40 Gründe Priester zu sein

„Am 23. August darf ich mein 40. Priesterjubiläum feiern. Grund genug, Gott vierzigmal zu danken und über 40 Facetten des Priesterberufes nachzudenken.“ 1.) „Komm und folge mir nach.“ – Die Berufung ist und bleibt ein Geheimnis Gottes und des eigenen Lebens. Warum gerade ich? Diese Frage bleibt stehen, auch nach 40 Jahren.


2.) Bartimäus bat ihn: „Ich möchte sehen können“. – Die Not ist groß. Die eigene und die der anderen. Und doch ist es Aufgabe des Priesters, ihm Stimme und Hände zu leihen. Eine schöne und spannende Aufgabe.


3.) „Er heilte viele.“: Blinde, Lahme, Taubstumme, sogar Aussätzige. – Priestersein bedeutet Dabei-Sein-Dürfen. Nach 40 Jahren hat man so viele Gründe zur Dankbarkeit. Man erlebt nicht wenige, die (geistig) blind waren und zu sehen anfingen; gelähmt und auf die Beine kamen; total verstummt, in sich verschlossen, die sich zu öffnen, und Taube, die das Wort Gottes zu verstehen begannen.


4.) Es ist etwas vom Schönsten: zu erleben, wie in einer verhärmten, vielleicht verbitterten Seele nach und nach von neuem Freude einzieht oder niederdrückende Verzweiflung durch eine allmählich aufkeimende Hoffnung überwunden wird.


5.) „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ – Priestersein bedeutet sich in seinen Dienst stellen, damit Er gegenwärtig wird auf dem Altar, im eigenen Herzen und in den Herzen der Gläubigen. Das ist etwas unfassbar großes Geschenk Gottes. Die Mitwirkung an seiner Vergegenwärtigung ist der Kern des priesterlichen Dienstes. Da kann man nur sagen: „O Herr, ich bin nicht würdig“, umso dankbarer muss ich sein.


6.) Gott, dich täglich durch meine eigene Seele hindurch wirken zu sehen, das kann ich nicht begreifen. Du hast es so gewollt.


7.) „Deine Sünden sind dir vergeben.“ – Die Sündenvergebung ist etwas Wunderbares. Gott greift ein. Diese Aufgabe gehört zum Schönsten im priesterlichen Dienst. Ich dachte mir: Ärzte gibt es viele, Priester nur wenige. Auch nach 40 Jahren bereue ich diese Entscheidung nicht.


8.) „Meinen Frieden gebe ich euch …“ Zu Ihm hinführen, der diesen Frieden gibt, seinen Frieden vermitteln, das ist Balsam für die Seelen.


9.) „Das Licht leuchtet in der Finsternis.“ – Das Licht anzünden kann nur der Heilige Geist - und doch kommt dem Priester Verantwortung zu.


10.) Wohl kaum jemand sonst erlebt häufiger die eigene Ohnmacht als der Priester. Gerade dann formen sich die Worte: „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele“ – oft das einzige Ventil, das die Last erleichtert.


11.) Als Priester verliert man nur dann nicht den Elan, wenn man es lernt, Gott zu suchen, auf Christus zu bauen und den Heiligen Geist für sich und die anderen in Demut und Glauben zu erbitten. Und das ist gut so, denn „selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“


12.) „Er nahm die sieben Brote und die Fische, sprach das Dankgebet, brach die Brote …“ und alle wurden satt. Der Priester ist daran beteiligt, auch wenn er selbst arm ist und hungrig, persönlich dem leeren Korb gleicht oder den Jüngern, die nur „Handlanger“ waren. Wie viele Gründe zur Dankbarkeit!


13.) „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ – der Priester ist ganz nahe bei diesem Vorgang. Trotz aller menschlichen Schwächen geschieht auch jetzt, was bei Maria den Anfang nahm. Es ist eine Frucht der Erlösung und eine große Hoffnung.


14.) Der Prophet hat die Aufgabe zu warnen. Das ist eine große Herausforderung für den Priester, gerade in unserer Zeit. Oft habe ich erfahren, wie nötig das Gebet der Anderen ist, und wie schwierig es ist, die eigene Feigheit zu besiegen.


15.) Allen andern voran Gott gehorchen, guter Hirt sein, das erwartet vom Priester Gott, das erwarten sich auch die Menschen, selbst wenn sie manchmal protestieren. Es lohnt sich, Gott und sich selbst treu zu sein, auch wenn es dafür nicht immer Lob gibt.


16.) „Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ – Ein wichtiger Hinweis. Auch wenn es da große Sorgen gibt: Bei aller Schwäche – mit der Hilfe des Herrn ist es möglich, ein reines Leben zu führen, auch heute.


17.) „Alle sollen eins sein.“ – Die Einheit zu wahren und zu fördern, war nie einfach und das ist es auch heute nicht. Gerade für den Priester ist es oft belastend, wenn einer dem anderen nicht traut, wenn die Gegensätze groß sind, Polemik die Arbeit lähmt. Es war für mich in den vergangenen 40 Jahren oft die drängendste Bitte: Komm Heiliger Geist, steh uns bei, hilf uns zusammen zu finden.


18.) „Bittet und ihr werdet empfangen, suchet und ihr werdet finden, klopft an und es wird euch aufgetan…“ – Beten und bitten lernen ist eine Tür, die man als Christ, und ganz besonders als Priester, unbedingt finden muss. Wer diese Tür findet, stößt auf den Weg, der sicher ist und weiterführt. Gott verlässt die Seinen nicht. Noch ein Grund, dankbar zu sein.


19.) Einmal hat zu mir jemand gesagt: Seien sie ein Mann Gottes, dann werden wir Sie achten. Ein wertvoller Hinweis; eine gute Grundlage für ein konstruktives Miteinander.


20.) Enttäuschungen? Üble Nachrede? Unverständnis? – Sie gehören auch zum Leben des Priesters. Das ist manchmal hart, aber dann hat man auch das Glück, liebe Menschen zu haben, die einen getragen haben.


21.) Alleinsein. Das kann gerade im Leben des Priesters eine schwere Last sein. Persönlich bin ich sehr dankbar, dass ich den Rückhalt einer Gemeinschaft immer hatte. Und wie oft durfte ich auch den Halt und den Trost der großen Familie Gottes erfahren.


22.) „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer…“ – Das ist ein wichtiger Aspekt; und doch zeigt die Erfahrung, dass die Verkündigung der Wahrheit in Liebe ein Bestandteil der Barmherzigkeit ist. Das ist nicht immer einfach. Manche lehnen sich auf. Aber am Ende sind fast alle dankbar, wenn man aufrichtig ist und die Wahrheit sagt, selbst wenn diese anfangs wehtut.


23.) „Fürchtet euch nicht.“ – Ein Wort Jesu, das für den Priester eine ganz besondere Bedeutung hat. Wir Priester und Bischöfe brauchen das Gebet der anderen wie der Bettler das Brot, damit wir nicht furchtsam sind und unsere Aufgabe als Hirten mit Mut wahrnehmen.


24.) „Es entstand unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen wohl der Größte sei.“ – Die Entzweiungen und Streitereien gehören zu den größten Mühen des Priesteramtes. Der Priester braucht die Gaben des Heiligen Geistes, um zu versöhnen, zusammen zu führen und zu erreichen, dass alle auf Christus schauen. Danke, Gott, für viele solche überstandene Krisen.


25.) Petrus hat gesagt: „Geh weg von mir, denn ich bin ein Sünder.“ – Jesus ist nicht weggegangen. Das ist ein Trost, auch für den Priester und den Bischof.


26.) Arbeitsüberlastung? Stress? Für fast niemanden, der eine gewisse Verantwortung trägt, ist es leicht, die nötige Ausgewogenheit zwischen Arbeit und den anderen Bedürfnissen des Lebens zu erreichen. Jesus hat zu den Seinen gesagt: „Kommt mit mir an einen stillen Ort und ruht ein wenig aus“. Das beharrliche Festhalten an Zeiten des Gebetes, an der täglichen geistlichen Lektüre, auch an der regelmäßigen Einkehr war mir in diesen vergangenen 40 Jahren unerlässlich. Ohne sie hätte ich niemals durchhalten können. Die Erholung ist oft zu kurz gekommen, da war ich kein gutes Beispiel. Aber ich bin Jesus dankbar dafür, dass er mir bis jetzt eine eiserne Gesundheit geschenkt hat.


27.) Der Kaufmann, der eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte sie. – Es lohnt sich. Gott kann man nie übertreffen. Wenn man ihm etwas gibt, schenkt er einem viel mehr, als man ihm gegeben hat. Deo gratias!


28.) Gott und der Erfolg der Arbeit – eine schwierige Frage. Oft wird man im priesterlichen Dienst an das Wort des Evangeliums erinnert: „Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ Und doch entstehen Früchte, und zwar in der Regel so, dass man sich sagen muss: das habe nicht ich getan. Das hat Er getan. Oder: Viele haben dafür gebetet und so hat Gott es gewährt. Danke, guter Gott!


29.) Die christlichen Familien sind eine große Stütze, aber auch ein wichtiges Aufgabengebiet des Priesters. Sie brauchen sein Vorbild und seine priesterliche Wirksamkeit, er aber lernt viel von ihnen, denn auch eine christliche Familie setzt Großzügigkeit und Opfer voraus.


30.) Kinder und Jugendliche zu begleiten, das bedeutet heute eine besondere Herausforderung. Der Priester braucht gute Mitarbeiter, muss Talente entdecken, fördern und zum Einsatz bringen. Wir stehen heute vor manchen neuen Schwierigkeiten, es bieten sich aber auch ganz neue Chancen an.


31.) In Sorgen und Nöten ist der Priester Zuflucht und Beistand. Es gehört wesentlich zum priesterlichen Dienst, für die Menschen da zu sein. Es ist etwas Kostbares, wenn echtes Vertrauen entsteht, auch wenn es manchmal Belastung und Mühe mit sich bringt.


32.) Die Sorgen der Menschen vor Gott zu tragen, alle ihre Anstrengungen, Arbeiten, auch Leiden zusammen mit den Gaben von Brot und Wein auf den Altar zu legen mit der Bitte, dass sie durch und mit Christus in ein Gott wohlgefälliges Opfer verwandelt werden - das ist die wichtigste, die zentrale Arbeit des Priesters. Und eine wunderbare Pflicht!


33.) „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben.“ – Auch das gehört wesentlich zum Leben des Priesters: Den Leidenden und Sterbenden den Beistand und die Kraft Christi bringen; ihnen beistehen, damit sie getröstet und bestärkt die letzte Reise antreten und vielleicht noch zuvor manches oder alles in Ordnung bringen können. Es ist eine erhebende und heilige Pflicht, den Sterbenden wie auch ihren Angehörigen jene Hoffnung zu bringen, die nur der Glaube kennt.


34.) Ein großes Geschenk für den Priester ist es: überall dort, wo er längere Zeit wirkt, werden ihm tiefe freundschaftliche Beziehungen, persönliche Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen und Schicksalen zuteil. Das ist etwas Kostbares.


35.) Auch schwierige Phasen im Leben erkennt man später oft als etwas Wertvolles, manchmal vielleicht sogar als wertvoller als die einfachen Wegstrecken.


36.) Manchmal tut man jemandem weh, ohne es gewollt zu haben. Auch der Priester bedarf der Barmherzigkeit.


37.) Besonders schön ist es, wenn man sagen kann: mit diesem oder jenen habe ich mich versöhnt, er hat mir vergeben und ich habe ihm vergeben.


38.) Als Priester leben ist ein großes Abenteuer, und zwar ein göttliches und ein menschliches.


39.) Mit den Jahren häufen sich vor allem die Gründe zur Dankbarkeit.


40.) Paulus konnte schreiben: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet“. Wie schön ist es, wenn jemand das von sich sagen kann. Meinerseits kann ich nur auf die Barmherzigkeit des Herrn bauen und auf das Gebet meiner Mitchristen.