„Wenn es Frieden gibt, ist vieles möglich“

„Weitermachen ist sinnlos, aber aufhören ist noch sinnloser. Also machen wir weiter“ – so die tägliche „Überlebensstrategie“ der langjährigen engagierten Lepraärztin Ruth Pfau aus Pakistan bei einem Gespräch im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten. Im Gespräch mit ORF-Redakteur Christoph Riedl erzählt die engagierte Ärztin, wie sie vor 50 Jahren mit ihrer Arbeit in Pakistan begonnen hat. Sie wurde von ihrem Orden nach Indien geschickt, durfte aber vorerst nicht einreisen und musste auf das Visum warten. So saß sie in Pakistan fest. Eine Apothekerin hatte sie damals in ein Lepradorf mitgenommen. „Das war so ungemein schrecklich“, schildert Ruth Pfau. „Die gefühllosen Hände und Füße der Kranken wurden in der Nacht von Ratten angefressen, ohne dass diese es merkten“. Ruth Pfau beschloss spontan: „Da müssen wir uns etwas einfallen lassen“.


„Wir haben die Lepra in Griff“


Nach sechs Wochen waren die Fakten geschaffen – und der Orden beließ sie in Karachi. Ruth Pfau musste sich erst über die Leprakrankheit informieren und ausbilden lassen. „Bereits in unserer ersten Bretterhütte hatten wir über 1.000 Patienten“, sagt sie rückblickend. Über 50.000 Menschen wurden von dieser Krankheit geheilt. „Seit 1996 haben wir die Lepra in Griff“, kann sie nun verkünden. Doch Lepra lässt sich nicht völlig ausrotten. Die Okkupationszeit beträgt oft Jahrzehnte und so treten Jahr für Jahr immer noch 500 Fälle von Lepra auf, die bei Früherkennung heilbar sind.


„Wir müssen etwas gegen die Armut tun“


Angesprochen auf die derzeit dramatische politische Situation mit dem pakistanischen Militäreinsatz gegen die Taliban meint sie: „In 50 Jahren habe ich viel Auf und Ab erlebt. Doch diesmal ist es wirklich bedrohlich“. In Pakistan lasse sich kein Krieg gewinnen. „Wenn wir die Talibanisierung verhindern wollen, müssen wir etwas gegen die Armut tun“, ist sie überzeugt. Wir müssen den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen und helfen, die militärische Strategie in Hilfe umzuwandeln“. Allerdings würde die Bevölkerung durch Gewalt der Taliban und öffentliche Hinrichtungen massiv eingeschüchtert. Dennoch: „Wir dürfen nicht mit Waffen kämpfen, sondern müssen helfen, damit sich die Menschen entwickeln können“, ist die Devise von Ruth Pfau. Sie fügt noch hinzu „Dazu brauchen wir einen langen Atem“.
Die Menschen brauchen Recht auf Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, Recht auf Bildung, soziale Akzeptanz, Gesundheitsdienst und gleiche Chancen am Arbeitsmarkt, fordert sie.


Ein langer Weg zum Frieden


„Es ist ein langer Weg zum Frieden, aber irgendjemand muss ihn beginnen“. In diesem Zusammenhang lobte Ruth Pfau die bereits zehn Jahre bestehende enge Zusammenarbeit mit der Caritas St. Pölten, die spezielle Projekte unterstützt. So eine Entwicklungsprojekt für eine Hindu-Minderheit, die einst auf den Müllhalden lebte. Heute leben diese Menschen auf einem 3,2 Hektar großen Areal am Stadtrand von Karachi. Es gibt ein Ausbildungsprojekt und ein Ernährungsprogramm für Kinder.
Auf ihren größten Wunsch angesprochen, erklärte Ruth Pfau: „Frieden. Denn wenn es Frieden gibt, ist vieles möglich“