20 Jahre „Forum Ostarrichi“ in Neuhofen

Für eine Ratifizierung des Lissabonvertrages durch alle EU-Staaten sprach sich der Theologe, Philosoph und Mediziner Univ. Prof. DDr. Matthias Beck beim Forum Ostarrichi des Katholischen Laienrates in Neuhofen/Ybs aus. „Wir brauchen diesen hohen Standard, um auch unsere christlichen Werte zu verteidigen“, unterstrich er in Hinblick auf die Verankerung der Menschenwürde in der Verfassung. Im Mittelpunkt der Vorträge und Arbeitskreise des diesjährigen Forum Ostarrichi stand das Thema „Menschenwürde versus Menschenverachtung – Frisst die Arbeitswelt den Bürger auf?“ Das Forum Ostarrichi, an dem Gäste aus Bulgarien, Rumänien, Ungarn und der Ukraine teilnahmen, fand bereits zum 20. Mal statt. Unter den Teilnehmern auch der Referatsbischof Dr. Paul Iby aus Eisenstadt.


Während sich die Ethik der Frage des Gewissens widmet, stelle sich das Recht die Frage, was erlaubt sei und was nicht. Dazwischen liege oft eine Diskrepanz, die zu Spannungen führe, erklärte Beck.


Beck für stärkere Verankerung der Menschenwürde


Die Menschenwürde habe eine lange Tradition. Sie habe sich aus dem jüdischen Gottesbild entwickelt und sei von der Theologie - in der Neuzeit vornehmlich von protestantischen Philosophen wie Immanuel Kant - weiterentwickelt worden. Der Mensch falle nach Kant aus den Verwertungskriterien heraus, er sei einmalig und unersetzbar und habe einen von Gott ihm zugewiesenen Platz. In der Argumentation auf EU-Ebene, so Beck, seien jedoch rein philosophische und nicht religiöse Argumente gefragt.
In Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes sei die Würde des Menschen verankert und habe Verfassungsrang. Im Artikel 2 werde hingewiesen, dass „jeder“ das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit habe. Der Mensch dürfe daher nicht instrumentalisiert werden.
Menschlichem Leben komme nach dem Grundgesetz also Menschenwürde zu. Dies gelte nach den Argumentationen wie der Spezies, der Kontinuität, der Potentialität und der Individualität auch für die Embryonen, da sie ebenso einzigartig und einmalig seien und das Menschsein sowie ihre Individualität in sich tragen.
So dürfen nach dem deutschen Grundgesetz keine überzähligen Embryonen erzeugt und Zellen nur für die medizinische Unterstützung der Fortpflanzung verwendet werden, sagte Beck. In Österreich sei die Gesetzeslage liberaler, wies er hin. So müssen überzählige Stammzellen vernichtet und dürfen nicht für Forschung verwendet werden.


Gleitsmann: Bieten hohes Niveau für Menschenwürde


Auf ein „hohes Schutzniveau“ für die Menschenwürde in der Wirtschafts- und Arbeitswelt verwies der Abteilungsleiter für Sozialpolitik und Gesundheit in der Österreichischen Wirtschaftskammer, Dr. Martin Gleitsmann. Er unterstrich die hohen Standards bei der Gleichbehandlung und dem Diskriminierungsverbote. In Österreich unterliegen 98 Prozent der Beschäftigten dem Kollektivvertrag, während es im Nachbarland Deutschland lediglich 50 Prozent seien. Stolz sei die Wirtschaftskammer auf die Gesundheitsförderung, die Integration Behinderter in die Arbeitswelt, das neue Mentoring für Migranten und die Coaching-projekte für langzeitarbeitslose Jugendliche. Es gehe letztlich um die „soziale Gesundheit“, die dann gegeben sei, wenn es dem Betrieb sowie jedem einzelnen im Betrieb gut gehe, unterstrich Gleitsmann.


Sieder: neoliberale Wirtschaft versklavt den Menschen


Betriebsseelsorger Franz Sieder aus Amstetten berichtete über seine Betriebseinsätze und seine dortigen Erfahrungen. Er kritisierte dabei vor allem die Arbeitsbedingungen am Fließband, die zunehmenden prekären Arbeitsverhältnisse sowie das zunehmende Mobbing. Dieses, so Sieder, werde sogar in Managerkursen gelehrt, wie ihm ein Kursteilnehmer versicherte. Zudem würden heute viele Menschen trotz Vollerwerbsarbeit bereits unter die Armutsgrenze fallen, sagte er. Dies seien Auswirkungen einer neoliberalen Wirtschaft, der es nicht mehr um die Menschen, sondern nur mehr um Gewinnmaximierung gehe. Der Wirtschaft sei es gelungen, auch die politischen Kräfte in ihren Bann zu ziehen, so Sieder.
Arbeit brauche aber Elemente zur Selbstverwirklichung, es brauche Phasen der Ruhe und Entspannung. Steter Stress sei unmenschlich und laufe auch der katholischen Soziallehre zuwider. Der Betriebsseelsorger trat zudem für eine Grundsicherung ein, in der nicht die Leistung zähle, sondern das Menschsein.