Jüdisches Paulusbild als „Spiegel“ für Christen

„Seit den Verbrechen des NS-Regimes wird sich die Kirche ihrer Mitschuld am Antisemitismus, aber auch ihrer eigenen jüdischen Wurzeln bewusst“, erklärte Dr. Josef Pichler bei einem Paulus-Seminar zum „Tag des Judentums“ im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten. Die neuen Perspektiven der jüdischen Paulus-Interpretation seien auch für Christen „als Spiegel“ wichtig, betonte Pichler, Professor für Neues Testament in St. Pölten und Graz. So könnten „pathologische Deformationen“ im Paulusbild, wie etwa die Überbetonung hellenistischer Einflüsse, korrigiert werden: „Paulus hat zu keiner Zeit seine Zugehörigkeit zum Judentum infrage gestellt.“
Die Kirchen in Österreich feierten heuer zum 10. Mal den 17. Jänner als „Tag des Judentums“. Das Christentum ist in seinem Selbstverständnis wesentlich mit dem Judentum verbunden. Damit dies den Christen immer deutlicher bewusst wird, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) den 17. Jänner als Gedenktag im Kirchenjahr eingeführt. In St. Pölten fand ein Seminar zum Thema „Paulus: Mensch und Denker der Zeitenwende“ statt. „Paulus ist in seiner Person selbst Bindeglied zwischen jüdischer Tradition und dem neuen Weg des Christentums“, so P. Dr. Gottfried Glassner, Professor für Altes Testament in St. Pölten. Diesem Aspekt wurde in der Lektüre ausgewählter Texte jüdischer Autoren – Pinchas Lapide, Franz Werfel, Shalom ben Charin und Daniel Schwartz – nachgegangen.


Prof. Pichler wies auf einen Paradigmenwechsel in der jüdischen Paulusauslegung hin: „Jüdische Exegeten würdigen stärker die jüdischen Wurzeln der paulinischen Theologie als früher.“ So werde Paulus als „wichtiger Faktor“ der jüdischen Religionsgeschichte bewertet. Dieser neuen Perspektive verdanke auch das Christentum ein neues Paulusbild, betonte Pichler, wie auch eine differenziertere Sicht auf die Vielfalt jüdischer Traditionen damals und heute. Als Konsequenz müssten sich die christlichen Kirchen vom traditionellen Bild des Judentums als „selbstgerechte Gesetzesreligion“ verabschieden.


Paulus selbst sei stets gegen jede Überheblichkeit gegenüber dem jüdischen Glauben eingetreten, führte Superintendent Mag. Paul Weiland in seinem Referat über die Rechtfertigungslehre aus. „Paulus sieht den Weg der Juden und den der Heidenchristen als parallele Wege“, so Weiland. Der Heidenapostel sehe in der Erwählung des Volkes Israel auch einen Weg zum Heil. „Wir tun gut daran, in die vertrauensvolle Sicht des Paulus auf die Heilsgewissheit Israels einzustimmen“, ergänzte Prof. Pichler.


Foto: Dr. Josef Pichler, P. Dr. Gottfried Glassner, Pfarrerin Mag. Baukje Leitner-Pijl, Superintendent Mag. Paul Weiland