Kirchenglocken in aller Welt läuten am Sonntag für den Klimaschutz

Die christlichen Kirchen in aller Welt erhöhen den Druck auf die politischen Entscheidungsträger beim UN-Weltklimagipfel in Kopenhagen. Auf Anregung des Weltkirchenrats (ÖRK) werden am kommenden Sonntag, 13. Dezember, weltweit um 15 Uhr Ortszeit die Kirchenglocken für den Klimaschutz erklingen. Beginnend von den Fidschi-Inseln im Südpazifik soll sich so der kirchliche Appell für ein faires und effizientes Klimaabkommen über die ganze Welt ausbreiten.
Auch in Österreich werden 350 Glockenschläge von vielen Kirchtürmen Erklingen. In der Diözese St. Pölten haben sich bis jetzt 44 Pfarrkirchen für die Aktion offiziell angemeldet. Die Zahl 350 bezieht sich auf 350 ppm (Teilchen pro Million): Dies ist nach Ansicht vieler Wissenschaftler die Höchstgrenze für eine ungefährliche Kohlendioxid-Konzentration in der Erdatmosphäre. Bis vor rund 200 Jahren belief sich der CO2-Anteil in der Atmosphäre auf 275 ppm, mittlerweile hat er aber bereits einen Wert von 390 ppm erreicht.


"Glocken, die außerhalb der normalen Zeiten läuten, weisen auf drohende Gefahr hin", erklärte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, der evangelisch-lutherische Altbischof Herwig Sturm, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien: "Dass der Klimawandel zu diesen drohenden Gefahren an allererster Stelle gehört, ist den Menschen bewusst. Die Glocken sollen noch einmal sagen: Jetzt aber bitte hören".


Mit dem Glockengeläut wolle man an die Politiker weltweit appellieren und gleichzeitig die Bereitschaft vieler Christen signalisieren, bei der notwendigen Veränderung der Welt mitzumachen, sagte Sturm: "Es geht um einen ökologischen Lebensstil und globale Gerechtigkeit - beides ist notwendig". Jeder einzelne könne etwas gegen den Klimawandel tun, erinnerte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates: "Nicht das Klima darf sich erwärmen, sondern unsere Herzen müssen sich erwärmen für diese Welt und für ihre Bewahrung".


Der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura betonte, dass jetzt konkrete Maßnahmen für die Bewahrung der Schöpfung notwendig sind. "Ein Grund der ökologischen Krise ist die Sünde des Menschen", sagte Dura, der am 1. Jänner den Vorsitz im Ökumenischen Rat der Kirchen übernehmen wird. Die Menschen müssten Buße tun und ihr Denken und Verhalten radikal umkehren. Dura rief dazu auf, die Umwelt wieder stärker als Gabe Gottes an alle Menschen zu betrachten: "Die Natur gehört nicht uns allein, sie ist ein Geschenk auch an unsere Nachkommen".


Kirchen nehmen Industrieländer in die Pflicht


In Kopenhagen findet am Sonntag ein großer ökumenischer Gottesdienst im Dom von Kopenhagen statt. Die Predigt hält dabei der Ehrenprimas der anglikanischen Kirche, Erzbischof Rowan Williams. Teilnehmer sind unter anderen die dänische Königin Margarethe II., der Generalsekretär des Weltkirchenrates, Pfarrer Samuel Kobia, und der Friedensnobelpreisträger und anglikanische Alterzbischof Desmond Tutu. Um 15 Uhr werden im Rahmen der Feier auch in Kopenhagen die Kirchenglocken läuten. Alterzbischof Tutu übergibt zudem am Sonntagvormittag eine Liste mit mehr als einer halben Million Unterschriften für Klimagerechtigkeit an den Chef des UN-Klimasekretariats Yvo de Boer.


Kirchen, Kirchenvertreter und kirchliche Hilfswerke sind beim Gipfel in Kopenhagen vertreten. Sie verlangten bereits vor der Konferenz eine gerechte Lösung für die Folgen des Klimawandels. Dazu gehöre etwa, dass die Industrieländer ihrer Verantwortung gerecht werden und die stark von Umweltveränderungen betroffenen Entwicklungsländer bei der Bewältigung ihrer Probleme unterstützen.


Auch der Heilige Stuhl hat eine sechsköpfige Delegation nach Kopenhagen geschickt. Papst Benedikt XVI. rief vor Beginn des Gipfels alle Menschen zu einem maßvollen und verantwortungsvollen Lebensstil auf. Das gelte vor allem mit Blick auf die Armen und die künftigen Generationen. Er erwarte von der Konferenz wirksame Maßnahmen zum Schutz der Schöpfung und für eine solidarische Entwicklung; diese Maßnahmen sollten auf der Menschenwürde gründen und auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein.


Entwicklungsländer leiden am meisten


Die bisher "zu wenig ambitionierten und zukunftsorientierten" Ziele der Industrieländer zur Reduktion der Treibgasemissionen und der Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen in Entwicklungsländern beim Gipfel in Kopenhagen kritisierte am Donnerstag die "Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Mission und Entwicklung" (KOO).


"Menschen in Entwicklungsländern leiden bereits jetzt unter den Auswirkungen des Klimawandels", erinnerte der KOO-Vorsitzende, der Linzer Bischof Ludwig Schwarz: "Wir erwarten, dass die Entscheidungsträger in Kopenhagen die Bedürfnisse der Menschen in Entwicklungsländern berücksichtigen".


Die Koordinatorin der Kampagne "Klima fair bessern!", Josefa Molitor-Ruckenbauer, verwies noch einmal auf die mehr als 20.000 Unterstützungserklärungen für Klimagerechtigkeit, die "Klima fair bessern" in den vergangenen Wochen in der österreichischen Bevölkerung gesammelt und vor Beginn des Klimagipfels an Umweltminister Nikolaus Berlakovich übergeben hat: "Diese Unterschriften zeigen den Wunsch der Österreicher nach einem fairen Abkommen. Leider scheint dieser Wunsch in der Politik noch nicht angekommen zu sein".
(kap/dsp)