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Kinder brauchen Familie

Dramatische Entwicklungen sieht die Familienexpertin und Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger auf die Gesellschaft zukommen. Bei einem Vortrag im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Katholischen Familienverbandes der Diözese St. Pölten am 17. Oktober in Eggenburg betonte sie, Kinder brauchen in erster Linie all das, was eine Familie biete. Doch diese sei heute in Bedrängnis geraten. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger warnte vor den noch nicht absehbaren Folgen, wenn die Familie ihren Erziehungsaufgaben nicht mehr nachkomme. Es gebe heute zu wenig Orientierungshilfe, wie man seine Kinder am besten erziehen und fit fürs Leben machen soll, sagte sie. "Durch die gesellschaftlichen Anforderungen der Globalisierung, die neuen Medien und die hohen Scheidungsraten fühlen sich Erziehende zunehmend alleingelassen", stellte Leibovici-Mühlberger fest. Eltern können auch nicht auf die alten Handlungsmuster, die sie selbst in ihrer Erziehung erlebt haben, zurückgreifen. Die funktioniere nicht mehr, da wir heute in einer Welt leben, die von wechselseitigen Abhängigkeiten extrem durchdrungenen sei.


Eltern heute verunsichert


Ebenso habe sich die Demokratisierungswelle in der Pädagogik niedergeschlagen und eine Unsicherheit gebracht, was Grenzsetzungen anbelange und Disziplin bedeute, sagt die Psychotherapeutin. Das verunsichere die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder. „Ein Kind kann man nie zu viel lieben. Aber ein Kind braucht auch seinem Alter entsprechend Grenzen“, so die Familienexpertin.
Leibovici-Mühlberger wies strikt zurück, dass die Eltern schuld an der heutigen Misere seien. Vielmehr habe sich das immer komplexer werdende Umfeld gewandelt, wodurch der Erziehungsauftrag nun schwerer zu erfüllen sei.
Fatal sei es, so Leibovici-Mühlberger weiter, wenn neoliberale Marktgesetze auf den emotionalen Bereich der Familie angewandt werden. Beziehungsmuster würden unorganisiert ausgerichtet, Partner wie Objekte behandelt und einfach „entsorgt“ oder gewechselt. Stabilität und Kontinuität einer Familie sinke, während die Individualität steigt. Dies habe Auswirkungen auf die Erfahrung der Kinder, der Entscheidungsträger von Morgen.


Stabile Bezugsperson


Leibovici sprach sich nicht gegen außerhäusliche Betreuung aus, wohl aber gegen eine Kleinkindbetreuung, wie sie derzeit üblich sei. Kinder bräuchten eine stabile Bezugsperson, was gewährleistet sein müsse, sagte sie. Ansonsten wären zunehmende Kriminalität und aggressives Verhalten die Folgen. Bereits heute zeigen 15 Prozent der Kinder verhaltensauffälliges Verhalten, was darauf zurückzuführen sei.
Durch die Einführung des Gratiskindergartens sei derzeit ein hoher Bedarf an Betreuungskapazitäten entstanden. Der Kindergarten brauche dringend Fachkräfte, denn die Frühkind-Periode sei für die psychosozialen Fähigkeiten und die Entwicklung von Kompetenzen maßgeblich.
Ziel sollte es daher sein, rasch Verbesserungen durchzuführen. Dafür brauche es ein politisches Bekenntnis und die Bereitschaft, mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Das sollten uns aber die Kinder Wert sein, merkte die Expertin an. Was man früher an familiären Kompensationsmechanismen gehabt hat, gebe es heute kaum mehr. Doppelte Berufstätigkeit und der Kindergarten als ganztägige Unterbringung bewirken eine neue Situation.