An der Hand nehmen und einen Weg zeigen

35 Jahre ist sie alt geworden und begehrter als je zuvor, nimmt man die steigenden Anrufzahlen als Zeichen. 30.000 Mal im Jahr läutet es bei der Telefonseelsorge. Immer mehr Menschen suchen Hilfe und nützen die Nummer 142. Die Idee der Telefonseelsorge kommt ursprünglich aus England. 1974 wurde sie auch in St. Pölten gegründet: Leo Plener und Franz Habersatter haben ihr das „Gehen“ gelernt. Niemand kennt die Entwicklung besser als Friederike und ihr Mann Bernhard. Sie waren von Anfang an mit dabei.
Friederike hat bisher über 50.000 Stunden am Telefon zugebracht. Eine unvorstellbare Leistung. Am Anfang waren es viele Nachtdienste. Damals auf harten Stühlen, von 17 bis 23 Uhr. Tausenden Menschen hat sie zugehört, ihnen Halt gegeben, Trost und Mut zugesprochen. Den meisten konnte sie einen Weg aus der Krise weisen.
„Wie hält man das aus“ - „Man muss selbst ein fröhlicher Mensch sein“, sagt sie. Man dürfe die Probleme nicht auf sich beziehen - „man muss fähig bleiben, den Menschen in Not eine hilfreiche Hand reichen zu können“.
Manchmal war es schwer, zu schwer – „und manchmal habe ich leise mitgeheult“, verrät Friederike. Den Hörer krampfhaft in der Hand, als ob man den Anrufer zurückhalten möchte, wenn er von Selbstmord spricht. Ein Aufatmen, wenn er erleichtert auflegt – ein kurzes Stoßgebet – noch immer zittern die Knie. Und dann läutet es wieder … Was ist erfreulich? „Wenn Menschen, denen ich vor dreißig Jahren geholfen haben, heute noch mit ihren Problemen kommen, dann weiß ich: es war nicht umsonst“, sagt Friederike zufrieden.


Die Zeiten haben sich geändert. Statt 16 MitarbeiterInnen gibt es heute 71. Die harten Stühle sind bequemeren Bürosesseln gewichen und die Telefonanlage ist moderner geworden. Die Anrufer wählen heute die kostenlose Notrufnummer 142. Ein Gewinn für die Hilfesuchenden, aber auch für das Seelsorgeteam, das von Freiwilligen aus der katholischen und evangelischen Kirche gestellt wird. Gab es 1993 noch 4.500 Anrufe, so ist diese Zahl bis 2007 auf über 29.000 gestiegen – allerdings mit Störanrufen und verwählten Nummern. „Echte Gespräche“ gibt es etwa 12.000 – das sind etwa 32 ernste Gespräche am Tag. Manche rufen nur ein Mal an, andere aber wenden sich immer wieder an die Telefonseelsorge, wenn sie nicht weiter wissen, berichtet die Leiterin Mag. Irene Gartner. Dann heißt es, diese Menschen gleichsam an der Hand zu nehmen und ein Stück des Lebensweges zu begleiten. Geändert haben sich die Gründe für die Anrufe.
Einsamkeit, psychische Probleme, Depressionen und Burnout haben stark zugenommen. Beziehungsprobleme kommen immer wieder. Die Anrufer sind vor allem Menschen in der beginnenden Lebensmitte, meist zwischen 30 und 40 Jahre alt und vornehmlich Frauen. „Wir versuchen zuzuhören und zu reden. Wir versuchen, die Menschen in ihren Situationen zu begleiten“, erklärt Gartner. Deprimierend ist es, wenn Menschen immer wieder anrufen und man merkt: es ändert sich nichts. „Dann heißt es, sie zu begleiten und ihnen immer wieder Mut zu machen“.
Eine besondere Herausforderung sind die Suicidanrufe. Über 100 gibt es Jahr für Jahr – „das lässt niemanden kalt“, sagte Irene Gartner. „Hier heißt es, ganz sensibel zuzuhören und zu reagieren“. Die Emailberatung, die seit einigen Jahren angeboten wird, steckt noch in den Kinderschuhen. 56 Mails im Jahr – und 40 bei der Kidsline sind derzeit noch leicht zu bewältigen.


Kinds-Line


Seit vier Jahren geht die Telefonseesorge auf eine neue Zielgruppe zu, auf die Kids. Noch nicht rund um die Uhr, sondern Montag, Mittwoch und Freitag können die Jugendlichen von 18 bis 22 Uhr die Nummer 142 mit Durchwahl 14 wählen. Es sind meist Menschen von 11 bis 16 Jahren. „Diesen Bereich können wir derzeit noch gut abdecken“, meint die zuständige Referentin Maria Kargl. Die Sorgen und Ängste der Jugendlichen nehmen stetig zu; viele verlieren den Anschluss an Gruppen Gleichaltriger und wissen ohne Computer nichts mehr anzufangen. Es sind vor allem Beziehungsfragen, Schulprobleme, Mobbing und Außenseiterprobleme, die die Jugendlichen bedrücken.