„Menschenwürde aus eigener Gesinnung respektieren“

„Wir respektieren die Menschenwürde anderer erst, wenn wir es aus eigener moralischer Gesinnung tun und nicht nur als Erfüllung einer Vorschrift.“ Dies betonte Univ. Prof. Dr. Herta Nagl-Docekal von der Philosophischen Fakultät der Universität Wien bei einem Vortrag zum Thema „Autonomie und Glück“ an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten. Der Vortrag fand im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum 60. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte statt.
Prof. Nagl-Docekal, Vollmitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, erläuterte die Bedeutung des „Kategorischen Imperativs“ Immanuel Kants für eine philosophische Konzeption der Menschenwürde. Demnach sei nur nach jener Maxime zu handeln, die auch ein allgemeines Gesetz werden könne. Diese ethische Richtlinie ermögliche eine „moralische Selbstgesetzgebung“, so Nagl-Docekal, die zu echter Autonomie – im Gegensatz zur Willkür – führe.


Um der Menschenwürde gerecht zu werden, sei es jedoch zu wenig, diese nicht zu verletzen, unterstrich Nagl-Docekal: „Sich dem Schmerz anderer zu stellen, macht erst die Achtung der Menschenwürde möglich.“ Das „Verbot“, andere Menschen nicht gegen ihren Willen zu instrumentalisieren, werde ergänzt und erweitert durch das „Gebot“, hilfsbedürftige Menschen in der Wahrnehmung ihrer eigenen Selbstbestimmung zu fördern. Kant fordere in seinem Werk „Die Metaphysik der Sitten“ die Glückseligkeit anderer zu unserem eigenen Glück zu machen. Nagl-Docekal: „Es ist unsere moralische Pflicht, fremde Glückseligkeit zu ermöglichen.“ Die Fokussierung auf das Glück der anderen bedeute nicht, die eigene Glückseligkeit aufzugeben. Es gehe jedoch um eine „Rangordnung der Motive“ des eigenen Handelns, führte Nagl-Docekal aus.