschiedet. Die Schlange vor der hl. Pforte war um 9.00 noch überschaubar. Wir konnten relativ bald eintreten. Auf einer schmalen Stiege durften wir an der Rückseite des Hochaltares zum hl. Jakobus emporsteigen und ihn als Zeichen der Verbundenheit kurz umarmen. Bestärkt verlassen wir die Kathedrale und gehen zur Abschlussmesse in der nahe gelegenen Kirche des Benediktinerinnen-Konvents. Uns allen ist klar, dass diese Reise zwar zu Ende geht, aber der Pilgerweg andauert. Ich sage den Mitpilgern, sie sollen, wenn sie zu Hause ankommen, die Muschel und den Pilgerstab nicht wegräumen. Wahrscheinlich haben wir noch einen weiten Weg und eine große Aufgabe vor uns. Möglichst alle sollten mittun, damit die christlichen Wurzeln Europas mit neuer Kraft zu treiben anfangen.


Nach der hl. Messe sind wir überrascht; die Plätze vor der Kathedrale sind bevölkert wie gestern. Vor der hl. Pforte müssten wir jetzt mehrere Stunden warten, um zu Jakobus zu gelangen. Ich betrete -durch eine andere Pforte, auch hier mit etwas Wartezeit - nochmals kurz den Dom: Er ist schon wieder voll! Die Beichtstühle besetzt, die Priester beschäftigt. Nochmals geht es mir durch den Kopf: Alle haben wir unsere Probleme und Schwächen. Wer kann sagen, dass er keine Sünden hat? Aber es gibt Vergebung. Er, Christus, hat Himmel und Erde versöhnt und so kommt Licht in den dunklen Raum. Die Wurzel birgt Leben in sich, auch wenn sie äußerlich unansehnlich, schmutzig, ja wie tot ausschaut. Santiago zeigt uns, wir sollen Hoffnung haben: Christus begleitet und erwartet uns auf unserem Pilgerweg. Seine Apostel führen uns zu ihm.


Die Pilgerreise geht nun weiter. Wir sollen nicht zögern und schon gar nicht stehen bleiben oder zu viel nach Rückwärts schauen. Buen camino!


26. September - Wir sind am Ziel angelangt!


Schon früh am Morgen suchen wir die Kathedrale auf, weil es die einzige Zeit ist, in der man das Gotteshaus in Ruhe sehen kam. Trotzdem sind schon viele da, als wir eintreten. Die Größe des Heiligtums, das Hell und Dunkel des Granits der Mauern und der spärlichen Fenster, die Atmosphäre der über Jahrhunderte gelebten Pilgerschaft ziehen fast unwiderstehlich in ihren geheimnisvollen Bann. Hier ist der Glaube wie in Stein gemeißelt und doch ganz gegenwärtig. Wir gehen wieder nach außen, betrachten die Plätze der Umgebung. In kurzer Zeit beleben sich die Straßen; einige Reiter sehen wir, daneben Radfahrer in den neuesten Monturen, Menschen aus aller Herren Länder. Ich begegne einem deutschen Priester, der hier, nachdem er als Pfarrer in Pension gegangen ist, einige Monate lebt. Er erzählt mir, dass er, seit er hier ist, täglich mindestens fünf Stunden im Beichtstuhl verbringt. Er ist sichtlich beeindruckt von dem, was er hier erlebt. Viele, die hierher kommen, wollen ihre Lasten loswerden.


Die heilige Pforte ist geöffnet, weil wir uns in einem heiligen Jahr befinden. Es gibt ziemlich viele Baustellen: sie erwarten den Besuch des Hl. Vaters. Er will kommen. Es geht um die Neuevangelisierung Europas.
Die dunklen Gemäuer dieser ganz besonderen Kirche vermitteln eine nachdenklich stimmende, ernste Atmosphäre, der hochbarocke Hochaltar ist wie ein Flammenmeer, ein starker Kontrast. St. Jakob wirkt fröhlich mit seinem Hut, mit Pilgertasche, Stab und Muschel. Der Gottesdienst ist beeindruckend: Der riesige Dom ist dicht gedrängt gefüllt. Avisos sind nötig, damit jene, die vor dem beeindruckenden Tor Schlange stehen, vielleicht doch noch hereinkommen. Jemand, der hier wohnt, erzählt mir, dass in diesem Jahr die Schar der Pilger wie nie zuvor zugenommen hat.


Nur das riesige Weihauchfass, am Ende der Messe wie eh und je von einigen Männern fast bis zum Gewölbe in Schwung gebracht, mag manchen wie ein komisches Spektakel anmuten, aber was brauchen wir mehr als ein Herz, das fröhlich ist und zu neuen Taten bereit?


Mir stellt sich die Frage: sind wir mit dem heutigen Besuch tatsächlich am Ziel angelangt oder handelt es sich eher um einen Anfang? Ein Spaziergang durch die Stadt verdeutlich an allen Ecken, dass sich hier die christlichen Wurzeln Europas tief eingegraben haben, es ist aber weiterhin Leben in diesen Wurzeln. Ein geheimnisvoller Vorgang: die Probleme einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft lösen bei manchen - oder sind es nicht doch eher viele? - einen Suchvorgang aus; der Hunger der Seelen verlangt nach Nahrung; Wunden, seelisches Leid, unheilbar scheinende Krankheiten bedürfen der Heilung. Ich glaube, man kann es jetzt schon sagen: Wir werden morgen bestärkt von hier weggehen.


25. September


Heute begann der Tag mit einer hl. Messe zu Ehren des hl. Niklaus von Flüe in der wunderbaren Kathedrale von Lugos. Bruder Klaus war kein Jakobspilger, aber von seiner Persönlichkeit her hätte er durchaus einer sein können. Er hatte einen Hang zur Einsamkeit. Nach 50 Jahren eines "normalen" Lebens als Bauer, Soldat, Vater einer kinderreichen Famlie und politischer Tätigkeit zog er sich in die Ranft zurück und wurde zu einem weisen Ratgeber und Friedenstifter. Er war ein richtiger Gottsucher, eine prophetische Gestalt mit großer Aussttrahlung.


Jetzt sind wir unterwegs zum "finis terrae", zum Cap, das viele jahrhunderte als das Ende der Welt angesehen wurde. Heute schmunzeln wir, wenn wir diese Bezeichnung hören. Wir wissen ja so viel... Trotzdem: Machen wir im Grunde genommen nicht ähnliche Fehler wie die Menschen damals? Der Jakobsweg ist so anziehend, weil sich in den Herzen der Menschen die Sehnsucht nach Gott, nach dem Ewigen, Guten regt. Das Cap ist - auch wenn es sich nicht um das Ende der Welt handelt - als Naturschauspiel beeindruckend und damit wichtig, denn die Schöpfung kündet vom Schöpfer und das Meer vermittelt den Eindruck von Unendlichkeit.


Am Abend kommen wir endlich in Santiago an. Wir freuen uns schon.


24. September


Heute haben wir das Eisenkreuz erreicht, das am höchsten Punkt des Jakobsweges zwischen Leon und Santiago steht. Viele legen am Fuße dieses Kreuzes einen von zu Hause mitgebrachten Stein nieder.
Auch wir sind die letzte Strecke zu Fuß gepilgert und haben unsere Steine deponiert. Ist das schon Entlastung? Ich betrachte es vor allem als Einladung: Er, der am Kreuz Himmel und Erde miteinander versöhnt hat, ist bereit, uns zu entlasten. Wenn wir es wollen - es hängt von uns ab - finden wir durch ihn Vergebung.


Wahr ist auch: wer ihm nachfolgen will, und zwar wirklich, durch Wahrnehmung der Pflichten und Aufgaben im Sommer genau so wie im Winter, bei schönem und schlechten Wetter, wenn es uns leicht fällt oder schwer, der erkennt die Notwendigkeit, klare Prioritäten zu schaffen, auf manches zu verzichten und Ja zu sagen zu dem, was Wille Gottes ist. Es ist die Einladung zu etwas Großem, Wertvollen, zu einer Liebe, die seiner Liebe ähnlich ist...


Nach dem Eisenkreuz geht es auf einer extrem schmalen Strasse steil hinunter ins Tal. Es ist gut gegangen. Man ist dankbar, wenn manchmal auch das, was schwierig ausschaut, leicht geht. Wieder sind wir auf dem Weg zum Ziel ein Stück weitergekommen.
Deo gratias!


23. September


Heute brachen wir in der Früh von Burgos auf in Richtung Leon. Nach kurzer Fahrt ging es zu Fuß weiter auf dem Pilgerweg. "Buen camino" lautete einmal mehrr die Devise. Wie im Leben: Es ist notwendig, den einmal eingeschlagenen Weg immer von neuem aufzugreifen, auch wenn man weiss, dass man noch nicht so bald am Ziel sein wird.


Wir waren gut unterwegs. An manchen Stellen war der Boden vom Regen aufgeweicht. Nicht immer geht alles glatt. Nach etwas mehr als einer Stunde gelangten wir zu den Ruinen eines früheren Hospizes, das von Antonitern betreut wurde. Man kann noch die Nische in der Mauer sehen, wo man Essen für die Pilger hingelegt hat, als das Hospiz noch in Betrieb war. Es wäre sehr aufwendig, das Hospiz und seine Kirche wiederherzustellen, unmöglich wäre es nicht.


So ist es in der Geschichte der Kirche und der Menschheit oft gegangen: vieles vergeht, manches erwacht zu neuer Blüte, wieder anderes entsteht neu. Gott aber bleibt immer anziehend. Er ist der Lebensspender, Er kann sogar Tote zum Leben erwecken. Fröhlichen Herzens ziehen wir weiter..


22. September - Burgos und Sato Domingo de Silos


Heute Nacht schlafen wir in Burgos, in unmittelbarer Nähe des Jakobswegs. Wieder liegt ein reicher Tag hinter uns: Heute haben wir Santo Domingo de Silos aufgesucht. Es war eine Fahrt durch eine karge Landschaft. Ehrlich gesagt wäre ich gerne gelaufen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Weg zu Fuß langwierig und so mühsam ist. So wie manche Wegstrecken im Leben. Und plötzlich, mitten in der kaum besiedelten Einöde, das gut besiedelte Benediktinerkoster mit seiner schlichten Kirche und einem wunderbaren Kreuzgang. Ein junger, sympatischer Mönch erwartet uns.


Das ist typisch für den Jakobsweg: unvermutet empfängt der Pilger den Trost eines jahrhundertealten, bewegenden Glaubenszeugnisses. In diesem besagten Kreuzgang befindet sich unter anderem eine Darstellung der Emmausjünger, denen, von ihnen anfangs unerkannt, der Auferstandene - natürlich mit Pilgertasche und Jakobsmuschel ausgestattet - begegnet. Es ist nicht schwer zu erkennen, was der unbekannte Künstler uns sagen wollte: Der Auferstandene ist mit uns unterwegs. Der Jakobsweg gibt eben Impulse, die einem Kraft und Mut zum Glauben schenken. Ganz konkret.


Ich freue mich schon auf den morgigen Tag. Besonders auf diese wundervollen Marienstatuen, die an vielen Stationen des Pilgerweges stehen: Gelassenheit ausstrahlend, mit dem Kind, das ein König ist und jene, die vorbeikommen, segnet.


21. September - zwischen Pamplona und Santo Domingo de la Calzada


Endlich sind wir hautnah mit dem "Camino" in Kontakt! Es begann in Pamplona bei der Brücke von Magdalena und beim "französischen Tor". Wie unzählige Pilger vor uns sind wir eingetreten. Dann endlich marschieren - auf einem einfachen Kiesweg und danach auf einem Fußpfad nach Eunate und zur Puente de la Reina. Ich brauche das, ausschreiten auf dem Weg! Wir begegneten auch gut bepackten Pilgern - einige aus Frankreich, andere aus Italien.


So viele Eindrücke! Ich sagte es meinen Mitpilgern schon in der Früh: Es erinnert an das eigene Leben. Viele von uns haben schon einen langen Weg hinter sich. Da findet man Gründe, Gott zu danken, dass er uns dies und jenes geschenkt hat. Und dann gibt es sicher auch Dinge, die wir nicht erreichen konnten.


Der Weg nach Santiago weckt Sehnsucht - und man denkt dauernd nach. Unterwegs fallen uns auch Geschehnisse ein, in denen wir - ich - falsch gehandelt haben, Fehler passiert sind. Dann kommt man ins Gespräch. Ich habe den anderen - auch mir selbst - gesagt, dass es keine Schande ist, zu Gott zu sagen: "Hab Erbarmen mit mir". Viele pilgern nach Santiago im Verlangen nach Frieden.


Nachmittags werden wir die hl. Messe bei Santo Domingo de la Calzada feiern. Ich bin schon gespannt und zugleich voller Hoffnung.


20. September, abends


Montag abend, im Bus zwischen Bilbao und Pamplona. In Österreich herrscht schon der Herbst, aber hier ist es richtig heiß. Pünktlich hat unser Flugzeug in Wien abgehoben; ich denke mir, manchmal muss jeder von uns abheben aus dem Alltag. Der ist nämlich oft wie ein Gefängnis: Verpflichtungen nehmen uns in Anspruch, Stress schränkt den Blickwinkel ein, Müdigkeit macht uns zu schaffen.


Also abgehoben sind wir. Und sind auf der Anreise. Unser Ziel ist Santiago de Compostela, ein Ort, der seit mehr als 1000 Jahren viele Menschen anzieht. Warum pilgern die Menschen nach Santiago? Gott weiß es. Vielleicht heutzutage wegen der Kultur, den vielen Klöstern, Kunstdenkmälern; oder aus sportlichen Gründen. Vielleicht verstehe ich es selber in den nächsten Tagen etwas besser, beim Gehen, Sehen, Begegnen. Ich denke, nicht wenige begeben sich von Anfang an auf den Weg, weil sie ein Problem haben, das ihnen zu schaffen macht, weil sie nach Klarheit suchen oder ein wichtiges Anliegen beseelt. In irgendeiner Weise sind die Motive - jedenfalls am Ende des Weges - fast immer religiöse. Denn der Jakobsweg ist letztendlich ein Denkmal des Glaubens und mehr als das, er ist ein Programm.


Jetzt rollen wir schon in Pamplona, wo sich mehrere Jakobswege vereinen. Der hl. Ignatius von Loyola wurde hier verwundet, hier hat er seine Berufung entdeckt. Der richtige Ort, über meine eigene, abenteuerliche Berufung nachzudenken. Vor fast genau vierzig Jahren bin ich zum Priester geweiht worden. Das war der Anfang eines großen Abenteuers. Morgen beginnt ein weiteres.