Interview im News über die Situation der Kirche

BISCHOF KLAUS KÜNG über den neuen Weihbischof von Linz, über Österreichs Kirchenkurs und zur Piusbruderschaft in St. Pölten.


NEWS: Exzellenz, zur Bestellung des Linzer Weihbischofs Wagner. Kardinal Schönborn war überrascht, der Grazer Bischof Kapellari sagte hingegen, Österreichs Bischöfe seien wohlinformiert gewesen. Was stimmt?


Küng: Bei jeder Bischofsbestellung gibt es im Vorfeld umfangreiche Befragungen durch den Nuntius. Bischof Kapellari hat sich sehr richtig ausgedrückt - es ist ein offenes Geheimnis, dass bei dieser Bischofsbestellung lange überlegt wurde, sicher mit Einbeziehung des Bischofs von Linz und anderen.


NEWS: Was erneut größte Unruhe in der Kirche auslöst.


Küng: Sicher, bei dieser Bestellung handelte es sich um eine schwierige Frage. Es ist auch völlig richtig, davon auszugehen, und das kann ich persönlich voll bestätigen, dass Papst Benedikt XVI. ein absoluter Kenner der Geschichte, der Vorgänge und der Personen in Österreich wie kein anderer im Vatikan ist. Er weiß genau Bescheid, kennt die Details. Natürlich, das ist jetzt eine schwierige Lage, eine große Herausforderung auch für den neu ernannten Weihbischof selbst, für alle in der Diözese Linz. Der Papst hat sich's sicher nicht leicht gemacht, und ihm war sicher auch bewusst, dass das alles nicht einfach sein wird.


NEWS: Wohin geht die Kirche Österreichs? Weiter in der milden progressiven Richtung, oder wird das Rad zurückgedreht?


Küng: Polarisierungen hat es immer wieder gegeben, gerade in Linz. Manchmal waren es gewaltige, eigentlich furchtbare Auseinandersetzungen, zum Teil mit sehr groben verbalen Angriffen. Dabei geht es allen beteiligten Personen, früher wie heute, um das Wohl der Kirche, daher ist es schwer verständlich, warum die Kämpfe so rau sind.
Vielleicht, weil jeder den Eindruck hat, der andere zerstöre. Dazu kommen gesellschaftliche Entwicklungen mit bestimmten Trends, die oft zur Meinung verführen: Wenn wir uns diesen nicht anpassen, laufen uns die Gläubigen davon. Aber die Kirche hat nicht die Aufgabe, der Mehrheit Recht zu geben, sondern das Evangelium zu vermitteln. Dabei wacht das kirchliche Lehramt darüber, dass die Vermittlung authentisch bleibt.


NEWS: Nochmals, wohin geht Österreichs Kirche? Zurück ins strikt Konservative?


Küng: Wir befinden uns in einem Ringen, das in Papst Benedikt einen starken Halt hat, nämlich das Ringen um Tiefe, um das Wesentliche. Die Kirche und jeder einzelne Christ ist gefordert, sich zu fragen: Worauf kommt es eigentlich an? Was trägt mich? Wohin geht der Weg? In St. Pölten sind wir uns dabei in den vergangenen Jahren näher gekommen, das würde ich auch der Diözese Linz sehr wünschen.


NEWS: Wird die Kirche Österreichs durch die Bestellung Wagners, der als erzkonservativ gilt, im Blick auf vier weitere bevorstehende Bischofsbestellungen in den nächsten Jahren nicht auf einen solchen Kurs gezwungen?


Küng: Unser Weg geht immer vorwärts, nicht rückwärts. Dabei gibt es Wahrheiten und Wirklichkeiten, die tragend sind. Gott ruft uns in den heutigen Verhältnissen, mit den vorhandenen Realitäten. Echtes Christentum muss beide Komponenten beinhalten. Darum sind die Auseinandersetzungen, wie wir sie erleben, gut und wichtig, indem wir den Weg immer wieder hinterfragen, ob er gut oder nicht so gut ist. Wir müssen versuchen, Antworten zu geben auf unsere Zeit.


NEWS: Gelingt das der Kirche Österreichs denn wirklich, etwa in Sozialfragen, in tagespolitisch-gesellschaftlichen Fragen?


Küng: Ich denke schon, dass wir da aufwachen sollten! Andererseits hat die Kirche Sorge zu tragen, dass ihre Verkündigung eine klare Identität hat.


NEWS: Die nicht geklärt zu sein scheint zwischen Progressiven und Konservativen.


Küng: Die Frage geht tiefer. Eine ganz große Schwierigkeit besteht heute darin, dass der Umbruch von einer Volkskirche in die neue Situation eines Pluralismus der Einstellungen - wo zwar immer noch ein Großteil getauft ist, aber nur ein kleiner Teil wirklich praktiziert - noch nicht wirklich verkraftet ist. Der Gläubigenmangel führt zur großen Erschwernis, den Glauben weiterzugeben, in den Schulen, in den Pfarren, da den Kindern in der Familie oft jeder Rückhalt fehlt. Da haben wir den Weg noch nicht gefunden. Dazu kommt noch der Priestermangel, der eine Folge des Gläubigenmangels ist.


NEWS: Der Glaube verdunste in Europa, sagt der Papst, sagt auch Kardinal Schönborn.


Küng: Richtig. Ich habe oft den Eindruck, dass viele nicht mehr wissen, worum es eigentlich geht - zu Weihnachten, zu Ostern, gar nicht zu reden von Pfingsten. Das sind unsere eigentlichen Probleme. Da stehen wir eher erst am Anfang, dem in geeigneter Weise zu begegnen.


NEWS: Die Weihbischof-Ernennung in Linz wird mit der Causa Krenn seinerzeit in St. Pölten verglichen. Vom Protest her.


Küng: Sicher besteht jetzt erneut die Gefahr einer sehr schädlichen Polarisierung. Ich richte den Appell an alle Beteiligten, alles zu tun, um das zu vermeiden. Schaut doch, dass der Dialog konstruktiv wird!


NEWS: Sie selbst kamen als Sanierer in die Diözese St. Pölten. Neuerlich dürfte Krisenmanagement auf Sie zukommen, denn die jetzt so umstrittene Piusbruderschaft hat mitten in Ihrer Diözese, im Jaidhof bei Gföhl im Waldviertel, ihren "Distriktssitz". Was werden Sie tun?


Küng: Die Bruderschaft hier hat mit mir noch nicht das Gespräch gesucht. In Feldkirch, wo gar nicht weit entfernt das wahrscheinlich größte Zentrum der Lefebvrianer ist, hatte ich mehrere Kontakte. Dort gab es mehrere schmerzhafte Entscheidungen meinerseits, weil ich ihnen z. B. nicht erlaubt habe, Trauungen durchzuführen.


NEWS: Haben Sie der Bruderschaft im Jaidhof schon etwas verboten?


Küng: Eigentlich hatten wir bis jetzt keinen Berührungspunkt. Vom Jaidhof habe ich nur durch andere und mehr oder weniger durch Zufall Kenntnis erhalten. Ich war noch nie dort. Das wird sich früher oder später sicherlich ergeben.


NEWS: Dort sind Priester am Werk, heißt es, die gemäß kanonischem Recht doch außerhalb der katholischen Kirche stehen...


Küng: Jetzt ist abzuwarten, ob es zur vollen Einheit mit der Kirche kommt. Wenn sie begännen, Erklärungen abzugeben, oder Handlungen zu setzen, mit denen ich nicht einverstanden bin, dann würde ich sicherlich aktiv werden.


NEWS: Die Piusbruderschaft, heißt es, sei sehr reaktionär-konservativ, die sagt, in Rom säßen mit dem Papst und der Vatikan-Hierarchie die wahren Häretiker, daher müssten sie als die wahren Christen dort aufräumen. Haben Sie da als Diözesanbischof, als verlängerter Arm des Papstes, nicht einzuschreiten?


Küng: Bis jetzt habe ich dazu keinen Auftrag. Ich sage immer, die Kirche ist wie ein breiter Weg, vergleichbar mit einer Autobahn, die drei oder sechs Spuren hat, wo einer mehr rechts, der andere mehr links fährt. Aber es gibt Randsteine und Leitschienen, die man beachten muss, sonst gibt's Crash.
Ich weiß wohl, dass es sowohl "rechts" wie "links" Personen gibt, die nicht auf dem Weg bleiben und unbedingt jenseits der Grenzsteine fahren wollen. Das Gespräch mit ihnen ist sehr mühsam, weil sie den Papst nicht anerkennen und auch den Bischof nicht. Es ist ein Problem, wenn sie die Autorität der Kirche nicht anerkennen. Grade deshalb ist das Thema ja so brisant.


NEWS: Haben Sie also schon wieder einen Krisenfall in der Diözese St. Pölten?


Küng: Unser Leben ist immer wieder behaftet mit Krisen. Ja, das mit den Konflikten, das gebe ich zu, ist oft sehr schwer, mühsam, das braucht Geduld ...


NEWS: Das klingt erstaunlich milde, gerade aus Ihrem Mund, von Ihnen als einstigem Opus-Dei-Generalvikar - einer katholischen Truppe, die als besonders strikt und hart gilt. Fürchten Sie denn nicht, dass der Jaidhof zu einer neuerlichen Polarisierung in Ihrer Diözese führt?


Küng: Ich werde alles tun, das nun herrschende positive Gesprächsklima, das wir in St. Pölten haben, durch nichts und niemanden stören zu lassen! Ich werde alles tun, um für Ordnung zu sorgen! Aber ich werde zugleich dafür Sorge tragen, dass wir in Liebe zueinander vorgehen, das schließt auch ein, dass man dem einen oder anderen sagt: So geht das nicht! Ich bin auch bereit, jedem die Hand zu reichen. Der Papst ist es doch gewesen, der seine Hand den Piusbrüdern entgegengestreckt hat.


NEWS: Diese müssen jetzt, nach der Zurücknahme der Exkommunikation, von ihren Ansichten abzurücken. Kann es sein, dass Sie der Papst von Amts wegen auffordert, im Jaidhof im Waldviertel tätig zu werden?


Küng: Dazu bin ich selbstverständlich bereit. Wir sind aber noch nicht so weit. Das bestehende Schisma ist durch die Aufhebung der Exkommunikation ja nicht behoben. Dadurch ist ja nur der Schranken hochgegangen, um ein Gespräch beginnen zu können.
Die Ampel ist sozusagen von Rot auf Gelb geschaltet worden. Ob die Piusbruderschaft nun bereit ist, sich mit der Kirche wirklich auszusöhnen, wird sich zeigen.
Die aktuelle Diskussion wird das alles aber erschweren.


NEWS: Also Bischof Küng bald erneut als diözesaner Krisenmanager wieder im Einsatz?


Küng: Es gehört zu den wichtigen Aufgaben jedes Bischofs, sehr oft Kontaktmanagement betreiben zu müssen.