„Ohne Glauben ist kein Leben möglich“

„Ohne Vertrauen, ohne Glauben ist kein menschliches Leben möglich, weder in den persönlichen Beziehungen noch im Wirtschaftleben oder in der Politik“, erklärte der Münchner Jesuit P. Willi Lambert bei der Priesterstudientagung im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten. Unter dem Thema „Der Herr lässt Zeiten des Aufatmens kommen“ präsentierte der gefragte Exerzitienleiter und Buchautor „Leitlinien für eine Pastoral der spirituellen Lebendigkeit".
In der Politik gebe es „vertrauensbildende Maßnahmen“, und ein zentraler Begriff aus der Wirtschaft, Kredit, leite sich von „credo“ (lat. „ich glaube“) ab, so P. Lambert, der zehn Jahre lang als Spiritual am Germanicum in Rom wirkte. Vertrauen bedeute auch, „den Menschen etwas zu-trauen“. Diese Dimension des Glaubens müsse auch in den Pfarrgemeinden wachsen, betonte Lambert gegenüber den Priestern: „Ich muss nicht alles selber machen. In unseren Pfarrgemeinden wächst nur etwas, wenn wir auf das Wirken des Heiligen Geistes vertrauen.“


Der Glaube lade die christlichen Gemeinden auch zum Feiern ein, sagte Lambert: „Der Mensch ist nicht nur der homo sapiens, der verständige Mensch, sondern auch der homo ludens, der spielende Mensch.“ In Ritualen und Bräuchen könne der Mensch seine Existenz deuten und Beziehungen gestalten. Seelsorge dürfe nicht nur „unter Druck“ geschehen, warnte Lambert, sondern müsse sich Zeit nehmen, um das „Fest der Schöpfung, der Erlösung, der Hoffnung“ zu feiern. „Im Stand der Gnade“ zu sein könne heute – frei nach Peter Handke – „im Stand des Zeithabens“ bedeuten.


Sehnsucht nach Einheit von Glaube und Leben


Die wachsende Sehnsucht nach Spiritualität sei eine Sehnsucht nach der „Einheit von Glaube und Leben“, so Lambert. Christliches Leben sei von Anfang an als „Leben im Heiligen Geist“ verstanden worden. In diesem Sinne müsse Seelsorge „Animation, manchmal auch Reanimation“ sein. Lambert machte darauf aufmerksam, dass man Priester früher als „Geistliche“ bezeichnete: „Wir müssen uns fragen, ob unsere Seelsorge auch geistlich ist.“ In der Suche nach einem lebendigen Glauben, nach dem Geist des Betens und einer kontemplativen Daseinshaltung sowie in der „Kultivierung persönlicher Entscheidungen“ bewege sich Gottes Geist in unserem menschlichen Geist.


Eine wesentliche Sinnerfüllung erlebe der Mensch in seiner Proexistenz, in seinem „Dasein-für“, wie Lambert betonte. Eine Ausdrucksweise seien die vielfältigen Formen von Diakonie und Caritas. Andererseits stelle sich immer auch die Frage nach dem „Dasein-für“ im Leben des Einzelnen. Als die Apostel das Diakonat als „Dienst an den Tischen“ zur Entlastung ihres „Dienstes am Wort“ einführten, schafften sie sich zwar einen Freiraum, bewahrten jedoch die „samaritanische Dimension“ für die Gemeinde“.


Die Frage nach der Caritas im eigenen Leben führte Lambert zur „gelebten Communio-Spiritualität“, dem „Leben in Beziehung“. Alle zwischenmenschlichen Probleme ließen sich auch als Beziehungsschwierigkeiten bezeichnen, erklärte Lambert. Die Sehnsucht nach Beziehung sei für den Menschen fundamental. So verstünden sich jüdischer und christlicher Glaube als „Bund Gottes mit den Menschen und den Menschen untereinander“. Daher müsse es in den Pfarren Angebote für die „Einübung in Beziehungsfähigkeit“ geben: etwa in Jugendgruppen und Ehevorbereitungskursen, aber auch in Predigten.


Aus der „dialogischen Existenz“ des Menschen ergebe sich auch, dass „jeder Mensch missionarisch“ sei, wie Lambert betonte: „Er hat nicht nur eine Botschaft, sondern ist selbst eine, weil er von Gott geschaffen und ein Wort Gottes ist.“ Zur „Mission“ gehöre auch ein mitfühlendes Herz, das offen ist für den Hilferuf der Menschen, denen „wir anbieten dürfen, was uns weitergeholfen hat und vielleicht auch ihnen weiterhilft“. So könne die neue Diaspora-Situation der Kirche nicht nur Verunsicherung bringen, sondern auch eine Chance zur Glaubensvertiefung in sich tragen, zeigte sich P. Lambert überzeugt.