„Die Gemeinde der Zukunft beginnt heute“

„Wir stehen ohne Zweifel in einer Zeit des Übergangs in der Kirche“, sagte Dr. Christian Hennecke, Regens des Priesterseminars der Diözese Hildesheim, bei einem Vortrag zum Thema „Die Gemeinde der Zukunft beginnt heute“ im Stift Seitenstetten. Es gelte, den „Kairos der Verheißung“ wahrzunehmen: Die aktuelle Kirchenkrise sei „eine gute Gelegenheit zu erkennen, was Gott seiner Kirche gerade jetzt schenkt“. Die Zukunft der Kirche sei jedoch „nicht die Kirche selbst“, wie Hennecke betonte, „sondern viel mehr: das himmlische Jerusalem“, oder – nach den Worten Johannes Pauls II. – eine „Zivilisation der Liebe“.
Das himmlische Jerusalem habe keinen Tempel in seiner Mitte, erinnerte Dr. Hennecke an die Offenbarung des Johannes, Gott selbst stehe im Mittelpunkt: „Darauf gehen wir zu, auf die Wirklichkeit des Herrn.“ Es könne daher nicht um Kirchengebäude oder um die Einrichtung von Pfarrverbänden gehen, sondern „um eine Stadt, das heißt um eine Gemeinschaft, die offene Tore hat und dem Heil der Welt dient“. Die Verheißung Gottes in der Offenbarung laute: „Ich mache alles neu.“ Diese Erneuerung werde „mit oder ohne uns geschehen“, meinte Hennecke, doch es sei „Gottes Sehnsucht, dass wir mit ihm gehen“.


Über die Zukunft der Kirche werde oft „viel zu klein“ gedacht, kritisierte Hennecke. Die meisten Verantwortungsträger seien „froh, dass es wenigstens so bleibt, wie es ist“. Dies sei jedoch kein Zukunftsszenario, warnte Hennecke und regte an, eine „eschatologische Pastoral“ zu entwickeln. Eine visionäre Pastoral setze Prioritäten, dies bedeute aber auch, nicht Vorrangiges und Überholtes loslassen zu können. Es gelte „sich wach zu halten dafür, was Gott mit uns vorhat, auch an Irritierendem geplant hat“, sagte Hennecke und zitierte den Apostel Paulus: „Erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist.“ (Röm 12,2)


„Hauptsache am Sonntag ist die Messe um 10 Uhr“


Wer keine Vision entwickle, könne sich nicht auf die Zukunft einlassen und halte daher am Überkommenen fest, erklärte Henneke die vorherrschende „Option der Bestandswahrung“. Durch die Zusammenführung von Pfarren und die Bildung neuer Seelsorgeräume könnte die Kirche „vielleicht noch einige Jahrzehnte so weiter machen“. Die Probleme würden durch „Downsizing“ scheinbar behoben und der Eindruck geschaffen, „dass es irgendwie noch weitergehen kann wie bisher“.
Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise werde jedoch ein früheres Umdenken erzwingen. „Der Leidensdruck war bisher noch nicht groß genug“, so Hennecke. Es gelte das Motto: „Wir sparen, aber Hauptsache am Sonntag ist die Messe um 10 Uhr. Das Wichtigste ist, dass alles bleibt wie bisher.“ In diesem Zusammenhang ortete Hennecke ein „Noch-Syndrom“: „Es geht noch, wir schaffen es noch.“ Dies sei keine Perspektive die in die Zukunft gerichtet, sondern die rückwärts orientiert sei.


Als Beispiel nannte Hennecke den „angeblichen Priestermangel“. Der Begriff „Mangel“ beziehe sich auf eine Vergangenheit, die als „normativ“ gelte. „Doch wer sagt denn, wie viele Priester wir brauchen?“ Wenn wir die Zahl der Gläubigen, die auf einen Priester kommen, verglichen, müssten eigentlich wir Priester in die Länder des Südens schicken, veranschaulichte Hennecke die Verhältnisse. Ebenso verhalte es sich mit dem vielfach beklagten Mangel an Gläubigen: Zwar sei der Anteil von Kirchenbesuchern in den letzten 50 Jahren von 60% auf 7% gesunken, doch könnten Zahlen nicht die Tiefe des Glaubens wiedergeben. Angesichts des Engagements und der Spiritualität, die heute gelebt werden, stelle sich die Frage, ob die Zahl der Gläubigen heute tatsächlich abgenommen habe oder nicht vielleicht sogar angestiegen sei, gab Hennecke zu bedenken.


„Wir befinden uns mitten im Wechsel des kirchlichen Betriebssystems“, betonte Hennecke. Dieses müsse erst erlernt werden. „Die Koordinaten, die wir gewohnt sind, passen nicht mehr.“ Hennecke verglich die aktuelle Situation der Kirche mit der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste: Da das verheißene Land noch nicht erreicht sei, werde die Vergangenheit glorifiziert. Auch heute sehne sich das Volk nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Gott habe sein Volk auf dem Weg mit allem versorgt und trotzdem „murrte“ es und zweifelte, erinnerte Hennecke. Auch in der heutigen Situation könne es passieren, dass das Kirchenvolk aufgrund seines „Murrens“ in der Wüste bleiben muss und erste die nächste Generation in das „gelobte Land“ kommt. „Wir erleben gerade ein spannendes Kapitel der Evolutionstheologie Gottes“, schloss Hennecke.


Foto:Dr. Christian Hennecke mit dem Direktor der Pastoralen Dienste der Diözese St. Pölten, Dr. Sepp Winkelmayr, und dem Direktor des Bildungszentrums St. Benedikt in Seitenstetten, Dr. Erich Ortner.