„Kirche soll in sozialen Fragen stärker auftreten“

Sich für die ökosoziale Marktwirtschaft einzusetzen und internationale Netzwerke zu bilden sei für die Gewerkschaften und katholischen Arbeitnehmerbewegungen in Zukunft gefordert, betonte Buchautor Prof. Hans Ströbitzer beim Podiumsgespräch 3. Dezember im Bildungshaus St. Hippolyt über „Soziale Gerechtigkeit und christliche Solidarität“. Ströbitzer stellte im Rahmen des Diskussionsabends auch sein neuestes Werk über die Geschichte der Christlichen Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsbewegung vor.


Kirche spielte "keine gute Rolle"


Unternehmer DI Rudolf Svoboda von der Vereinigung Christlicher Unternehmer kritisierte, dass die Kirche in den vergangenen Jahrzehnten in Wirtschaftsfragen „keine gute Rolle gespielt“ habe und von der heutigen Wirtschaft wenig verstehe. Er vermisse den Brückenschlag zwischen Unternehmern und Arbeitnehmer, denn: „Wir arbeiten nicht gegeneinander, sondern sind eng zusammengeschweißt“. Svoboda verwies auf die gemeinsamen Gespräche und Initiativen, die es in der Diözese von der Vereinigung Christlicher Unternehmer (VCU) mit der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) unter dem einstigen „Arbeiterpriester“ und späteren Direktor des Pastoralamtes, Prälat Florian Zimmel gab. Zur aktuellen wirtschaftlichen Situation meinte Svoboda, man brauche neue und andere Regeln, ein freier Handel werde nicht funktionieren.
Erwin Burghofer von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung fehlte ebenso die stärkere Präsenz der Kirche in der Arbeiterschaft. Er räumte jedoch ein, dass sie „bisweilen mutig in den Worten“ sei. Zur aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise haben kirchliche Vertreter bisher jedoch geschwiegen, bedauerte er. Lediglich Bischof Klaus Küng habe am 1. Mai in einem Hirtenwort Stellung bezogen. Derartige Worte zu aktuellen Problemen seien öfter wünschenswert, sagte er.


Stärkeres Engagement gefordert


Als „Schande für die Gesellschaft“ bezeichnete Christgewerkschafter Alfred Schöls die Tatsache, dass es heute noch immer Unterschiede in der Bezahlung von Männern und Frauen gebe. Über alle Parteigrenzen hinweg würde in den Gewerkschaften vehement eine gerechte Verteilung der Güter gefordert. Schöls sprach sich ebenfalls für ein „stärkeres Engagement der Kirche in sozialen Fragen“ aus.
Hans Ströbitzer betonte, dass die Wirtschaft heute vornehmlich von großen Konzernen beherrscht werde und kleine bis mittlere Unternehmer zunehmend unter Druck geraten. Immer wieder haben Bischöfe und kirchliche Vertreter in Vergangenheit und Gegenwart ihre Stimme gegen Monopolismen erhoben. Ströbitzer verwies unter anderen auf den St. Pöltner Theologieprofessor Joseph Scheicher um 1880, der den Klerus vehement aufgefordert habe, sich zu bemühen, die christliche Sozialpolitik zu verstehen. Er habe jedoch eingeräumt, dass viele Priester aus einem anderen Milieu kommen und daher nur schwer Verständnis aufbringen konnten.


Christliche Arbeiterbewegung


Vorangegangen war die Vorstellung des Buches „Christliche Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsbewegung im Spiegel der Zeit“ von Prof. Hans Ströbitzer. In einem weiten Bogen führte Ing. Karl Priplata durch das neu erschienene Werk und ließ kurz auch die Grundaussagen der Autoren zitieren.
Tief in die Geschichte und Entwicklung der sozialen Frage der Kirche führt Prof. Hans Ströbitzer den Leser seines Buches. „Christliche Arbeitnehmerbewegung muss stets eine Art soziales Gewissen der Gesellschaft sein und neben den pragmatischen Interessen der Standesgruppe auch das allgemeine Wohl im Auge haben“, resümiert Ströbitzer in seinem Werk.


Der Autor spannt den Bogen von den Gesellenverbänden und –bruderschaften Ende des 15. Jahrhunderts über die soziale Frage in der Zweit der industriellen Revolution mit der Verelendung der Menschen bis hinein in die Gegenwart. Dabei sind auch die gewerkschaftlichen und kirchlichen Aktivitäten in den Diözesen St. Pölten und Wien berücksichtigt, etwa Initiativen für das Grenzland oder die Kooperationen von KAB und FCG. Die Sozialschreiben der Päpste und das vieldiskutierte ökumenische Sozialwort der Kirchen Mitte der 90-er Jahre mit einer Reihe neuer Ansätze in der sozialen Frage rundet das Werk ab.
Ergänzt wird das Buch durch Geleitworte von Landeshauptmann Erwin Pröll, Kardinal Christoph Schönborn und FCG-Bundesvorsitzenden Norbert Schnedl sowie Beiträge von Bischof Klaus Küng, Alfred Schöls, KAB-Vorsitzenden Anton Liedlbauer und anderen in der Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsbewegung engagierter Personen.


Das Buch ist im Residenzverlag (mit der ISBN-Nummer 978-3-7017-3177-0) erschienen und kann im Buchhandel wie auch beim Behelfsdienst der Diözese St. Pölten, Klostergasse 15, Tel 02742/324-3315 bzw. über mail: bezogen werden.