Predigt in der Heiligen Nacht 2009

Liebe Brüder und Schwestern! In dieser heiligen Nacht ist von uns ein Glaubensakt gefragt. Als Eröffnung der Messe in der Heiligen Nacht steht ein Vers aus dem Psalm 2: „Der Herr sprach zu mir: mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt.“ Der Prophet kündet uns die Geburt des Gottessohnes in der Zeit an: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf… Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende.“


Heinrich Schlier macht in seinen Betrachtungen über den Advent darauf aufmerksam, dass der Ruf der Kirche „Nahe ist der Herr“ nicht nur auf die zeitliche Nähe des Weihnachtsfestes hinweist, sondern zugleich die Auswirkung der Erlösung im Blick hat. Wer Christus begegnet ist, wer auf ihn hört, in wem sich seine Herrschaft, sein Reich entfaltet, erfährt in einer ganz persönlichen Art die Nähe des Herrn. Dieser gleiche Zusammenhang kommt durch das berühmte Wort des Angelus Silesius im Hinblick auf das Weihnachtsfest zum Ausdruck: „Und wäre er tausendmal zu Bethlehem geboren, aber nicht in dir, so wärst du doch verloren.“ Ein ähnliches Verständnis finden wir bei Meister Eckhart, der lehrt: “Er ist Mensch geworden, auf dass Gott in deiner Seele geboren werde und deine Seele in Gott.“


Als Folge erwacht Freude. So lesen wir beim Propheten: „Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe…“


Aber warum glauben so wenige? Und vielleicht müssten wir der Ehrlichkeit halber dieser Frage sogleich eine weitere anfügen: Warum ist mein Glaube so schwach?


Es darf nicht übersehen werden: Gott belässt den Menschen die Freiheit, auch nach seiner Menschwerdung, indem er im Verborgenen kommt. Das Zeichen, das den Hirten von den Engeln gegeben wird, ist nicht zwingend: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“


Gott kommt zudem total gewaltlos, nicht nur in der Stunde seiner Geburt. Es besteht die Möglichkeit, ihn aufzunehmen oder auch nicht.


Er kommt in einer Höhle zur Welt, weil „in der Herberge kein Platz war.“


Das war und ist ein Hauptproblem zu allen Zeiten, dass in den Herbergen anscheinend kein Platz ist. Sie sind voll ausgebucht und oft auch angeräumt; alle haben ihre Pläne und Vorhaben; jeder hat seine eigenen Vorstellungen, wie sein Glück sein soll; jeder versucht, sich sein eigenes Glück zu basteln. Es gibt ja auch so viele Angebote und Möglichkeiten. Da hat Gott oft keinen Platz. In letzter Zeit wollen sie sogar die Kreuze wegräumen, weil Kreuze anscheinend ihr Glück stören. Überhaupt, an einen Leidenden erinnert werden, das passt nicht. In unserer Zeit geht alles schmerzfrei, so meint man jedenfalls.


Die Herbergen sind voll geräumt mit vielen Dingen. Man braucht ja so vieles. Gott aber liebt die Armut. Einem, der ihm nachfolgen wollte, gab Jesus einmal die Antwort: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20). Er hat es außerdem schon vorausgesagt, dass sich Reiche mit dem Gottesreich besonders schwer tun.


Aber – so könnte ein Einwand lauten – da sind doch noch andere Probleme: die Schwächen der Kirche, die Schwächen ihrer Glieder, die Skandale, von denen man immer wieder hört; die Missstände, die es gegeben hat und gibt. Steht nicht das Licht, von dem der Prophet redet, wirklich unter dem Schemel? Wird es nicht häufig durch die Mängel der Christen, insbesondere der Amtsträger der Kirche fast zur Gänze verdeckt? Deswegen gehen doch viele weg …Dieser Einwand ist tatsächlich bedrängend und doch sollten wir uns gerade auf Grund dieses Einwandes erneut dem Weihnachtsgeheimnis zuwenden.


Ich habe sehr gerne ein Wort, das vom heiligen Hieronymus stammt: „Oh möchte es mir gestattet sein, jene Krippe zu sehen, in welcher der Herr einst lag! Jetzt haben wir Christen ehrenhalber die aus Lehm gefertigte Krippe entfernt und durch eine silberne ersetzt. Aber für mich ist jene, die man fortgeschafft hat, wertvoller. Die Heidenwelt erwirbt Gold und Silber; der christliche Glaube verdient jene Lehmkrippe. Der in dieser Krippe geboren ist, verschmäht Gold und Silber.


Ich verachte nicht jene, die der Ehre wegen die silberne Krippe aufgestellt haben, wie ich auch jene nicht verachte, die für den Tempel goldene Gefäße angefertigt haben. Aber ich bewundere den Herrn, der, obwohl Weltenschöpfer, nicht zwischen Gold und Silber, sondern auf Lehm geboren wurde.“


Diese gleichnishafte Rede des heiligen Hieronymus kann man einfach im Sinne von Liebe zur Armut deuten, es kann aber auch noch in einem anderen Sinn verstanden werden.


Manche kritisieren heute an der Kirche, insbesondere am römischen Lehramt, sie lehre Ideale, die für die Wenigsten erfüllbar seien. Die Kirche übersehe, dass sich die Gesellschaft gewandelt hat. Jene, die das behaupten, bedenken zuwenig, dass Christus nicht nur gekommen ist, um die Wahrheit zu verkünden, sondern um die Menschen zu erretten. Er kann überall geboren werden, auch in einer Krippe aus Lehm, auch in mir, der ich ein Sünder bin, in jedem Menschen, ganz gleich, was er getan hat, sofern er seine Geburt möchte. Auch in der Kirche und durch die Kirche kann er und wird er geboren auf den Altären und in den herzen der Menschen trotz ihrer Probleme und Schwächen. Das erspart uns weder persönlich noch gemeinsam die Notwendigkeit der Umkehr bzw. der Erneuerung. Er, Jesus, kennt sehr klare Worte so sagt er zu einigen, die ihn wegen der Bedeutung eines Unglücks gefragt hatten zum Beispiel: „Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr genauso umkommen“. Aber er lehrt auch, dass Gott ein Vater ist und dass er – Jesus – nicht gekommen ist, um zu richten, sondern zu retten.


Welche Folgerungen können wir aus dieser heiligen Nacht ziehen? Wichtig ist, dass wir aufmerken und wahrnehmen, wer da kommt: Es ist der Herr der Herrlichkeit, der Retter. Es wird notwendig sein, ihm in der Herberge Platz zu schaffen: vielleicht muss einiges entfernt werden, vielleicht ist eine Entrümpelung angebracht. Es kann auch angebracht sein, manches umzustellen, damit Gott die Mitte einnimmt. Sicher sollen wir ihm bitten: Erlöse mich, oh Herr. Befreie mich, oh Herr. Hilf mir, oh Herr.


Und werfen wir auch einen Blick auf Maria und Josef, die nicht von der Seite des Kindes weichen. Sie kennen nicht Sätze wie „meine Pläne“, „meine Vorstellungen“, „meine Rechte“. Ihr Leben gehört ganz Jesus, Gott und seinen Plänen. Bitten wir sie um ihre Fürsprache, damit Jesus bei uns Wohnung findet.