Stadtjubiläum St. Pölten: Symposion des Diözesanarchivs

Die niederösterreichische Landeshauptstadt St. Pölten feiert heuer ihr 850-Jahr-Jubiläum. 1159 verlieh Bischof Konrad II. von Passau den Bürgern von St. Pölten das erste Stadtrecht Österreichs. Dieses Ereignis stand im Mittelpunkt eines Symposions unter dem Titel "St. Pölten im Mittelalter. Historische und archäologische Spurensuche", zu dem das St. Pöltner Diözesanarchiv und die Stadt St. Pölten geladen hatten. Historiker und Archäologen diskutierten dabei insbesondere das Privileg Bischof Konrads II. an die St. Pöltner Bürger im Jahr 1159, das immer wieder als Begründung des Stadtrechts interpretiert wurde. Aus wissenschaftlicher Sicht bestehen demnach Zweifel, ob dieses Privileg als Grundlage des Stadtrechts ausreicht.
Das nur noch als Abschrift des Hochstifts Passau aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts erhaltene Privileg beinhaltet drei wesentliche juristische Bestimmungen, die auch in voll ausgebildeten Stadtrechten immer vorkommen. Durch das Privileg Konrads II. erhielt ein St. Pöltner Bürger, der sich vor Gericht zu verantworten hatte, das Recht, sich eines "Fürsprechers" zu bedienen. Er durfte zudem nicht gezwungen werden, sich einem Gottesurteil zu unterziehen, indem er etwa durch das Gehen auf glühenden Kohlen seine Unschuld bewies. Außerdem konnte ein St. Pöltner Bürger nur durch Aussagen von Mitbürgern, nicht durch jene von Fremden, überführt werden.


Anlass zu einer erneuten Diskussion der Interpretation des Privilegs als Grundlage für das St. Pöltner Stadtrecht ist den Teilnehmern des Symposions zufolge das Fehlen anderer wesentlicher Satzungen, die für ausformulierte Stadtrechte relevant und üblich waren und wie sie sich etwa in den Stadtrechten von Enns (1212) und Wien (1221) finden. Dazu gehören strafrechtliche Bestimmungen zur Sicherung des inneren Friedens, Regelungen zu Handel und Gewerbe oder zum Zusammenleben von Christen und Juden. Entsprechend kamen die Tagungsteilnehmer zu dem Ergebnis, dass das Privileg von 1159 aus wissenschaftlicher Sicht nicht ausreiche, um die Stadtrechte zu begründen.


Neben der Frage der historischen Beurteilung dieses Privilegs standen die Frühgeschichte von Stift und Stadt St. Pölten und deren Verbindung zu Bayern, konkret zum Benediktinerkloster Tegernsee und zur Diözese Passau, im Fokus der Referate und Diskussionen.


Referenten der Tagung waren der Wiener Diözesanarchivar Johann Weißensteiner, der ehemalige Passauer Bistumsarchivar und Vorsitzende der Bundeskonferenz der kirchlichen Archive in Deutschland, Herbert W. Wurster, der Wiener Historiker und ehemalige Wiener Stand- und Landesarchivar Prof. Peter Csendes, die Wiener Historikerin em.Prof. Heide Dienst, der Direktor des Linzer Nordico-Museums, Willibald Katzinger, der Archäologe Ronald Risy, der Grazer Archäologe Prof. Peter Scherrer, der Wiener Kunst- und Bauhistoriker Robert Kuttig sowie Fabian Kanz von der Medizinischen Universität Wien.
(KAP)


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