Gedanken zum Tag auf Ö1 in der Woche vor Pfingsten 2009

Montag, 25. Mai:
Blühen und Wurzeln


In den letzten Wochen wurden wir in Österreich Augenzeugen einer „Explosion“. In diesem Jahr war es sehr lange kalt, und dann ist es plötzlich ganz warm geworden. Innerhalb von wenigen Tagen schoss das Grün aus den Bäumen. Sträucher grünten und blühten. Ganze Landschaften wurden wie mit einem Zauberstab verwandelt! Eine grüne und blühende Explosion von Lebendigkeit.
Wir alle wissen: für die Bäume ist etwas ganz wichtig, was man nicht oder fast nicht sieht: die Wurzeln. Von den Wurzeln kommen Wasser und Nährstoffe.
Immer schon sind Bäume Sinnbild für das menschliche Leben.
Bleiben wir bei den Wurzeln. Nach christlicher Überzeugung haben wir Menschen tiefe Wurzeln. Sie reichen weit hinunter, bis in die Ewigkeit. Wir verdanken unser Leben nicht nur unseren biologischen Eltern, sondern einer Entscheidung Gottes: Gott will, dass ich lebe. Deswegen lebe ich. Die Wurzeln meines Lebens reichen tief hinunter bis in die Ewigkeit.
Wenn ich am heutigen Tag einen grünen Zweig, einen blühenden Strauch oder einen Baum sehe: Wie viel Lebendigkeit steckt noch in mir, wie viel Gutes?! Stehe ich in guter Verbindung zu meinen Wurzeln?
Zur Erinnerung: Die Wurzeln meines Lebens reichen tief hinab, bis in die Ewigkeit Gottes!


Dienstag, 26. Mai:
Atmen


Unser Körper ist ein Wunderwerk. Vieles funktioniert wie von allein, ohne dass wir daran denken. Vieles fällt uns erst auf, wenn eine Kleinigkeit nicht funktioniert. Ein Beispiel: Atmen.
Tagelang, ja wochenlang, denken wir gar nicht daran, es geschieht ganz von selbst. Wann haben Sie das letzte Mal ans Atmen gedacht? Manche Menschen denken sehr wohl daran: Atemnot, Lungenprobleme, Verkühlung, Bronchitis? – endlich wieder frei atmen!
Ein alter Spruch: Wir atmen, wie wir leben. Und: wir leben, wie wir atmen.
Viele sind unter Druck, hektisch. Kurzatmig. Einmal, zweimal tief durchatmen – und die Welt sieht wieder anders aus. Nicht schneller, sondern tiefer atmen.
Einmal wird mein letzter Atemzug sein. Wann war mein erster? Der Lebensatem: ein Hinweis, dass ich mein Leben nicht selbst gemacht, sondern empfangen habe – und dass es einmal zu Ende geht.
In vielen Sprachen hat das Wort für den Heiligen Geist mit Hauch, Wind, Luft zu tun: griechisch Pneuma, lateinisch Spiritus, hebräisch Ruach.
Am Sonntag ist Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Atme in mir, Heiliger Geist!


Mittwoch, 27. Mai:
Feuer


Feuer:
Was fällt Ihnen dazu als erstes ein?
- Zerstörendes Feuer: eine Wohnung, ein Haus, ein Wald brennt? Feuerwehr?!
- Feuer und Flamme – heute begeistert - und morgen? Vergessen, erloschen, kalter Rauch?
- Feuerstelle, die wärmt und Licht spendet?
Menschen, die begeistert sind und begeistern können: da sagt man auch: in ihnen brennt etwas! Die haben ein Feuer in sich!
Und ich: bin ich zufrieden mit einem Leben auf Sparflamme?
Oder bin ich in Gefahr, dass mich das Feuer auffrisst: burn out?


Feuer ist ein altes Symbol für den Heiligen Geist. Ein Bild für die Kraft, die Lebendigkeit und die Begeisterung, die er schenken kann.
Und das im rechten Maß: Feuer, das nicht zerstört und nicht erlischt.
In einem alten Gebet aus der Ostkirche heißt es:
„Entzünde in uns Dein Feuer,
dass wir selber zum Lichte werden,
das leuchtet und wärmt und tröstet.“


In den 9 Tagen vor Pfingsten, der so genannten Pfingstnovene, beten die Christen um den Heiligen Geist. Komm, Heiliger Geist!


Donnerstag, 28. Mai:
Status


Von Paul Watzlawick stammt das folgende Zitat:
„Viele Menschen
kaufen mit dem Geld, das sie nicht haben,
Dinge, die sie nicht brauchen,
um damit Menschen zu beeindrucken, die sie nicht mögen.“


Wie frei sind wir alle heutzutage – und zugleich: wie abhängig!
Viele geraten unter Druck, vor sich und anderen bestehen zu können: Markenjeans schon im Kindergarten – sonst wird mein Kind ausgelacht!
Urlaub in der Karibik – auf jeden Fall länger und teurer als die Nachbarn und die Verwandten!!
Statussymbole geben uns Sicherheit: die dicke Brieftasche, die Kreditkarte, das Cabrio, neueste Mode.


Bei vielen elektronischen Geräten gibt es die so genannte Statusabfrage.
Übertragen auf unser Leben könnten Christen etwa folgendermaßen antworten:
Status: Geliebte Tochter/geliebter Sohn Gottes.
Statussymbol: Osterkerze, Taufwasser
Verbleibende Arbeitszeit: z.B. 10 Jahre und 3 Monate bis zur Pension.
Verbleibende Lebenszeit: unendlich.


Wie abhängig sind wir alle heutzutage – und zugleich: Wie frei können wir sein!
Am Sonntag ist Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Komm Heiliger Geist! Komm, Geist der Freiheit!


Freitag, 29. Mai:
Pfingsten


Für viele beginnen heute die Pfingstferien. Aus dem deutschen Wort „Pfingsten“ hören wir zunächst keine Bedeutung heraus. Es ist die „Eindeutschung“ eines griechischen Wortes - und das ist eine Zahlenangabe: „Pentekosté“: der 50., nämlich der 50. Tag.
Und damit sind wir mitten im Judentum: Das so genannte Wochenfest wurde am 50. Tag nach dem Pesach als Erntefest begangen.
Wie so oft im Judentum sind Zahlen aber mehr als bloße Zahlen. Sieben ist die Zahl der Fülle. Sieben mal sieben Tage, also sieben Wochen, ergibt 49, den ersten Tag mitgerechnet 50, also Zahl der Fülle mal Zahl der Fülle. Am 50. Tag nach der Auferstehung Jesu ereignen sich wundersame Dinge. Das ist der Ursprung des christlichen Pfingstfestes.
Ostern: 40 Tage Vorbereitung, 50 Tage gefeiert, ein ganzes Jahr lang gelebt. Wöchentliche Erinnerung: der Sonntag. Pfingsten ist der Abschluss der Osterzeit. Aber kein beruhigter Abschluss, sondern schwungvoller Impuls des Heiligen Geistes! Kein Punkt, sondern ein Doppelpunkt: jetzt geht es erst richtig los! Nicht Zielflagge, sondern Startschuss: Geht hinaus in die ganze Welt! Alle Menschen sollen die Frohe Botschaft erfahren!
Am Sonntag ist Pfingsten. Komm Heiliger Geist!


Samstag, 30. Mai:
Turm zu Babel


Im ersten Buch der Bibel, Genesis 11, findet sich die Erzählung vom Turm zu Babel.
Die Menschen wollten hoch hinaus, immer höher, wollten ganz nach oben – um schließlich göttlich zu sein.
Aber was geschah? Sie kamen zwar hoch hinaus und immer höher, aber sie wurden nicht göttlich und zugleich immer unmenschlicher. Sie kamen immer weiter auseinander, entfernten sich, verstanden einander nicht mehr, hatten keine gemeinsame Sprache mehr.
Zu Pfingsten geschieht das Gegenteil. Gott geht den umgekehrten Weg, genau die entgegen gesetzte Richtung. In Jesus wird der Sohn Gottes Mensch, steigt vom Himmel herab, begegnet dem Menschen auf Augenhöhe, steigt herab in unsere Abgründe und Sinnlöcher. Jesus möchte die Menschen zusammen- und zu Gott führen. Je mehr wir seiner Spur folgen und ihm ähnlich werden, umso göttlicher werden wir und umso näher kommen wir den Menschen, umso mehr verstehen wir die anderen. Am Pfingstfest hörte jeder die anderen in seiner Sprache reden!
Morgen ist Pfingsten. Komm Heiliger Geist! Hilf, dass wir einander verstehen!