Megatrend Spiritualität – Herausforderung für die Pfarren

Die Spiritualität als heute weithin verbreitetes Erscheinungsbild in unserer Gesellschaft stand im Mittelpunkt des ersten Tages der Priesterstudientagung in St. Pölten, die bis Mittwoch, den 18. Februar dauert. Schon der Begriff Spiritualität artikuliere eine Sehnsucht des Menschen, die von der Kirche nicht preisgegeben werden dürfe, erklärte der Dozent für Spirituelle Theologie, Dr. Christoph Benke. Der Begriff der Spiritualität sei abendländisch-christlicher Herkunft und habe sich im deutschen Sprachraum erst ab Mitte vorigen Jahrhunderts eingebürgert. Heute habe Spiritualität die Religiosität weithin schon ersetzt, merkte Benke mit Bedauern an.
Für die christliche Spiritualität, die sich grundlegend von modernen Formen der Spiritualität unterscheide, seien vor allem die drei Elemente wichtig: Christus, Nachfolge und Communio. Jesus selbst lebte aus der jüdischen Spiritualität des Wortes, die weder Mystik noch besondern Kultdienst verlangte, erklärte der Theologe. Wesentlich sei vielmehr der Bezug zur Geschichte, wie es im Johannesevangelium ausgedrückt sei: das Wort ist Fleisch geworden. Darin liege auch der Bezug zum Konkreten Dasein und die Bindung der Spiritualität an die Geschichtlichkeit. Christliche Spiritualität sei daher immer auf eine bestimmte Situation bezogen, so Benke.


Spiritualität inmitten der Lebensbereiche


Auch die „Nachfolge“, so der Experte, sei nicht ein „innerer Weg der Seele“, sondern müsse sich ganz konkret im alltäglichen Rahmen zeigen. Spiritualität stehe daher inmitten der Lebensbereiche und bedeute Aufbruch. Die Nachfolge Jesu habe immer mit personaler Beziehung zu tun. Dieser Ruf zur Nachfolge gehe von Gott aus und wende sich den Menschen zu, weist Benke hin. Damit sei Gnade das wesentliche Fundament der christlichen Spiritualität, unterstrich er. Auch die Antwort des Menschen sei von dieser Gnade umfangen. Sie sei „nicht eine Nische für menschliche Bedürfnisse“, sondern lege das Augenmerk auf den ganzen Menschen. Christliche Spiritualität sei darüber hinaus nicht zuerst auf den Einzelnen ausgerichtet, sondern durch die Menschwerdung Gottes auf die ganze Gemeinschaft hin. So sei christliche Spiritualität nicht Kontemplation, sondern Schöpfung, die in die Nähe des Menschen und in die Welt hineinführe, unterstrich Benke.


Spiritualität ist herausgefordert


Die heutige moderne pluralistische Religionsphilosophie sehe im Religiösen einerseits verschieden geprägte Zeichensysteme und andererseits den mystischen Urgrund im Transzendenzbereich. Diese in der westlichen Gesellschaft populäre Sicht passe gut in die heutige globalisierte Welt, in der die Religionen in postmoderner Buntheit zur Folklore werden, sagte Benke. Auch ein unpersönliches Gottesbild sei heute für viele Menschen eher annehmbar als der biblische Gott, der als Subjekt und Person dem Menschen gegenüber tritt.
Entgegen dem Mainstream und seinem Einheitsdenken sei dieses Bild im Namen des freien Menschen und eines freien Gottes- und Menschenbildes zu kritisieren, führte Benke aus. Die Esoterik, die eine rein verinnerlichte Sicht der Spiritualität habe, hebe die einzelnen Religionen in einer Universalität auf. Im Gegensatz zu ihr stehen „exoterische“ Religionen, die in Riten erstarrt seien.
Man müsse sich fragen, ob die heutige Flucht vieler Menschen aus der Kirche und in die Esoterik ihren Grund nicht darin habe, dass der Glaube in der Kirche zu wenig verinnerlicht sei. Esoterik zähle heute zum Lebensprinzip der Moderne und sei eine Wohlfühlesoterik für die Massen einer Spaßgesellschaft. Alle diese Tendenzen hätten in ihrer Konzeption die Selbsterlösung, was Christen beunruhigen müsse.


Freikirchliche Strömungen auch in der Kirche


Für Benke ist heute ein wachsender Einfluss pfingstlerischer und freikirchlicher Bewegungen auch in der Kirche wahrzunehmen, vor allem, wo sich die Kirche in Events und vor allem mit Musik präsentiert. Dahinter stehe oft das Etikett „ökumenisch“. So seien, wie Benke sagte, einst als „religiöse Sondergemeinschaften“ bezeichnete Gruppen zu Partnern geworden. Es sei aber zu bezweifeln, so der Referent, dass sich die ecclesiologischen Differenzen auf die Dauer ausklammern lassen.
Viele Erneuerungsbewegungen seien bereits vor dem zweiten Vatikanum in der Kirche entstanden und bildeten die Motivation für das Engagement vieler Laien. Aber es gebe auch Schwachstellen, wies Benke hin. So sei etwa das Verhältnis zu den Ortskirchen spannungsgeladen oder diese Gruppen führen ein Eigenleben ohne die Ortskirche. Viele würden für ihren Weg einen latenten Absolutheitsanspruch erheben, und auch Defizite in der Reflexion ihres eigenen Glaubensweges zeigen.
Zusammenfassend erklärte Benke bildhaft, dass die Kirche wie ein Kreis von Menschen sei, die mit dem Finger von sich weg auf die eigentliche Mitte weisen: „Je mehr wir Pluralität wir zulassen, umso umfassender tritt die eigentliche Mitte heraus“. Glaubende Gemeinschaften würden von sich weg auf die Mitte hin verweisen.